„Der Report der Magd“ machte sie zur weltbekannten Schriftstellerin. Ende der 1960er-Jahre veröffentlicht die 1939 geborene Kanadierin Margaret Atwood ihren ersten Roman. In ihren Werken - Romanen, Gedichten, Essays und Kurzgeschichten - beschäftigt sie sich mit gesellschaftlich relevanten Themen wie Umweltzerstörung, Klimawandel und insbesondere Gewalt gegen und Rechten von Frauen.
Nun legt die zweifache Booker-Preisträgerin und Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels ihre Autobiografie vor. Der Titel: „Book of Lives“.
Margaret Atwood stellt ihr „Book of Lives“ vor
SWR Kultur: Margaret Atwood, warum war gerade jetzt der richtige Moment, Ihre Memoiren zu schreiben?
Margaret Atwood: Nun, zum einen läuft die Zeit ab. Jahrelang dachte ich, ich würde sie nie schreiben. Aber ab einem gewissen Alter sind viele Menschen, die man kannte, verstorben und können einen nicht mehr verklagen. Hätte ich es früher getan, hätte ich taktvoller vorgehen und Dinge weglassen müssen, die ich vielleicht gern erwähnt hätte.
Ab einem gewissen Alter sind viele Menschen, die man kannte, verstorben und können einen nicht mehr verklagen.
Kindheit im Wald
SWR Kultur: Lassen Sie uns mit den frühen Kapiteln beginnen, in denen Sie Ihre ungewöhnliche Kindheit beschreiben: Sie haben jedes Jahr ein halbes Jahr mit Ihren Eltern im Wald verbracht, weil Ihr Vater Entomologe war.
Margaret Atwood: Er war Insektenspezialist, insbesondere für Waldinsekten, die große Schädlingsplagen verursachen. Ein Feldforscher. Er war in den Wäldern unterwegs, fuhr im gesamten nördlichen borealen Wald herum und untersuchte Schädlingsbefall. Ja, das war etwas ungewöhnlich - in Deutschland sehr ungewöhnlich, in Kanada aber nicht so ungewöhnlich.
Wir gingen in den Städten zur Schule, aber wie Sie in den Memoiren lesen können, zogen wir oft um. Von einer Stadt zur anderen, von einem Waldteil zum anderen. Und in jedem dieser Waldteile baute mein Vater, der vom Land stammte, einfach Häuser, in denen wir dann wohnten.
Beim Schreiben sehr nützlich: Improvisationstalent
SWR Kultur: Sie haben sicher viel gelernt, als Sie im Wald aufgewachsen sind. Gibt es etwas, das Sie damals gelernt haben und das Ihnen später besonders geholfen hat?
Margaret Atwood: Man lernt zu improvisieren. Wenn man kein Werkzeug hat, um etwas zu reparieren, findet man vielleicht ein anderes, das man anpassen kann, um denselben Zweck zu erfüllen. Und das ist beim Schreiben sehr nützlich.
Dichterin statt Biologin
SWR Kultur: Sie schreiben auch über den Moment, in dem Sie wussten: Ich werde Dichterin. Damals waren es, glaube ich, Gedichte. Erinnern Sie sich noch an diesen besonderen Augenblick?
Margaret Atwood: Daran erinnere ich mich sehr genau. Ich war 16 und ging gerade über den Football-Platz. Ich trug ein selbstgenähtes rosa Kleid und hatte plötzlich ein Gedicht im Kopf, das ich für sehr gut hielt. Es war nicht gut, aber ich dachte es sei gut. Und das war der Moment, in dem den Weg zur Dichterin einschlug.
Sehr zum Leidwesen einiger älterer Menschen in meinem Leben, die der Meinung waren, ich solle Biologin werden. Wofür ich auch geeignet gewesen wäre.
„Schreiben im Grunde etwas Mündliches“
SWR Kultur Ja, aber es ist ja auch irgendwie die Aufgabe der Eltern, sich Sorgen zu machen und sich einen Beruf für die Kinder zu wünschen, von dem man leben kann.
Margaret Atwood: Ja, ich wäre als Elternteil auch besorgt gewesen. Ich verstehe die Sorgen, denn die meisten Künstler und Schriftsteller können nicht vom Schreiben leben. Meine Mutter meinte als Erstes zu mir: „Wenn du Schriftstellerin werden willst, musst du erst mal richtig schreiben lernen.“
SWR Kultur: Ihre Rechtschreibung war nicht gut?
Margaret Atwood: Ich hatte keine gute Rechtschreibung, und vielen Schriftstellern geht es so. Das liegt daran, dass Schreiben im Grunde etwas Mündliches ist, Geschichtenerzählen ist mündlich. Man schreibt es zwar auf, aber in erster Linie existiert es im Kopf, als Geräusch.
Berlin 1984: Die Anfänge von „Report der Magd“
SWR Kultur: Sie lebten 1984 in West- Berlin und begannen, den „Report der Magd“ zu schreiben.
Margaret Atwood: Ja, ich habe zu schreiben angefangen auf einer deutschen elektrischen Schreibmaschine in einer DAAD-Wohnung in der Helmstedter Straße.
SWR Kultur: Damals gab es noch den Eisernen Vorhang. Berlin war ganz anders als heute.
Margaret Atwood: Die Mauer stand noch. Und wir waren bei PEN, der internationalen Schriftstellerorganisation, aktiv. Es gab auch einen ostdeutschen PEN-Verband. Alle internationalen Konferenzen wurden von den West- und Ostdeutschen dominiert.
Es ging immer nur um die Mauer. Die Westdeutschen fragten: „Warum tut ihr nicht mehr gegen die Mauer?“ Und die Ostdeutschen entgegneten: „Ihr versteht doch gar nichts davon.“ Das ging dann stundenlang so.
Politische Atmosphäre im geteilten Berlin und Einfluss auf das Schreiben
SWR Kultur: Erinnern Sie sich, wie genau die Atmosphäre damals die Entstehung von „Report der Magd“ beeinflusst hat?
Margaret Atwood: Die Atmosphäre war sehr angespannt. Man wollte sich nicht länger mit jemandem unterhalten, weil man nie wusste, wer einen belauschen könnte. Die Tschechoslowakei, die wir damals auch besuchten, war etwas offener, aber nicht viel.
Wir gingen also ins Hotelzimmer, und der Page deutete nach oben, was bedeutete, dass das Mikrofon im Kronleuchter hing. „Es ist da oben. Es ist da oben.“ Und dann gingen wir um die Ecke, und er fragte: „Möchten Sie etwas Geld wechseln?“
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Book Bans für Atwoods Werke in den USA
SWR Kultur: Ich fürchte, wir müssen auch über Politik sprechen. Ihre Bücher wurden in den USA immer wieder aus Bibliotheken und aus Lehrplänen gestrichen – und es gab sogar einen Versuch, sie in Alberta (Kanada) zu verbieten.
Margaret Atwood: Ja, aber das war nach zwei Tagen vom Tisch.
Autoren haben keine Armee
SWR Kultur: Warum, glauben Sie, wird Literatur von Diktaturen als potenziell gefährlich wahrgenommen?
Margaret Atwood: Nun, bestimmte Dinge tun autoritäre Regime immer, egal ob rechts oder links, und eines davon ist die Kontrolle der Medien. Dazu gehören auch Bücher, denn sie enthalten die Freiheit, die Erfindungen, die Ideen und die Intelligenz des menschlichen Geistes.
Und welches Ziel wäre besser geeignet als Autoren? Autoren haben keine Armee. Sie leben nicht einmal alle am selben Ort. Sie lassen sich sehr leicht ausschalten, einer nach dem anderen.
Bestimmte Dinge tun autoritäre Regime immer, egal ob rechts oder links, und eines davon ist die Kontrolle der Medien.
„In einer anderen Regierungsform würde ich dafür erschossen werden“
SWR Kultur: Wie fühlt sich das für Sie an, dass ihre Bücher verboten werden? Macht Sie das wütend?
Margaret Atwood: Weil ich in einer offenen liberalen Demokratie lebe, mache ich mich darüber lustig. In einer anderen Regierungsform würde ich dafür erschossen werden. Aber ich lebe nicht in so einem Land. Und die Weisung an diese Bibliotheken und Schulen lautete: „Alles, was direkt oder indirekt Sex beinhaltet, muss entfernt werden.“ Was bitte schön ist „indirekter Sex“?
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SWR Kultur: Hat man Ihnen erklärt was damit gemeint ist?
Margaret Atwood: Niemand hat es mir je erklärt. Deshalb schrieb ich eine kleine Geschichte auf X, eine Beispielgeschichte dafür, was sich für Schulen und Bibliotheken angeblich eignen würde. Daraufhin ruderte die Regierung sehr schnell zurück.
Aber es ist immer ein Machtspiel. Wissen Sie, so nach dem Motto: „Lasst uns das verbieten und sehen, wie viel Widerstand wir bekommen.“
„Es gibt Zensurbestrebungen von links als auch von rechts“
SWR Kultur: Glauben Sie, dass es heute genug Widerstand gegen solche Zensurversuche gibt? Sie selbst haben ja gegen das Buchverbot protestiert.
Margaret Atwood: Ja, aber ich war nicht heldenhaft, für mich stand nichts auf dem Spiel. Ich wäre nicht erschossen worden. Demokratie ist zerbrechlich. Sie muss ständig verteidigt werden, weil sie von beiden Seiten angegriffen wird. Und beide Seiten tun am Ende dasselbe.
Es gibt Zensurbestrebungen, sowohl von links als auch von rechts. Es geht nicht darum, ob es freien und offenen Zugang zu Büchern geben soll. Beide Seiten sind sich einig, dass es den nicht geben sollte. Es geht vielmehr darum: Was sollte zensiert werden? Nicht darum, ob zensiert werden soll. Die Linke hat eine Liste. Die Rechte hat eine andere.
„Wir leben in revolutionären Zeiten“
SWR Kultur: Manche sehen die USA auf dem Weg in eine Diktatur. Glauben Sie das auch?
Margaret Atwood: Ich würde nicht sagen, dass die amerikanische Bevölkerung im Allgemeinen in diese Richtung tendiert. Ich würde eher sagen, dass diese Regierung einige Dinge tun möchte, die typisch für Diktaturen und Autokratien sind, darunter die Kontrolle der Gerichte. Dazu gehört auch, jeden auszuschalten, der anderer Meinung ist.
Aber Donald Trump hat gerade einen wichtigen Kampf um die Freigabe der Epstein-Akten verloren. An diesem Kampf waren alle Republikaner bis auf einen beteiligt. Denn sie haben erkannt, dass er nicht ewig im Amt sein wird.
Und wenn Sie Abgeordneter sind und es auch bleiben wollen und 40 Jahre alt sind, haben Sie noch viele Jahre vor sich, in denen Donald Trump nicht mehr im Amt sein wird. Wollen Sie sich da wirklich öffentlich als Unterstützer von Pädophilen outen?
Ich glaube, es gibt einen Machtkampf innerhalb der Republikanischen Partei. Und ich interessiere mich momentan sehr für die Französische Revolution, denn wir leben in revolutionären Zeiten. Und der Machtkampf folgt dem Muster dessen, was in Frankreich damals geschah.
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Machtkämpfe der Regierung
SWR Kultur: Der König wurde geköpft.
Margaret Atwood: Am Ende, ja. Nach einem heftigen Machtkampf. Das passierte als alle so große Angst hatten, Robespierre würde sie als Nächstes erschießen, nachdem er einige seiner engsten Verbündeten, wie Danton, beseitigt hatte. Und erst als die Mitte gegen ihn rebellierte, verlor er die Macht.
Wehrt sich die amerikanische Mitte nun? Ja. Lassen sich die Amerikaner gern vorschreiben, was sie zu tun haben? Nein. Sind sie sehr lautstark? Nun, weil sie immer noch in einer liberalen Demokratie leben und nicht unbedingt von ihrem Regime erschossen werden, sind sie sehr lautstark, ja.
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Große Sorgen, aber auf das Beste hoffen
SWR Kultur: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie sich große Sorgen um die Zukunft der Menschheit machen, aber gleichzeitig irgendwie auf das Beste hoffen.
Margaret Atwood: Natürlich hoffe ich auf das Beste. Warum sollte man auch auf das Schlimmste hoffen? Das wäre doch ziemlich seltsam.
SWR Kultur: Also kann es noch ein gutes Ende für uns geben?
Margaret Atwood: Nicht unbedingt ein gutes Ende, aber eines, in dem wir Menschen immer noch da sind.
SWR Kultur: Sie sind 86 Jahre alt, was haben Sie noch vor? Haben Sie eine „Bucket List“?
Margaret Atwood: Naja, nicht wirklich. Ich glaube, das machen eher Leute mit 50, die jungen Hüpfer. Es amüsiert mich ungemein, wenn Leute sagen: „Oh nein, ich bin 40 geworden, das ist das Ende.“
Es amüsiert mich ungemein, wenn Leute sagen: „Oh nein, ich bin 40 geworden, das ist das Ende.“
Autorin und Wahrsagerin
SWR Kultur: Ich war überrascht, als ich in Ihren Memoiren gelesen habe, dass Sie eine Wahrsagerin sind.
Margaret Atwood: Ich bin Handleserin. Denn um englische Literatur wirklich in der Tiefe zu studieren, muss man sich mit solchen Dingen auskennen. Tarotkarten tauchen zum Beispiel bei T.S. Eliot auf.
Mein Sternzeichen ist Skorpion. Wir glauben nicht einfach an Dinge, wir wollen etwas über die Dinge wissen. Und das ist etwas ganz anderes.
Astrologie, Handlesen und Tarot hängen alle zusammen, weil sie Teil des Glaubenssystems der mittelalterlichen Renaissance waren. Und sie helfen einem bei der Interpretation von Porträts aus dieser Zeit.
Man muss die Hände deuten können, denn die Anordnung der Finger und an welchen Fingern Ringe getragen werden, verrät viel. Ähnlich verhält es sich mit Blumen: Es gab eine ganze Blumensprache, die heute in Vergessenheit geraten ist.
Wenn man sich intensiv mit diesen Dingen beschäftigt, sollte man das alles wissen. Und ich studiere immer noch Literatur.
SWR Kultur: Falls ich ein Foto der Handflächen von den Mächtigen der Welt besorgen kann, würden sie die gerne lesen?
Margaret Atwood: Nun, das wäre interessant. Aber ich bezweifle, dass Sie die Handflächen finden werden, denn ich glaube nicht, dass diese Leute viel von sich preisgeben.