Hohe Leichendichte
Inspektor Dieuswalwe Azémar ist wieder im Einsatz. Azémar ist Ermittler bei der haitianischen Polizei und bekannt für seine Alleingänge.
In seinem neuen Fall geht es um Ritualmorde, hinter denen ein Politiker steckt, der sich durch Voodoo-Opferungen politischen Erfolg verspricht.
Da auch Azémars Ziehtochter zu den Opfern gehört, sieht der Inspektor rot. Die „Leichendichte pro Seite“, sagt Übersetzer Peter Trier, ist in diesem schmalen Roman ziemlich hoch.
Eine insulare Doppelhaushälfte
Seit dem verheerenden Erdbeben 2010 versinkt Haiti im Chaos. Während sich die Dominikanische Republik zur Touristendestination mausert, wird von Reisen nach Haiti dringend abgeraten.
Die beiden Länder teilen sich das Eiland Hispaniola. Jedes lebt also gewissermaßen in einer insularen Doppelhaushälfte.
Während der Nachbar prosperiert, ist die haitianische Regierung schwach. Banden haben vielerorts das Kommando übernommen. Das Land hat auch ein enormes Müllproblem. Es leidet also unter vielen „Erschütterungen“. Vielleicht kein Zufall, dass Gary Victors neuer Roman so heißt.
Politiker, Gangs und Richter – alle korrupt
„Der Plot enthält alles, was die derzeitigen Geißeln Haitis sind“, sagt Übersetzer Peter Trier auf SWR Kultur.
„Korrupte Politiker, die zu allem bereit sind, um die Macht zu erobern. Gangs, die ursprünglich unter dem Kommando der Politiker standen, nun aber ganze Stadtteile kontrollieren, dort praktisch schalten und walten wie die Staatsgewalt.
Und eine korrupte Justiz, die Inspektor Azémar quasi zwingt, zu Lynchjustiz zu greifen. Denn würde Azémar Delinquenten bloß festnehmen, würden diese danach von einem korrupten Richter wieder freigelassen.“
Das Kreolische als Literatursprache fördern
Peter Trier hat schon fünf Kriminalromane, vier Romane und zwei Erzählbände von Gary Victor übersetzt. Normalerweise schreibt Victor auf Französisch, mit „Erschütterungen“ aber hat er erstmals einen Roman im haitianischen Kreolisch geschrieben.
Warum? „Gary Victor will aber das Kreolische als Literatursprache fördern und zu seinem Aufschwung beitragen“, sagt Peter Trier. „Immerhin wird es jetzt auch an Schulen unterrichtet und zunehmend als vollgültige Nationalsprache anerkannt.“ Kurzum: „Auf Kreolisch schreiben ist eine Sache des Feelings.“
Leben viele haitianische Autorinnen und Autoren längst im Ausland, ist Gary Victor in seinem Heimatland geblieben. Doch auch er musste vor einiger Zeit sein Haus verlassen und vor der Bandenkriminalität in den Süden der Insel fliehen. Wie geht es ihm heute? Auch davon berichtet Peter Trier auf SWR Kultur.
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