Der neue Roman der Bachmannpreisträgerin

Keine Liebe ohne Abgrund – Birgit Birnbachers herausragender Familienroman „Sie wollen uns erzählen“

ADHS ist mehr als eine Diagnose: Birgit Birnbacher findet in ihrem Roman „Sie wollen uns erzählen“ eine angemessene Sprache für die flirrenden Innenwelten von Mutter und Sohn.

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Stand

Von Autor/in Carsten Otte

Ein Unglück

Die Sommerferien stehen kurz bevor, als das Unglück passiert. Der zehnjährige Oz und seine Mitschüler entfernen sich unerlaubterweise vom Pausenhof und gehen zum Kaninchenstall hinter dem Schulgebäude.

Weder die Lehrer noch der grimmige Schulwart, den alle nur HL nennen, haben mitbekommen, dass die Kinder die Tiere besucht und es versäumt haben, die Stalltür wieder zu schließen.

HL wird gleich den Rasen rund um den Stall mähen und das freilaufende Kaninchen namens Flöte übersehen, vielleicht auch weil ihm die Karnickel egal sind. Die schuldbewussten Schüler aber beobachten aus nächster Nähe…

Ein Drama für Hase und Schüler

„Wie Flöte vollkommen aufgescheucht vom Lärm, wild und im Zickzack, über die Wiese springt. Wie Flöte wild herumrennt, Hüpfer macht, höher, als sie das jemals gesehen haben. Mit angehaltenem Atem sehen sie, wie das arme Tier rast vor Schreck, davonspringen will. Wie es in seiner Panik beinahe gegen die Mauer kracht. Wie es stattdessen aber, in dem irren Zickzack, nicht davon-, sondern direkt zu HL hinspringt, in den Rasenmäher hinein, unter den Rasenmäher drunter. Oz schlägt die Hände vors Gesicht (…).“

Damit ist das Hasendrama noch nicht vorbei. Denn Oz wird den Todeskampf des schwer verletzten Tiers beenden. Eine rabiate Tat, die Mitschüler und Lehrer gleichermaßen entsetzt. Daheim erzählt Oz zunächst nichts von dem Vorfall, auch wenn er weiß, dass Mutter Annegret darüber informiert wird.

Birgit Birnbacher auf dem Literaturfest Salzburg 2023
Birgit Birnbacher auf dem Literaturfest Salzburg 2023

Temperament wie ein Pulverfass

Ann hat eigentlich ein gutes Verhältnis zu Oz, auch weil sie ähnlich tickt wie ihr Sohn. „Vom Temperament her ist sie eher der Pulverfass-Typ“, heißt es an einer Stelle.

Ihre Medikamente will sie nicht länger nehmen, geht aber immerhin ins „Impulskontrolltraining“. Zu ihrer Schulzeit galt sie als „energiegeladen“, von ADHS hatte man damals noch nichts gehört.

„Mutter und Sohn sind im Spielen nicht gut. Sie hassen Uno, Mensch ärgere Dich nicht, Vier gewinnt. Sie hassen Regeln und Vorhersehbarkeit, die vorgegebenen Abläufe, die Unausweichlichkeit des Verlierens. Ihre Spiele sind eher Gespräche, und ihre Gespräche sind ein Erzählen. Ihr Erzählen hat begonnen, als Ozzy zu sprechen begann.“

Im entscheidenden Moment sprechen Mutter und Sohn aber nicht miteinander. Das Erzählen verlagert sich ins Innere der beiden Figuren, denen Birgit Birnbacher aus jeweils personaler Perspektive folgt. Ann möchte den Sohn die Ferien über in ein „Camp für Kinder mit und ohne ADHS“ schicken.

Care-Arbeit und Zukunftsangst

Sie braucht Ruhe, möchte nach der Trennung von ihrem Mann auch der Frage nachgehen: „Wer bin ich geworden?“ – Ann kämpft an vielen Fronten. Nach der dritten Befristung an der Uni kann sie davon ausgehen, bald keinen Job mehr zu haben.

Die vierundsiebzigjährige Mutter lebt in den Bergen und scheint ebenfalls Betreuung zu brauchen. Die doppelte Care-Arbeit wird Ann nicht allein meistern können.

Wer wird ihr helfen? Die unzuverlässige Schwester Nell? Würden sie es schaffen, Oz zumindest in die Ferienbetreuung zu fahren?

Kinderbetreuungspflicht ist für Nell so ein Wort wie Vorratsdatenspeicherung oder Nasen-Rachen-Abstrich, etwas, von dem man weiß, dass es das gibt, das die anderen auch ruhig machen können, womit sie sie aber bitte in Ruhe lassen sollen.

Auf wen ist verlass?

Doch der Junge will weg. Er möchte in den Ferien nicht ständig über seinen „Hasenmord“ nachdenken. Oz setzt sich ins Auto der Tante, die sich wie erwartet nicht an Absprachen hält.

Statt ins Feriencamp fährt sie in ihre alternative Wohngemeinschaft im Waldviertel, im hintersten Eck von Niederösterreich. Das unbekannte Terrain macht den Jungen nervös.

Die Tante scheint sich nur um eigene Belange zu kümmern. Ihre Coolness entpuppt sich als Rücksichtslosigkeit. Derweil scheint ein Unwetter heraufzuziehen, und die Kommunarden müssen Sandsäcke schleppen.

Neurodiversität und Einsamkeit

Es droht ein Hochwasser, was den angespannten Oz nicht weiter interessiert. Er wird die erste Gelegenheit nutzen, um nach Hause zurückzulaufen, im Dauerregen durch den dunklen Wald.

„Er hat sich nicht vorstellen können, wie lange man eine Straße entlanggehen kann, ohne dass ein einziges Auto kommt. Sein Plan, so lange das Handy anzuschauen, bis seine Mama anruft, funktioniert bis jetzt auch nicht. So ein Handy wird ja kaputt, wenn man es die ganze Zeit in den Regen hält.“

„Sie wollen uns erzählen“ ist ein so bedrückendes wie erhellendes Familiendrama, das von der Einsamkeit neurodiverser Menschen handelt. Der Buchtitel erinnert an einen Song von Tocotronic; die Liedzeilen werden in Birnbachers Text zwar nicht explizit erwähnt, beschreiben aber den gesellschaftspolitischen Subtext des Romans:

„Sie wollen uns erzählen / Wir sollen uns nicht mehr quälen / Und sie sind schon zufrieden / Wenn wir die Kurve kriegen“.

Mutter und Sohn bekommen die Kurve, weil sie sich, selbst wenn sie getrennt unterwegs sind, auf erzählerische Weise gegenseitig bestärken.

Mehr als nur eine Diagnose

Birgit Birnbacher findet eine angemessene Sprache für die Unruhe der Charaktere, entwickelt eine hochnervöse Syntax, die auch zum Symbol wird für die rasenden Zeitläufte insgesamt.

Es ist eine ungemein berührende, manchmal unheimliche Geschichte, die gleichwohl ein bildstarkes und beruhigendes Ende findet. Die manischen Monologe der Hauptfiguren gehen zum Schluss über in ein echtes Zwiegespräch.

Mutter und Sohn begreifen, dass ein totes Kaninchen keine Katastrophe und dass ein Kind, das einen oder auch zwei Fehler gemacht hat, kein böser Killer ist. Wenn sich ein Pennäler nicht ans Regelwerk hält, kommt die Schule schnell an ihre pädagogischen Grenzen. Das kann, das muss man beklagen.

Doch entscheidend ist, wie die engsten Vertrauten auf die kleinen und großen Krisen von Kindern reagieren, die unaufmerksam, hyperaktiv und manchmal erstaunlich impulsiv sind. ADHS, das zeigt dieser herausragende Roman, ist mehr als eine Diagnose.

Es bedeutet eine andere, vielleicht sogar intensivere Gefühlswelt, von denen Menschen mit einer längeren Zündschnur und andere, die sich aus welchen Gründen auch immer für normal halten, eine Menge lernen können.

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Autor/in
Carsten Otte
SWR Kultur Literaturkritiker Carsten Otte