Norbert Gstrein hat in voran gegangenen Romanen wie „Der zweite Jakob“ und „Als ich jung war“, für den er mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichnet wurde, sowohl gesellschaftliche Zustände wie auch persönliche Abgründe beschrieben. Nun gibt es einen neuen Roman.
Ein Axthieb in den Unterschenkel
„Im ersten Licht“, so der Titel, hat, wie SWR-Literaturredakteur Carsten Otte im Gespräch erläutert, die klassischen Stärken eines Gstreins-Roman: „Mit seinen eleganten Satzgirlanden wickelt er seine Figuren quasi ein“, so Otte. Zugleich aber habe Gstrein sich mit diesem Buch noch einmal neu erfunden.
Erzählt wird die Geschichte des 1901 geborenen Adrian Reiter, dessen Leben von mehreren Begegnungen mit Kriegsveteranen quer durch die Jahrzehnte entscheidend geprägt wird, während er selbst nie in den Krieg ziehen muss – sein Vater, ein überzeugter Sozialist, hatte Adrian als Jugendlichen mit einem Axthieb in den Unterschenkel wehruntüchtig gemacht.
Schule, Krieg und alte Mythen Neue Bücher von Norbert Gstrein, Joanna Bator, Ricarda Junge und Pierre Michon
Norbert Gstrein erfindet sich neu und bleibt doch er selbst. Ricarda Junge erlebt Schulchaos und findet doch auch Zärtlichkeit. Joanna Bator führt durch unheimliche Welten.
Schuldig werden, ohne etwas zu tun
Adrian, der im Nationalsozialismus als Lehrer arbeitet, ist eher ein Beobachter, doch die entscheidende Frage des Romans formuliert Carsten Otte folgendermaßen: „Kann man schuldig werden, indem man nichts tut?“
Der Roman weite sich am Ende zu einem echten englischen Gesellschaftsroman. Norbert Gstrein, so Ottes Fazit, „ist kein Moralist“ und habe mit „Im ersten Licht“ ein „wirklich bedeutendes Buch“ vorgelegt.