Die Österreicherin Anna Felnhofer ist studierte Psychologin. Die Stärke ihres Textes „Fische fangen“, für den sie im Jahr 2023 bei den Klagenfurter Tagen der deutschsprachigen Literatur mit dem Deutschlandfunkpreis ausgezeichnet wurde, bestand in der literarischen Finesse und in der präzisen Darstellung von Bewusstseinszuständen.
Der Text handelte vom Phänomen der so genannten „Gesichtsblindheit“, also der Unfähigkeit eines Menschen, Gesichter zu erkennen und voneinander zu unterscheiden.
„Prosopagnosie“ ist der Fachausdruck für dieses Phänomen; von ihm ist auch der Titel von Anna Felnhofers zweitem Roman inspiriert: „Prosopon“.
Katastrophen vorprogrammiert
Wie sieht eine Welt aus, die aus verschobenen Wahrnehmungsfragmenten zusammengesetzt ist? Aus einer Perspektive, die niemand kennt und sich auch kaum vorstellen kann?
„Jedes Mal, wenn er ein Gesicht betrachtete, war da zunächst immer nur ein Mund ohne Gegend. Dann, über weite Strecken, nichts, bis hin zur Nase, auch sie ohne Gegend. Und nach einem dritten Nichts kamen die Augen im Zwillingspaar.“
Am Ende lag das Gesicht, als wäre es mit Wucht in ihn hineingeschleudert worden, zerschlagen da, hier der Mund, dort die Nase, drüben die Augen, beliebig zu bewegen und immer durcheinander.
Anna Felnhofer erzählt von einer Vater-Sohn-Beziehung. Der gesichtsblinde Jakob kann seinen eigenen Sohn Finn nicht in einer Gruppe von Menschen wiedererkennen. Und in seinen schlechtesten Augenblicken auch nicht sich selbst.
Felnhofer erzählt davon, wie jemand, der keine eigene Identität und kein Verhältnis zu sich selbst aufbauen kann, auch im familiären Kontext scheitert. Und das kann, wie der Roman von Beginn an nicht verheimlicht, zu Katastrophen führen.