Buchkritik

Aufwachsen zwischen Atari und Gewalt: Anthony Passerons Roman „Jacky“

Anthony Passeron erzählt in „Jacky“ von einer Kindheit, in der Computerspiele zum Zufluchtsort werden. Ein trauriger Roman über die Sehnsucht nach einer anderen Welt.

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Von Autor/in Jörg Magenau

Autoren früherer Generationen hätten die Geschichte ihrer Jugend über ihre Lektüren erzählt. Welche Bücher waren in welchem Alter wichtig, was haben sie in ihnen ausgelöst, und so weiter. Anthony Passeron, Jahrgang 1983, macht es anders.

Sein zweiter autofiktionaler Roman „Jacky“ folgt den Computerspielen, die seine Kindheit strukturierten und die ihm so etwas wie Halt und ein Zuhause gaben.

Die drei Kapitel des Romans heißen nach den jeweils vorherrschenden Geräten der Jahre 1989 bis 1995: Atari, Nintendo und Sega Mega Drive. Die Namen sind Verheißungen. Sie stehen für all die Erfahrungen, die damit möglich waren.

Die Computerspiele boten eine Wirklichkeit, die beruhigender, beständiger und oft verständlicher war als die der Erwachsenen. Sie fügten meinem Leben einen neuen Ort, eine zusätzliche Dimension, ein anderes Verhältnis zu Zeit und Raum hinzu.

Passeron spricht über Computerspiele, als handle es sich dabei um Literatur. Auch diese Spiele erzählen Geschichten, entwerfen fantastische Welten und verlangen Fantasie, Geschick und Neugier.

Kein Wunder, dass Passeron die Entwickler als Autoren betrachtet, wenn er ihre biografischen Hintergründe in seine Kindheitsgeschichte einbaut, um die Entstehung ihrer Werke nachvollziehbar zu machen.

Öffnung einer engen Welt

Passeron wuchs in einem alpinen Bergdorf im Hinterland von Nizza auf, in einer ländlichen, abgeschiedenen Gegend, deren alte Ordnung unter dem Druck der kapitalistischen Moderne zerbricht. 

Zur Öffnung und Veränderung trugen nicht zuletzt auch die Computerspiele bei, deren kalifornische und japanische Weltentwürfe in die südfranzösische Tristesse eindringen.

„Seit Generationen kamen wir hier zur Welt. Alle stammten wir aus demselben Unterleib, aus den Eingeweiden dieser engen Täler, die die Berge zerfurchen. Jahrhundertelang waren wir auf uns allein gestellt, von der Welt abgeschnitten.“

Als die Straßen und die Eisenbahn von der Küste kamen, geriet etwas ins Rutschen. Zum ersten Mal in unserer Geschichte gab es ein Anderswo. Damit ging eine Welt unter, ein Land, das schon bald seine Kinder fortziehen sah.

Vom Fortgehen handelte schon Passerons gefeiertes Debüt „Die Schlafenden“. Darin erzählte er vom Bruder seines Vaters, der nach Amsterdam ging, heroinsüchtig wurde und an einer Überdosis starb. Auch in „Jacky“ spielt dieser Onkel eine Rolle, aber er ist nicht der einzige Todesfall in der Familie.

Anthony Passeron
Anthony Passeron (c) Mathieux Bourgois, opale.photo

Die neue Zeit zerstört die dörflichen Strukturen. Mit den Einkaufszentren an der Küste können die lokalen Geschäfte nicht mithalten. Auch die Metzgerei des Vaters, seit Generationen ein Familienbetrieb, geht unter; der Vater arbeitet in der Fleischfabrik und zerstört mit seiner wachsenden Aggressivität die Familie.

Vom Vater verjagt

„Jacky“ ist der Name, den der Vater sich gab, ohne zu wissen, dass das für Städter ein Synonym für Hinterwäldler ist, die in alten Schrottkarren mit seltsamer Technik herumfahren. Passeron war zwölf Jahre alt, als sein Vater die Familie verließ, um mit einer minderjährigen Geliebten ein neues Leben zu beginnen.

Am Ende der Erinnerungen steht der Schock, vom Vater aus dessen neuer Wohnung verjagt zu werden. Am Anfang dagegen die Szene, in der Anthony seinen Atari und sein Skateboard bei einem Trödler entdeckt. Anthonys schweigsamer Zwillingsbruder rafft sich da zu einem seiner seltenen Sätze auf, der sein Schweigen endgültig werden zu lassen droht:

Mit dem rede ich kein Wort mehr.

Den Schmerz des Verlassenseins bearbeitet Passeron mit nüchternem, soziologischem Interesse.

Das erinnert an Édouard Louis, einen anderen französischen Autor, der mit seinen äußerst erfolgreichen autofiktionalen Büchern der eigenen Herkunft aus sozial prekären, provinziellen Verhältnissen nachspürt – eine literarische Tradition, die in der Nachfolge von Annie Ernaux in Frankreich besonders wirkungsmächtig ist.

Alte Vorstellung von Männlichkeit

Passeron neigt ebenso wenig wie Louis dazu, die Dorfwelt als Gegenbild zur Moderne zu verklären. Dazu war sie viel zu gewalttätig. Passeron und sein Zwillingsbruder hatten darunter besonders zu leiden, weil sie nicht sportlich und nicht kräftig waren und sich, zum Leidwesen ihres Metzger-Vaters, gegen Angriffe nicht wehren wollten.

Der Vater steht für eine alte, brutale Vorstellung von Männlichkeit, in der bloß Stärke zählt, in der man über Gefühle nicht spricht und in der das Wort „Schwuchtel“ die größtmögliche Beleidigung bedeutet.

Nichts Schlimmeres für Anthony und seinen Bruder, als das Handballtraining, das darin gipfelt, die Schwächsten in der Kabine zu quälen. Was für eine Befreiung, von dort zu den Computerspielen zurückkehren zu dürfen. Zwar werden dort auch Feinde zerstückelt und verbrannt, doch das bleibt virtuell und hinterlässt keine blauen Flecken.

Ein schwarzer Plastikkasten als Zuflucht

„Meine Eltern gaben es schließlich auf. Wir durften wieder mit unserem Sega Mega Drive alles hinter uns lassen. Nur bei ihm konnten wir dieses Dorf vergessen, diese winzige Gemeinschaft, in der man sich nur durch rohe Gewalt behaupten konnte.“

Nichts schien dieses Gesetz aufheben zu können. Nichts außer diesem schwarzen Plastikkasten aus Japan.

„Jacky“ ist ein stiller, trauriger Roman, in dem der Lärm der Computerspiele den einzigen Trost- und Fluchtraum bildet.

Die Idee, die Chronik ihrer technologischen Entwicklung mit biographischen Abschnitten zu verknüpfen, funktioniert deshalb so gut, weil es in diesem Fall tatsächlich zusammengehört und die radikale historische Umwälzung begreiflich macht.

„Jacky“ ist eine so schlichte wie kluge und eindrucksvolle Coming-of-Age-Geschichte, die zeigt, wie technische Objekte zu Begleitern und Mitspielern sozialer Umbrüche werden.

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Autor/in
Jörg Magenau