SWR1: SWR1: Du hebst jeden Tag ein Stück Müll von der Straße auf. Warum glaubst Du, dass solche Miniaktionen trotzdem den Unterschied machen können?
Dirk Steffens: Weil alle großen Entwicklungen in der menschlichen Geschichte damit begonnen haben, dass irgendjemand mal mit irgendwas angefangen hat. Ich bin als Wissenschaftsjournalist auf diese Idee aus der Biologie gestoßen. Da denkt man eher naturwissenschaftlich.
Der berühmte Ameisenforscher Edward O. Wilson hat beobachtet, dass bei Ameisen – die wir immer für blöde, willenlose Klone halten, die nie eine eigene Entscheidung treffen – ab und zu eine einzige Ameise einen anderen Weg einschlägt als alle anderen. Und dann passiert etwas sehr Interessantes: Dieser einzelnen Ameise laufen, hunderte oder tausende andere Ameisen hinterher. So erschließt sich das Ameisenvolk neue Möglichkeiten, neue Nahrungsquellen, neue Lebensräume.
Biologie Sprengmeister und Sklavenhalter – Die Welt der Ameisen
Das Sozialverhalten bestimmter Ameisenarten ist faszinierend. Über die wunderbare und manchmal auch brutale Welt der Ameisen erzählt Ameisenforscherin Susanne Foitzik.
Was ich damit sagen will: Wir unterschätzen oft die Macht des guten Beispiels. Das ist das eine. Das andere ist, man fühlt sich selbst auch wieder ermächtigt. Wir kennen alle das Gefühl: Man soll zu Hause eine Energiesparlampe im Keller reindrehen und in China geht ein neues Kohlekraftwerk ans Netz. Dann denkt man sich: Das bringt doch alles nichts.
Wir unterschätzen oft die Macht des guten Beispiels
Wenn man aber anfängt, etwas zu machen – egal, wie klein es ist - verliert man dieses Gefühl der Machtlosigkeit und hat ein bisschen den kleinen Eindruck, man kann Einfluss darauf nehmen, wie die Zukunft sein wird. Und das ist ehrlich gesagt ein richtig geiles Gefühl.
Lösungen für das Ernährungsproblem der Weltbevölkerung
SWR1: Ein ganz großes Thema in Deinem Buch ist auch unser Konsum. Du sagst, jeder Einkauf ist so eine Art Volksabstimmung. Wie können wir beim Einkaufen denn die Welt ein bisschen besser machen?
Steffens: Wenn man mal überlegt, man hat morgens noch nicht mal das Haus verlassen und sitzt am Frühstückstisch. Der Kaffee kommt vielleicht aus Äthiopien, die süße Creme, die man sich aufs Brot schmiert, kommt aus Indonesien. Der Sesam kommt aus Indien und aus Kanada kommt der Weizen für unser Brot.
Jeder einzelne Einkauf ist tatsächlich wie eine Volksabstimmung
Also, der Frühstückstisch ist wie eine Sitzung der Vereinten Nationen. Je nachdem, was man konsumiert, hat man Einfluss auf ökologische Wirkketten auf dem gesamten Planeten. Das macht deutlich, wie mächtig jeder Konsument ist. Jeder einzelne Einkauf ist tatsächlich wie eine Volksabstimmung.
Katastrophenschutz Lebensmittelversorgung – So bereitet Deutschland sich auf Krisen vor
Ist unsere Versorgung mit Lebensmitteln wie Getreide, Kartoffeln und Fleisch in Krisenzeiten gesichert – angesichts von Höfesterben und Umweltauflagen?
Und das ist eine gute Nachricht, denn das bedeutet, man muss nicht warten, bis man alle vier Jahre wählen kann, um Einfluss zu nehmen. Sondern man kann jeden Tag die ganze Welt beeinflussen. Das ist wirklich ein gutes Gefühl, wenn man sich das mal klar macht: Wir sind nicht machtlos.
Warum wir nicht aufgeben sollten, trotz aller Krisen
SWR1: In Deinem Buch geht es auch um düstere Themen, wie den Klimawandel und das Artensterben. Trotzdem bist Du hoffnungslos optimistisch. Warum ist Optimismus gerade da die richtige Haltung?
Steffens: Zum einen führt Aufgeben automatisch zur Niederlage. Und das wollen wir nicht. Wir wollen nicht, dass die Welt untergeht. Zum anderen arbeite ich als Wissenschaftsjournalist seit über 30 Jahren, bin in fast alle Länder dieser Welt gefahren und habe überall mit Forschenden geredet.
Die Wahrheit ist: Wir haben tatsächlich als Menschheit mehr Lösungen als Probleme.
Egal, ob du über das Klima redest, über das Artensterben oder die noch nicht so groß diskutierten ökologischen Probleme, wie Stoffkreisläufe oder Landverbrauch. Wir haben tatsächlich für all diese Probleme unglaublich viele Lösungsansätze.
Deutschland hat im vergangenen Jahr zum ersten Mal überhaupt alle Luftreinhaltungsziele erreicht und auch seine Klimaziele. 90 Prozent der weltweit neu installierten Energieanlagen sind erneuerbar - Kohle und Öl sind out.
Chinas Weg zur Klimaneutralität - Wo hohe Emissionen auf große Ambitionen treffen
Inzwischen sind in China sind über 60 Prozent aller Neuwagen E-Autos. Sie haben in den letzten sechs Monaten mehr Photovoltaik installiert als Deutschland in den vergangenen 25 Jahren. Damit ist der größte CO-2-Emittent der Welt plötzlich nicht mehr auf dem Weg nach oben mit seinen Emissionen, sondern ist stabil und beginnt, weniger zu emitieren. Unsere Welt ist gar nicht so kaputt, wie wir oft glauben.
Lösungen für unsere Probleme - ein Beispiel
SWR1: Du sagst, dass wir eigentlich schon alle Lösungen für die großen Probleme haben. Kannst Du uns mal ein Beispiel geben, was Dir Hoffnung macht, dass wir das wirklich alles hinkriegen können?
Steffens: Wir wissen natürlich ganz genau, wie man zum Beispiel die Energiewende schafft. Wir müssen vor allem die Energie- und Ernährungswende schaffen. Das sind die beiden wichtigsten Bereiche, sonst sterben wir aus. Also, wir müssen was zum Atmen und Trinken haben. Wir müssen Land haben, das funktioniert, und genug Süßwasser.
Die beiden wichtigsten Bereiche sind zurzeit Klima und Artensterben. Und das kann man hinkriegen, indem man mit der Energiewende und der Ernährungswende etwas macht. Ernährungswende bedeutet nicht, dass wir anders essen müssen, sondern nur, dass wir unsere Nahrungsmittel ein bisschen anders produzieren müssen. Die technischen Voraussetzungen dafür sind alle da, genau wie bei der Energiewende.
Landtag stimmt für weitere Windkraftflächen Mehr Platz für Windräder in Rheinland-Pfalz
In Reinland-Pfalz werden mehr Flächen für Windräder bereitgestellt werden. Das hat der Landtag trotz Kritik von Bürgern und Politikern entschieden.
Es ist inzwischen konkurrenzlos billig, Strom aus Sonne oder Wind zu produzieren. Deshalb bauen die meisten großen Konzerne auf der Welt auch keine Kohle- oder Ölkraftwerke mehr. Da hat sich also eine Dynamik entwickelt, die von allein die Innovation weitertreibt. Und das ist sehr vielversprechend.
Das heißt nicht, dass garantiert alles gut wird und wir uns nicht mehr anstrengen müssen. Wir müssen noch besser und noch schneller werden. Aber es gibt so viele technische Ansätze, Dinge besser zu machen, dass es überhaupt keinen Grund gibt, zu sagen, die Welt geht unter und alles ist sinnlos.
Warum uns Krisen mehr "begeistern"
SWR1: Es gibt also viele Gründe, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Wie erklärst Du es Dir, dass bei uns vor allem negative Meldungen hängen bleiben?
Steffens: Weil im Grunde unser Gehirn immer noch das Modell Neandertaler ist. Es gibt den modernen Menschen seit zwei-, dreihunderttausend Jahren, und das Gehirn hat sich in dieser Zeit nicht maßgeblich verändert. Unsere Intuition, unsere Instinkte sind geprägt worden in den 10.000 Generationen, die wir als Jäger und Sammler durch die Wildnis gestreift sind.
Unsere Instinkte passen einfach nicht mehr zu unserem Leben. Also ein Instinkt, der dich davor bewahrt, zu sterben, wenn der Säbelzahntiger in die Höhle kommt, war viele hunderttausend Jahre lang sehr sinnvoll. Aber der hilft dir im Schienenersatzverkehr nicht weiter oder wenn du deine Steuererklärung abgeben musst.
Negative Nachrichten triggern uns einfach stärker. Wenn du als Jäger und Sammler durch die Wildnis gelaufen bist, musstest du dir nicht die 99 süßen, harmlosen Antilopen merken, die du vielleicht gesehen hast. Aber die eine giftige Schlange, die dich umbringen könnte, oder diese eine giftige Frucht, die man auf gar keinen Fall essen darf, die musstest du dir merken. Sonst bist du gestorben.
Das hat dazu geführt, dass in unserem Kopf negative Nachrichten einen viel stärkeren Eindruck hinterlassen und wir die viel interessanter finden als positive Nachrichten. Obwohl das Objektiv falsch ist.
SWR1: Du bist in einhundertzwanzig Länder gereist und hast Dich dort mit der Situation beschäftigt. Hilft denn so ein vergleichender Blick um uns herum, um uns zu zeigen, wie gut es uns eigentlich geht?
Steffens: In Ländern wie China, Indien oder Brasilien – also eher Schwellenländern, wo es den Leuten eigentlich objektiv noch relativ schlecht geht, aber die Zukunftsaussichten besser sind als die schlechte Realität – ist man optimistischer, weil der Blick nach vorn geht, weil es offenbar im guten Sinne bergauf geht. Bei uns sind wir eher in einer Stagnationsphase.
SWR1: Was würdest Du sagen, an welcher positiven Erzählung von Deutschland sollten wir uns festhalten, uns orientieren, damit wir endlich aus dieser "Weltuntergangsstimmung" herauskommen?
Steffens: Es gibt kaum ein Land auf dieser Welt, das so voll ist mit gut ausgebildeten Menschen, die auch aus sich selbst heraus Lust haben, irgendwas zu machen, leistungsbereit sind. Wenn man so ein bisschen Bürokratie abschütteln könnte, die uns alle lähmt.
Es ist wirklich alternativlos, ein bisschen optimistisch zu sein.
Wir müssen wieder vertrauen, dass wir tatsächlich mit unseren Ideen die Zukunft gestalten können. Und nicht immer nur darauf schauen, welche Autobahnbrücke jetzt gerade wieder zerbröselt und renoviert werden muss. Das sind praktische Probleme, die kriegen wir schon hin, das schaffen wir ganz bestimmt.
Aber ein bisschen mehr Selbstvertrauen und nicht immer nur darauf schauen, was schiefgeht. Es ist ein wenig eine Haltungsfrage. Da muss ich noch mal sagen: Es ist wirklich alternativlos, ein bisschen optimistisch zu sein. Sonst geht die Welt wirklich vor die Hunde. Und das wollen wir ja nicht.
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