Charlie steckt in einer tiefen Lebenskrise
‚Es tut mir so leid‘, flüstert sie sich im Spiegel zu, während sie die Blutergüsse in ihrem Gesicht – ein lilablaues Universum– mit der unverletzten Hand langsam abdeckt.
„Sie sieht sich in die Augen, das rechte noch leicht geschwollen, sie wirkt dadurch dümmer als gewöhnlich. ‚Es tut mir einfach so leid‘. ‚Es tut mir...‘ – und sie fängt an zu weinen. Die Tränen bilden nasse Schlieren in der frischen Make-Up Schicht“, geht die Passage weiter.
Charlie, eine junge Mathematikstudentin, steckt in einer tiefen Lebenskrise: Ihre Beziehung zu Valentin, in den sie unsterblich verliebt war, ist gescheitert. Ihre Hand und ihr Gesicht sind lädiert, in ihre Wohnung kann sie nicht zurück.
Was genau passiert ist, lässt die Autorin Clara Leinemann erst einmal offen. Vorübergehend darf Charlie, die Hauptfigur ihres Romans „Gelbe Monster“, bei ihrer besten Freundin Ella wohnen.
Wut und Aggressionen
Aber Ella stellt eine Bedingung. Charlie muss an einem Anti-Aggressions-Training teilnehmen. Widerstrebend meldet diese sich an:
„Frau Yilmaz hat ihr erklärt, das Programm beinhalte fünfundzwanzig Sitzungen von jeweils zwei Stunden. (…) Ein wichtiger Teil, auf den sie schon anfangen könne, sich vorzubereiten, sei die Tatrekonstruktion. Jede Teilnehmerin würde eine Einheit für sich beanspruchen, in der sie vor der Gruppe die eigene Tat nachvollziehen würde, Schritt für Schritt.“
Charlie fängt an zu weinen bei der Vorstellung, wie sie zwischen Schwerverbrecherinnen sitzen wird, die alle ihre Beziehungspersonen oder Kinder halb totgeschlagen haben. (…) - Was hat sie denn überhaupt getan?
lesenswert Magazin Neue Bücher von Helene Bukowski, Son Lewandowski, Anja Gmeinwieser, Marina Vujčić und Clara Leinemann
Zum Internationalen Frauentag am 8. März widmen wir das SWR Kultur lesenswert Magazin Romanen und Autorinnen, die gegen strukturelle Gewalt und Machtmissbrauch anschreiben.
Obsessive Beziehung und realitätsfernes Liebesideal
Nach und nach, durch Rückblenden, erfahren wir, was zwischen Charlie und ihrem Traummann Valentin vorgefallen ist. Wie sie, die von mathematischen Theoremen besessen ist, auch in ihrer Beziehung zur Obsession neigte und sich in ein romantisches, aber völlig realitätsfernes Liebesideal hineinsteigerte.
Wie Charlie, wenn ihr Freund ihre hohen Erwartungen nicht erfüllte, die Kontrolle über ihre Emotionen verlor. Wie sie Grenzen überschritt, wie sie gewalttätig wurde.
Clara Leinemann, die Autorin von „Gelbe Monster“, erzählt, zunächst sei es gar nicht ihre Absicht gewesen, einen Roman über weibliche Gewalt zu schreiben.
Vielmehr habe es sie interessiert, die Figur einer unter Selbsthass leidenden jungen Frau zu entwickeln:
„Charlie ist ganz stark von Selbstabwertung geprägt, die sich auch gegen ihr Frau-Sein, ihre Weiblichkeit richtet. Und sie ist in so einer inneren Logik gefangen, in der ganz viel davon abhängt, ob sie von einem Mann geliebt wird. Sie hat die Vorstellung, dass sie das irgendwie aufwertet, und kann sich das nicht gut aus sich selbst heraus geben: das Gefühl, wertvoll zu sein.“
Destruktive Gedanken
Leinemann geht davon aus, dass diese Art, zu denken, noch verbreiteter ist, als man meinen könnte. Sie kenne das von sich selbst. Allerdings mit einer reflexiven Ebene dazwischen, die sie Charly komplett weggenommen habe.
Die Autorin wolle verstärkt darstellen, wie destruktiv diese Gedanken sein können, für sich selbst, für freundschaftliche Beziehungen, für romantische Beziehungen.
„Sie war in zwei Schritten bei ihm und packte ihn am Arm. Sie drückte fest zu, er drehte sich zu ihr um, sie konnte nichts sagen, ihr Hals tat weh, sie konnte ihn nur ansehen. Sie hielt sein Handgelenk fest im Griff, und dann presste sie zwischen den Zähnen hervor, ‚Du kannst mich hier nicht so stehen lassen‘. (…)
Er sah sie entgeistert, fast angewidert an. ‚Bitte‘, sagte sie, aber er entwand sich ihrem Griff und ging weiter, was so weh tat, dass sie ihm zeigen musste, wie sich das anfühlte, er musste es wissen. Also setzte sie ihm nach, riss ihn an der Schulter herum und gab ihm eine Ohrfeige.“
Female Rage und weibliche Wut in der Literatur Fünf Bücher, in denen Frauen richtig ausrasten dürfen
Fallwickl, Keßler, Kim, Bullwinkel und Hegemann erzählen in fünf aktuellen Romanen von weiblicher Wut: mal leise, mal laut, mal radikal, immer literarisch eindringlich.
Mutiges Buch über Tabu-Thema weibliche Gewalt
Auch, wenn sie es ursprünglich nicht vorhatte. Clara Leinemann hat mit „Gelbe Monster“ ein mutiges Buch über ein bislang weitgehend tabuisiertes Thema vorgelegt: Frauen, die Gewalt ausüben.
„Für ein Tabuthema hab ich es tatsächlich nie gehalten, weil ich das Gefühl hab, dass es etwas ist, was im wirklichen Leben auch passiert,“ betont die Autorin und fügt gleich hinzu, beim Schreiben über weibliche Gewalt habe sie eine besondere Verantwortung empfunden.
In ihrem Roman beschreibt sie Gewalt nicht als isoliertes Phänomen. Charlie und andere Teilnehmerinnen des – übrigens sehr authentisch dargestellten – Anti-Aggressions-Programms haben eine Vorgeschichte:
Erlebnisse aus der Kindheit oder der Partnerschaft, die sie verletzt und wütend gemacht haben. Dass Clara Leinemann diese Erfahrungen schildert oder andeutet, wirkt nicht wie eine Rechtfertigung der Gewalt – aber hilft dabei, die Protagonistinnen besser zu verstehen.
Schonungslos ehrlicher und empathischer Blick auf Romanfigur
Wie Charlie von aggressiven Impulsen ergriffen wird, die sich auch massiv gegen sie selbst richten, das hat etwas sehr Verstörendes. Charlie ist nicht zuletzt ein Opfer ihrer Gewalt, sie leidet.
Als sie sich dann langsam aus ihrer Wut und ihrer emotionalen Abhängigkeit herauskämpft, da möchte man ihr alle Stärke und Selbstsicherheit der Welt wünschen.
Unbequeme Wahreit und loyale Freundschaften
Man liest „Gelbe Monster“ auch deshalb gern, weil Clara Leinemann zwar schonungslos ehrlich, aber auch mit einer ansteckenden Empathie auf ihre Romanfigur schaut:
„Ich glaube, ich bin ihr als Figur schon sehr nahegekommen. Hab sehr stark versucht, das wirklich aus der Tiefe nachzuvollziehen, wo diese Gedanken herkommen, wo diese Wut herkommt. Und ich hab auch versucht, recht viel mit Humor zu arbeiten, darüber stellt man ja auch erstmal eine Verbindung her zu einer Figur und ist dann eben auch offener, diese besser zu verstehen.“
In ihrem überzeugenden Romandebüt „Gelbe Monster“ gelingt Clara Leinemann tatsächlich das Kunststück, ein schwieriges, ja unbequemes Thema mit einer angemessenen Portion Leichtigkeit zu behandeln.
Klug komponiert und sprachlich gewandt, ist der Roman nebenbei auch noch eine Hymne auf loyale Freundschaften – quasi als Gegenentwurf zu destruktiven Liebesbeziehungen.
Mehr über weibliche Wut
Female Rage und weibliche Wut in der Literatur Fünf Bücher, in denen Frauen richtig ausrasten dürfen
Fallwickl, Keßler, Kim, Bullwinkel und Hegemann erzählen in fünf aktuellen Romanen von weiblicher Wut: mal leise, mal laut, mal radikal, immer literarisch eindringlich.