Buchkritik

Jacqueline Harpmans Bestseller „Ich, die ich Männer nicht kannte“

Der 1995 veröffentlichte Roman „Ich, die ich Männer nicht kannte” von Jacqueline Harpman wurde mittlerweile von Booktokern wiederentdeckt und avancierte zu einem Bestseller.

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Von Autor/in Barbara Geschwinde

Ein rätselhaftes Gefängnis ohne Zeit

Neununddreißig Frauen und ein Mädchen sind in einem Keller eingesperrt. Sie wissen nicht, warum. Sie wissen nicht, wie sie dorthin gekommen sind, wo sie sind und leben im völligen Zeitvakuum.

Berührungen sind verboten, ebenso wie Privatsphäre; die Frauen müssen vor den Augen der Wärter auf die Toilette gehen. Selbst grundlegende Tagesstrukturen fehlen.

Die Wärter sprechen nicht mit den Frauen, sie schlagen nur mit der Peitsche in die Luft. Die namenlose Ich-Erzählerin, die jüngste unter ihnen, zu Beginn noch ein Kind, beginnt erst nach dem Einsetzen der Pubertät ihre Lebenssituation zu hinterfragen.

Jacqueline Harpman
Jacqueline Harpman

Menschlichkeit unter extremen Bedingungen

Sieh uns nur an, sieh dir an, wie wir leben! Man hat uns alles genommen, was uns zu Menschen macht. Aber wir haben uns arrangiert, vermutlich um zu überleben oder einfach, weil man als Mensch nicht anders kann.

„Wir haben für das Wenige, was uns geblieben ist, eigene Regeln aufgestellt: Die Älteste verteilt die Suppe, ich kümmere mich um die Näharbeiten, Annabelle vermittelt, wenn es Streit gibt – und wir haben keine Ahnung, wie sich das eingespielt hat“, schreibt Harpman.

„Wir müssen lange Zeit wie Schlafwandlerinnen gelebt haben, und als wir aufwachten, hatten wir uns schon an unser neues Dasein gewöhnt“, geht es weiter.

Die Erzählerin stellt grundsätzliche, existenzielle Fragen, zum Beispiel die nach dem Sinn des Lebens oder auch: „Was macht uns zu Menschen?“. Dabei kennt sie im Gegensatz zu den älteren Frauen kein normales Leben in Freiheit, mit Spaß, Sonne, Männern oder gar Sex.

Körperliches Erwachen und Selbsterkenntnisse

In einer Welt nur mit Frauen gibt es keine Fortpflanzung und das Aussterben der Menschheit ist vorprogrammiert. Dennoch träumt die Erzählerin davon, sich mit dem jüngsten der Wärter einzulassen:

„Da spürte ich, wie sich etwas in mir aufbäumte, etwas Gewaltiges, Ungeheuerliches, größer und mächtiger als ich selbst, ein berstendes Licht in meinem Körper, mein Atem setzte aus, doch nur für einen winzigen Moment, so unfassbar schnell ging alles. Danach war ich wie verwandelt.“

Dieser Moment des körperlichen Erwachens und der Selbsterkenntnis ist der eigentliche Beginn ihres Erwachsenseins. Sie hat eine bittere Einsicht: Schmerz ist der Preis für Menschlichkeit.

Das fehlende Wissen der Erzählerin ist kein individuelles Versagen, sondern Ergebnis vollständiger Isolation. Die Frauen vermitteln ihr nur bruchstückhaft Bildung und schützen sie zugleich vor der Wahrheit.

‚Arme Kleine!‘ Nach ein paar Seufzern gab sie mir die übliche Antwort:  ‚Was hättest du denn davon, das zu wissen? Du wirst es doch nicht selbst erleben.‘

Plötzlich Freiheit – und dann?

Die Autorin macht deutlich: Wissen ist ein Machtinstrument.  Nicht nur die Wärter, auch die Frauen selbst machen davon Gebrauch.

Die Erzählerin beginnt, ihren eigenen Herzschlag zu zählen und so die Zeit zu messen. Damit schafft sie sich zum ersten Mal so etwas wie Kontrolle.

Die Jüngste entwickelt sich mit ihrer Neugierde und ihrem Rebellentum zur Anführerin. Eines Tages ertönt ein Alarm, genau in dem Moment als die Wärter die Tür aufschließen, um das Essen zu bringen. Die Wärter verschwinden auf der Stelle und die Erzählerin ergreift die Initiative zur Flucht.

Ich trat hinaus und sah mich um: Das war sie also, die Welt. Es war Tag. Der Himmel war grau, aber nicht von dem leblosen Grau der Kellerwände. […] Ich hatte zwar schon davon gehört, es mir aber nie vorstellen können.

Die Suche nach Überlebenden

Himmel, Regen, Wind – alles, was für uns selbstverständlich ist, wird hier zum metaphysischen Ereignis. Doch schnell wird klar: Die Freiheit ist leer. Die Landschaft, die die Frauen vorfinden ist eine Wüste, in der keine Tiere leben.

Trotzdem geben die Frauen nicht auf und machen sich auf die Suche nach anderen Überlebenden. Was sie jedoch vorfinden sind weitere Gefängnisse mit Leichen derer, die sich nicht befreien konnten:

„Überall tote Frauen! Es war ein schreckliches Durcheinander. Leichen lagen kreuz und quer auf dem Boden, halb übereinander, auf den Matratzen, in Trauben am Gitter […] ein grausames Abbild dessen, was uns durch einen unglaublichen Zufall erspart geblieben war.“

Das Gefängnis bleibt für immer

Diese Szene ist literarisch wie emotional ein Schlag in den Magen. Sie zeigt die brutale Konsequenz einer Welt, die jede Empathie verloren hat.

Wenn man weiß, dass die belgische Autorin Jacqueline Harpman selbst Jüdin mit ihren Eltern vor den Nazis fliehen musste, liest man diese Szenen kaum als reine Fiktion.

Der Gedanke liegt nahe, dass sich in dem Roman „Ich, die ich Männer nicht kannte“ der Schrecken der Nazi-Zeit und der Konzentrationslager spiegelt.

Die vermeintliche Freiheit in der Außenwelt bleibt im Roman ein Gefängnis.

Die Frauen ziehen über eine endlose Ebene, bauen Häuser, teilen Essen, pflegen diejenigen, die krank und alt werden. Das Überleben in der Weite wird zunehmend von Verlust geprägt.

Eine Dystopie zum Nachdenken

Eine nach der anderen stirbt. Als die Erzählerin allein ist, schreibt sie ihre Geschichte auf: das Manuskript, das wir lesen. Schreiben wird ihre letzte Verbindung zur Menschheit:

Ich fange oben an, reihe ein Wort an das andere, staple die Blätter aufeinander – und existiere am Ende trotzdem nicht, weil niemand sie lesen wird. Sie sind für einen Leser bestimmt, der vielleicht nie kommen wird.

„Ich bin mir ja nicht einmal sicher, ob die Menschheit das mysteriöse Ereignis überlebt hat, aufgrund dessen mein Leben so ist, wie es ist. Aber wenn doch jemand diese Seiten lesen wird, dann werde ich für eine gewisse Zeit in seinem Kopf existieren“, endet die Passage.

Der Roman ist bereits vor 30 Jahren erschienen. 2019 wurde er erneut herausgebracht und ein Jahr später durch TikTok zu einem Bestseller in den USA. Das Buch wird auch als Kommentar zur Trump-Regierung gelesen.

„Ich, die ich Männer nicht kannte“ ist verstörend und schön zugleich. Viele Fragen bleiben unbeantwortet. Eine Dystopie, die zum Nachdenken anregt, über das, was auch in unserer Gegenwart geschieht und vollkommen absurd und sinnlos ist.

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Autor/in
Barbara Geschwinde