In „Jenseits der Brandmauer“, seinem zweiten Buch, erzählt Monchi in persönlichen Geschichten von seinem Leben in der ostdeutschen Provinz. Im Kern beschäftigt ihn dabei eine Frage: Wie hält man an einer klaren politischen Haltung fest, wenn die Wirklichkeit vor der eigenen Haustür komplizierter ist?
Es handelt von der AfD, von Jugend und Freundschaft, Alkohol und Arbeitslosigkeit – und von der schwierigen Frage, wie man sich nicht an Dinge gewöhnt, über die man sich früher noch empört hat.
„Ich lebe da, wo die Brandmauer auf lokalpolitischer Ebene manchmal nur noch wie ein Mäuerchen wirkt, über das selbst ich locker springen könnte“ heißt es schon im Klappentext.
Denn in Jarmen, einem 2.700-Seelen-Dorf in Vorpommern, ist die Brandmauer keine abstrakte politische Formel. 54 Prozent wählten hier bei den letzten Landtagswahlen AfD. Die Menschen, über die anderswo beim Rechtsruck diskutiert wird, bleiben für Monchi Nachbarn.
„Jenseits der Brandmauer“ ist kein trockenes Sachbuch
Ein Sachbuch über den Osten oder eine klassische politische Analyse ist das aber nicht. Monchi erzählt episodisch und in Gedankensprüngen. Eben noch ist er bei einer Begegnung in Jarmen, kurz darauf in der eigenen Jugend oder mitten in einer politischen Frage. Gerade die lose Struktur tut dem Buch gut. Sie gibt Monchis Gedanken den nötigen Raum, ohne dass sich die Erzählung darin festbeißt.
„In meinem Kopf kämpft der Monchi von 2016 mit dem Monchi von heute“, heißt es im Buch. Dass sein früheres Ich ihn heute vermutlich für zu weich halten würde, räumt der 38-Jährige im Gespräch mit SWR Kultur bereitwillig ein.
Ist der wütende Punker altersmilde geworden? So einfach macht es sich „Jenseits der Brandmauer“ zum Glück nicht. Monchi ist nicht unpolitischer als früher, nur vorsichtiger mit den eigenen Gewissheiten.
Monchi über die AfD: Wenn Politik zur Subkultur wird
Ausgerechnet bei der AfD erkennt Monchi etwas wieder, das er ziemlich gut kennt: Punk. Für manche Jugendliche, glaubt er, ist sie längst mehr als eine Partei. Sie bietet die Möglichkeit, sich abzugrenzen und gerade dadurch dazuzugehören. Das „Wir gegen die“, das Gefühl, gegen alle anderen zu stehen, kennt Monchi aus der eigenen Szene.
„Fuck, das ist bitter. Weil ich ja genau weiß, welche Emotionen das trifft“, sagt Monchi im Gespräch.
Die Parallele ist unangenehm und bietet einen ungewöhnlichen Blick auf den Rechtsruck. Politisch setzt Monchi AfD und Punk natürlich nicht gleich. Er erkennt vielmehr einen ähnlichen Mechanismus: Rebellion schafft Zugehörigkeit.
Als Erklärung greift das allerdings zu kurz. Ausgerechnet der Mann, der gegen einfache Antworten anschreibt, macht es sich manchmal selbst zu einfach. Jugendliche landeten dort, wo sie Gemeinschaft und Halt fänden; die AfD sei stark, weil die anderen schwach seien. Das leuchtet ein, erklärt aber alleine noch keinen Rechtsruck.
Feine Sahne Fischfilet hören – und eine halbe Stunde später Landser
Am stärksten ist das Buch, wenn Monchi auf Jugendliche schaut. Dann interessiert ihn weniger, welche politische Ideologie am Ende steht, sondern eine Frage: Was entscheidet darüber, wo jemand landet?
Ich habe schon erlebt, dass dieselben Kids, die grad Feine Sahne abgespielt haben, eine halbe Stunde später Landser laufen hatten. Nicht als Provokation, sondern einfach so. Nichts dabei gedacht, würde ich sagen. […] Und ehrlich gesagt: So war es früher bei uns auch. Auf Partys liefen gebrannte CDs mit Landser neben den Toten Hosen, den Ärzten und Sido. Im Suff wurde abgehitlert und gleichzeitig gekifft. Einfach normal, dachte ich damals.
Auf Nazirock von Landser folgt antifaschistischer Punk von den Toten Hosen. Das Unangenehme an solchen Passagen ist ihre Beiläufigkeit. Monchi erzählt hier nicht von Radikalisierung, sondern von Normalisierung: davon, wie sich Grenzen verschieben, bis kaum noch jemand bemerkt, dass gerade eine überschritten wurde.
Seine eigene Jugend liefert ihm dafür das naheliegendste Beispiel: Nach einem rechten Angriff hatte er erstmals Todesangst. Später waren es Vorbildfiguren, die ihm Orientierung gaben. Er selbst sei dieses „Crash-Kid“ gewesen, bei dem es auch anders hätte ausgehen können.
Daraus zieht Monchi keine große politische Theorie, sondern eine praktische Konsequenz: Räume schaffen, in denen andere Erfahrungen ermöglicht werden.
Ein Festival, dass das Dorf verbinden soll
Das „Wasted in Jarmen“ ist so ein Versuch. Das Festival veranstalten Monchi und Feine Sahne Fischfilet seit Jahren in seiner Heimat. Dass es Wahlergebnisse drehen könnte, glaubt er längst nicht mehr: „Wir könnten auch zehn Wasted-in-Jarmen-Festivals im Jahr machen. Es würde nichts an den Wahlen ändern.“
Wahlen dreht das nicht. Aber vielleicht lässt sich der Ort verändern, an dem sie stattfinden. Gerade diese Bescheidenheit gehört zu den Stärken des Buches: Es verspricht keine politische Erlösung, sondern allenfalls Veränderung im Kleinen.
„Ich lebe da, wo man einander nicht aus dem Weg gehen kann. Wo einfache Antworten schon lange nicht mehr alltagstauglich sind. Wo man einen Preis zu zahlen hat, wenn man sich positioniert.“
Jarmen wird deshalb nicht zur Chiffre für den „rechten Osten“. Monchi schreibt über einen konkreten Ort, an dem politische Gegensätze nicht verhindern, dass man sich am nächsten Tag wieder begegnet. Die 54 Prozent AfD erzählen für Monchi deshalb nicht die ganze Geschichte dieses Ortes.
Ihn interessiert auch, welche Sorgen die Menschen umtreiben und woher das Gefühl kommt, dass sich für sie wenig zum Besseren verändert. Monchi brilliert hier als genauer Beobachter seiner unmittelbaren Umgebung.
Monchi schreibt, wie er spricht
Dass der Punker heute differenziert auf seine eigene politische Vergangenheit blickt, verleiht dem Buch zusätzliche Fallhöhe. Politische Provokation gehörte lange zum Selbstverständnis von Feine Sahne Fischfilet. Alte Zeilen wie „Deutschland ist scheiße“ nennt Monchi im Buch rückblickend „Wohlstandsverwahrlosung“.
Literarisch raffiniert ist „Jenseits der Brandmauer“ nicht, aber Monchis Stimme trägt auch auf Papier. Man hört beim Lesen fast automatisch die vorpommersche Kodderschnauze; sein Sarkasmus fängt manches Pathos rechtzeitig wieder ein.
Beim ersten Buch habe er noch gedacht: „Oh Gott, so kann ich doch nicht schreiben.“ Inzwischen sieht er genau darin seine Stärke: „Das ist das, was ich kann. Ich habe keinen Bock zu schauspielern oder anders zu schreiben, als ich bin.“
Monchi zieht sich kein Autorenkostüm an. Fast nebenbei wird „Jenseits der Brandmauer“ so zum Lektüreschlüssel für Feine Sahne Fischfilet. Bekannte Songzeilen tauchen wieder auf und bekommen durch die Geschichten dahinter eine neue Lesart.
Für ihn liegt genau darin der Mehrwert des Buches: „Ich kann die Lieder noch mal viel mehr erklären.“ Im Song müsse alles in wenige Zeilen passen, im Buch könne er stärker differenzieren und mehr Kontext geben.
Kritik an der Kulturszene
Monchis Misstrauen gegen einfache Gewissheiten endet auch nicht an der eigenen politischen Blase. „Die Kulturszene erzählt der Kulturszene, wie wichtig die Kultur ist, und die Kulturszene glaubt es sich irgendwann selbst“, schreibt er. Wer im Kulturbetrieb arbeitet, fühlt sich da kurz ertappt. Auch die schnelle Urteilslust sozialer Medien nimmt Monchi auseinander: „Wer immer nur meckert und nie macht, hat offiziell sein Maul zu halten.“
Dass Monchi die eigene Seite von seiner Kritik nicht ausnimmt, macht das Buch glaubwürdiger. Nicht jede seiner Antworten überzeugt. Aber ausgerechnet darin liegt eine Stärke dieses Buches: Der Mann der großen Ansagen ist skeptisch gegenüber den großen Ansagen geworden, aber nicht leiser.
Heute nennt er sich einen „antifaschistischen Lokalpatrioten“. Auch das klingt ziemlich nach ihm: keine Schublade, sondern gleich eine selbstgezimmerte Sondergröße. Überhaupt hält er wenig von Schubladen. Zu klein seien sie für die Welt.
Vielleicht ist das die eigentliche Entwicklung, die dieses Buch beschreibt: Die einfachen Antworten hat er verloren, aber nicht den Trotz.