Lagos in Nigeria. 15 bis 20 Millionen Einwohner hat die pulsierende Metropole, so genau weiß das keiner, sie ist ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen, bekannt für ihre lebendige Kulturszene – aber auch: große Gegensätze zwischen Arm und Reich, Gewalt und Entführungen auf offener Straße.
„Lagos ist dieser Freund, mit dem man gerne Zeit verbringt. Bei dem immer etwas los ist. Der Grund, warum man sich in seiner Gegenwart lebendig fühlt: Ja, man hat Spaß, aber das Herz schlägt schneller: Es rechnet mit Gefahr,“ erzählt der nigerianische Autor Leye Adenle über Zoom. Gerade ist sein neuer Lagos-Thriller erschienen.
„Außerdem ist Lagos – ich hoffe, ich bekomme dafür keinen Ärger –so etwas wie das Epizentrum des Schwarzseins. Es klingt vielleicht seltsam, aber trotz all der Kriminalität und den Entführungen fühle mich dort sicher.“
Knallharte Kämpferin für Gerechtigkeit
Diese Ambivalenz macht Lagos zum idealen Handlungsort für Adenles Krimi-Reihe. „Schatten der Schuld“ heißt der dritte und neueste Band. Im Mittelpunkt der Reihe steht die Rechtsanwältin Amaka Mbadiwe. Sie setzt sich insbesondere für Sex-Arbeiterinnen ein.
„Wenn ich Amaka beschreiben müsste, würde ich nicht sagen: Oh, sie ist nett. Nein, Mann, stell dich ihr bloß nicht in den Weg. Sie ist skrupellos. Wenn du dich mit einem der Mädchen anlegst, wird sie dich ruinieren,“ beschreibt der Autor die Protagonistin.
In „Schatten der Schuld“ hilft sie der 27-jährigen Funke, deren 20 Jahre älterer, reicher Sugardaddy ermordet wurde – Funke hat alles mitangehört.
Pikant: Er war das Oberhaupt einer christlichen Megachurch und in ein dreckiges Geschäft verwickelt.
Deswegen hat Funke jetzt ein doppeltes Problem: Sugardaddys einflussreiche und politisch gut vernetzte Komplizen glauben, Funke wisse zu viel. Und seine Mörder befürchten, sie könne sie identifizieren.
Anwältin Amaka weiß: Auf die korrupte Polizei kann man sich nicht verlassen, sie selbst muss Funke beistehen. Davon kann sie noch nicht einmal ihr Kindheitsfreund Gabriel abhalten:
„»Amaka.« »Hm?« »Was verschweigst du mir?« »Ist besser, wenn du es nicht weißt.« »Okay. Bislang war ich ein bisschen besorgt, aber jetzt bin ich in Panik.« Gabriel schaltete den Motor aus. »Was verschweigst du mir? Was hat sie unter dem Sofa gehört?« »Vertrau mir, es ist besser, wenn du das nicht weißt.«“
Amaka, ich kenne dich doch. Worum es auch gehen mag, ich wette, jeder vernünftige Mensch würde schleunigst davor weglaufen.
Viel Vertrauen in die Leser
Klug, taff, mit klarem Handlungskompass ist Amaka eine gelungene Heldin dieser sehr modern erzählten und von Yasemin Dinçer auch lässig übersetzten Thrillerreihe: Kurze Kapitel, zahlreiche Perspektiv- und Ortswechsel, viele direkte Dialoge sorgen für Tempo und Spannung.
Im Verlauf der drei Teile wird Adenle immer souveräner: Er weiß, was er wann wie erzählen will. Deshalb lässt er sich auch nicht davon beirren, wenn Verlage fordern, er müsse den Handlungsort Nigeria erklären:
„Warum sollte ich? Lese ich ein Buch, das in Tennessee spielt, dann versucht mir auch niemand, die Kultur von Tennessee und alles Mögliche zu erklären. Ich vertraue meinen Lesern. Sie sind genauso vernünftig und intelligent wie ich. Wir haben alle ein Gehirn. Wir haben alle die gleiche Hardware.“
Sein Vertrauen zahlt sich aus: Beim Lesen spürt man die fiebrige Hektik Lagos‘ und fühlt sich als Leserin ernst genommen. So enthüllt sich beispielsweise die gesamte Dimension des Falles in „Schatten der Schuld" in einem Nebensatz. Großartig!
Aus einer anderen Perspektive auf die Fälle blicken
Ohnehin sind Amakas Fälle nie das, was sie auf den ersten Blick scheinen. Im ersten Teil „Zügel der Macht“ werden verstümmelte Frauen am Rand einer Straße in Lagos gefunden.
Eine wahre Verbrechensserie, die sich in Nigeria ereignet hat. Fast alle vermuteten, bei den Opfern handele es sich um Prostituierte. Leye Adenle aber dachte: Was, wenn etwas ganz anderes dahintersteckt?
Diese Frage ist zentrales Prinzip der Reihe. Daher gibt es in „Zügel der Macht“ zwar jemanden, der Sex-Arbeiterinnen aus „Spaß“ brutal misshandelt, hinter den verstümmelten Leichen aber steckt ein anderes Verbrechen.
Im zweiten Teil „Spur des Geldes“ soll ein heimlich gefilmtes Video Chief Ojo belasten, einen der einflussreichen Gewalttäter aus dem ersten Teil. Aber es wird zum Machtfaktor in dem von zwei Seiten manipulierten Wahlkampf um den Gouverneursposten in Lagos – Chief Ojo setzt sogar einen Mann auf Amaka an, um sie aus dem Weg zu räumen:
„»Ojo hat Ihnen von den Videos erzählt?«, fragte sie. »Videos von ihm mit kleinen Mädchen. Videos, die ihn die Wahl kosten können. Ja.« »Und er hat Ihnen gesagt, Sie sollen sie von mir zurückholen?«“
»Ja. Und mich um Sie kümmern. Er wird alles tun, um Sie davon abzuhalten, diese Videos zu veröffentlichen. Und ich werde alles tun, um sicherzugehen, dass Sie sie veröffentlichen. Dieses Tier darf nicht Gouverneur von Lagos werden.«
Und im neuen Roman „Schatten der Schuld“ führt der Mord an Funkes Sugardaddy zu einem internationalen Verbrechernetzwerk, in dem die Megachurch nur ein Rädchen ist.
Kriminalroman als Gesellschaftskritik
Klar ist: Leye Adenle kennt die Stärken des Genres:
„In gewisser Weise könnte man manche Kriminalromane sogar als revolutionäre Literatur sehen: Wir verherrlichen keine Verbrechen, wir prangern vielmehr die Umstände an, die zu Verbrechen führen.“
Kriminalromane als Gesellschaftskritik also – und die Gegenwart lässt sich in Nigeria nur verstehen, wenn man die Folgen der Kolonialzeit mitbedenkt. Ein Beispiel ist die Korruption. In dieser Thrillerreihe ist vom Pastor über Politiker bis zu Polizisten und Passanten auf der Straße jeder korrupt. Aber:
„Ich sage den Leuten gerne, dass „Korruption“ ein englisches Wort ist. In meiner Kultur, in meiner Sprache Yoruba gibt es meines Wissens nicht einmal ein Wort für Korruption.“
Dazu kommt: Korruption gibt es nicht nur in Nigeria, nicht nur in Afrika, sondern überall auf der Welt. Wie auch die anderen Verbrechen, von denen Adenle erzählt: Gewalt gegen Frauen, Wahlbetrug, Mord.
Seine kluge, spannende und beeindruckend klar in aktuellen Diskursen der Gegenwart verankerte Krimi-Reihe zeigt: In einer globalisierten Welt sind die Verbrechen global. Wie gut, dass mit Teil drei nicht Schluss ist. Drei weitere Bände hat Leye Adenle schon geplant.
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