Eine fatale Entscheidung
Sie war gerade mal 13 Jahre alt, als ihre Familie auf Wunsch des Vaters Ende der 1930er-Jahre von Frankreich nach Deutschland übersiedelt. Ihr Umfeld ist schockiert: Moniques Mutter ist Jüdin, der Antisemitismus floriert und ein Krieg droht.
Trotzdem setzt sich der Vater, ein belgischer Industriefachmann, durch. Aus beruflichen Gründen und weil er glaubt, dass nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs niemand in Deutschland erneut zur Waffe greifen wird. Ein fataler Irrtum.
Jugend in Nazi-Deutschland
Die Familie landet im deutschen Südwesten. Monique geht fortan in Prüm in der Westeifel zur Schule. Ihre Lehrerinnen und Lehrer mag sie, doch den Direktor, ein stets uniformierter Parteifunktionär, fürchtet das Mädchen. Im Februar 1944 absolviert sie gemeinsam mit nur sieben anderen Mädchen das Abitur. Sie will Medizin studieren und bekommt für wenige Monate einen Studienplatz in Bonn.
Die Angst, die sie zu dieser Zeit umtrieb, sei kaum zu ertragen gewesen, erzählt sie später: „Jeden Abend, wenn ich mich schlafen gelegt habe, sagte ich mir: Ich hoffe, dass ich Deutschland bald werde verlassen können und dass ich keine Angst mehr zu haben brauche. Das war grauenhaft.“
Vor allem die Sorge um ihre Mutter habe sie umgetrieben. „Wird uns jemand denunzieren, weil Mama Jüdin ist? Wenn sie uns holen, dann kommen wir ins Konzentrationslager und das war‘s.“
Doch die Familie überlebt: Im März 1945 wird sie in Assmannshausen am Mittelrhein von amerikanischen Soldaten befreit. Dort war sie bei einem Winzer untergekommen.
Ehe mit Claude Lévi-Strauss und eigene Forschung
Nach dem Krieg kehrt Monique nach Paris zurück. Über Freunde lernt sie den Autor und Ethnologen Claude Lévi-Strauss kennen, 1954 heiraten die beiden. Er arbeitet als Professor und schreibt erfolgreiche Bücher. Sie unterstützt ihn, liest und kommentiert seine Texte, bevor sie veröffentlicht werden.
Erst mit 50 Jahren beginnt sie ihre eigene Forschungskarriere im Bereich Textilgeschichte. Vor allem Kaschmirstoffe und deren Herstellung in Europa interessieren sie. Es folgen Vortragsreisen, Ausstellungen und verschiedene Publikationen. Unter anderem veröffentlicht Monique Lévi-Strauss eine Biografie über die amerikanische Textilkünstlerin Sheila Hicks.
Den Eltern verziehen
Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 2009 kümmert sich Lévi-Strauss um dessen Werk und erwirkt mehrere Publikationen aus seinem Nachlass. Um für ihre Enkel ihre Jugenderinnerungen in Nazi-Deutschland zu bewahren, veröffentlicht sie im Alter von 88 Jahren ihre Autobiografie „Un enfance dans la gueule du Loup“, die 2021 unter dem Titel „Im Rachen des Wolfes“ auf Deutsch erscheint.
Darin wird auch deutlich: Trotz der schrecklichen Jahre während des Naziterrors hat Monique Lévi-Strauss in Deutschland auch immer wieder Menschen getroffen, die ihr geholfen haben. „Nicht alle Deutschen waren Nazis. Aber in einem totalitären Staat leistet man keinen Widerstand, sonst wird man erschossen.“
Nach der Veröffentlichung der Autobiografie erzählte Lévi-Strauss, dass sie ihren Eltern verziehen habe, dass sie ihren Bruder und sie mit dem Umzug nach Deutschland in eine lebensgefährliche Lage gebracht hatten. Sie sah die Kriegszeit als eine Prüfung an, die sie zu einer stärkeren Person gemacht habe.
Die deutsche Sprache zu beherrschen, habe sich schließlich für ihr weiteres Leben als wichtig erwiesen. Monique Lévi-Strauss, die am 5. März ihren 100. Geburtstag feiert, berichtet als Zeitzeugin auch in Deutschland von ihrem Erleben der Naziherrschaft.