Montezuma soll täglich zwanzig Tassen Kakao getrunken haben, verfeinert mit Vanille, um sich fit zu halten für seine zahlreichen Ehefrauen. Bekanntlich wurden der Aztekenherrscher und dessen Volk vom spanischen Conquistador Cortés 1520 niedergemetzelt.
Der nahm die Vanillepflanze mit nach Hause und versprach sich ein Vermögen vom Anbau. Wie es so läuft im Kolonialismus.
In Europa und später in den Kolonien wuchsen die Pflanzen zwar wie Unkraut, blühten reichlich, trugen aber keine Früchte, aus denen die dunklen, duftenden Vanille-Schoten ja erst gewonnen werden. Zur Befruchtung fehlte jene Kleinbiene, die in Mexiko den Job machte.
Ein Zwölfjähriger, besessen vom Geheimnis der Vanille
Mehr als 300 Jahre später gelingt auf der Île de Bourbon vor der Küste Afrikas – dem heutigen La Réunion – 1841 erstmals die künstliche Bestäubung der empfindlichen Vanilleblüten im großen Stil.
Und entwickelt hat dieses Verfahren nicht etwa ein berühmter weißer Botaniker, sondern ein zwölfjähriger Schwarzer Junge namens Edmond, Kind mosambikanischer Sklaven und Schützling des französischen Kolonisten Ferréol.
Der, selbst ein besessener Orchideenzüchter, hatte dem kleinen Edmond wieder und wieder von dieser sagenhaften „seltensten Frucht“ erzählt:
Der Geschichte der Vanille, von den aztekischen Wäldern über Gibraltar und die Weiten Andalusiens bis nach Bellevue, lauscht Edmond, seit er vier Jahre und sieben Monate alt ist und mehrere Zyklone erlebt hat, mit offenem Mund. [...]
„So kommt es, dass er von der Vanille besessen ist, süchtig ist nach einer verwaisten Liane, die zwischen vier kleinen Holzbrettern um den halben Globus gereist ist. Edmond entbrennt so sehr für diese Orchideengeschichte, dass er derjenige sein will, der ihr Geheimnis lüftet.
[...] Ferréol, der viel redet, aber nicht mehr zuhört, bemerkt den Sturm nicht, der sich unter dem Schädel seines kleinen kreolischen Linné zusammenbraut, der nun selbst nach der seltensten Frucht sucht.“
Mit Liebe zur Figur
Diesen Edmond, der sich nach dem Ende der Sklaverei den Nachnamen „Albius“ gab, lässt die Schriftstellerin Gaëlle Bélem, geboren 1984 auf La Réunion, wo sie heute wieder lebt und arbeitet, in ihrer Romanbiografie „Die seltenste Frucht“ mit spürbarer Liebe zu ihrer Figur wieder lebendig werden.
Sie zitiert aus zeitgenössischen Briefen und Berichten und ergänzt die Lücken in diesen Dokumenten eines Zeitalters, das von versklavten Menschen in der Regel wenig Notiz nahm, mit überzeugender Fabulierfreude.
So wird der eigensinnige Charme des kleinen Edmond genauso anschaulich wie die Illusionslosigkeit, die Melancholie des Erwachsenen, der von seiner großen Entdeckung letztlich nichts hatte – außer ein paar Monaten flüchtigen regionalen Ruhms, während er den Pflanzern sein Befruchtungsverfahren beibrachte.
Dabei profitierte vom Boom der Vanille die ganze Insel, die Großgrundbesitzer, die „Gros Blancs“, ebenso wie die verarmten Kolonisten, die „Petit Blancs“, und selbst die in Asien angeworbenen Arbeitsmigranten.
Edmond Albius hingegen landete wegen der Verwicklung in einen Diebstahl für Jahre im Gefängnis. Eine Belohnung für seine Verdienste erhielt er nie und starb 1880, fünf Jahre nach dem frühen Tod seiner jungen Frau, gerade fünfzig und völlig mittellos.
Der Einzelne und die Verhältnisse – und der Kolonialismus
Albius‘ wechselvolle und traurig endende Lebensgeschichte macht Gaëlle Bélem zum Lehrstück über die absurde Macht der Verhältnisse, gegen die das individuelle Streben, und sei es noch so ambitioniert, keine Chance hat.
Zum historischen Roman wird das Buch, indem sie darin wichtige Kapitel der französischen Kolonialgeschichte aufblättert.
Diese Geschichte erzählt sie in den Geschichten Einzelner: in den Geschicken der Vorfahren von Edmonds Mentor Ferréol oder der Geschichte von Edmonds Schwiegervater, einem Mann aus dem französisch kolonisierten Teil Südindiens, der als billige Arbeitskraft auf die Insel gekommen war.
„Auf seiner neuen Insel unterschrieb er einen Sechsjahreskontrakt und tauschte Koromandel gegen das Camp der Malabars, einen Stadtteil von Saint-Denis zwischen der Rue Labourdonnais und dem Meer.“
Dort lebten Steineklopfer, Ziegelbrenner, Korbflechter, Silberschmiede und Bootsbauer. Für sie alle waren Karaikal, Bengalen und die Stadt Daman nur noch eine in Tränen und Blut getränkte Vergangenheit.
Die Desbassayns und andere Großgrundbesitzer taten sich zusammen. Sie warben eine Menge Inder an, die mit der Hacke umzugehen wussten, bauten für sie Tempel und vergaben Großaufträge: dreihundert Kilo Reis, rund fünfzig Trommeln und maalais, Blumengirlanden in Mosaikfarben.
„Sodann fünfunddreißig Paar Ohrstöpsel für die vier Tage im Januar, an denen das Pongal-Fest stattfinden und das Gesinde Le Barachois mit Tamil Nadu verwechseln würde.“
Solche Exkurse geschehen nur scheinbar nebenbei. Gaëlle Bélem, die als Lehrerin für Latein, Geschichte und Geografie arbeitet, ist eine gewiefte, effektsichere Erzählerin, die unterschiedlichste Stilmittel in einem überzeugenden Erzählkonstrukt verbindet.
Der Schmerzensmann und die derbe Komik
Mit einem Hauch von magischem Realismus schildert sie die Atmosphäre im Haus des verbitterten Witwers Ferréol, bevor sein Sonnenschein Edmond in sein Leben tritt, die schimmelnden Tapeten und spukenden Toten. Ausdrücke und Phrasen aus dem Réunion-Kreolisch stehen neben Sentenzen in der Tradition der moralischen Erzählung.
In der Manier der Klassiker versieht sie Edmond, seinem lebhaft-unbekümmerten Kindheitstemperament zum Trotz, von Anfang an mit Attributen des Schmerzensmanns, doch die Vorausdeutungen auf tragische Entwicklungen, die so erzeugte Erwartung erhabener Ereignisse bricht sie mit Komik, ja Derbheit. Selbst im Augenblick des größten Triumphs:
„Angesichts all dieser Menschen, die, den Mund halb offen, in gespannter Erwartung zu ihm aufsehen, fühlt Edmond, wie ihm die Flügel des Ikarus wachsen. Sie werden ihn bis zur Sonne tragen. [...] Mit einem Mal kommt er ins Grübeln. Mit einem Mal verlässt ihn der Mut. Mit einem Mal bricht er zusammen.
Er ist Schwarz, er ist arm, er ist Waise und ... Scheiß drauf!
Gaëlle Bélem ist ein spannender, sinnlicher, lehrreicher und auf jeder Seite lesenswerter Roman über eine der großen Ungerechtigkeiten in der Geschichte menschlicher Entdeckungen gelungen. Diese kreolische Erzählstimme wird noch viele Leserherzen in aller Welt erobern.
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