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Schule, Krieg und alte Mythen

Mit neuen Büchern von Norbert Gstrein, Joanna Bator und Pierre Michon. Mit einem Gespräch mit Ricarda Junge, die buchstäblich in die harte Schule gegangen ist. Und mit dem Literaturhaus Freiburg und der Frage, wie man neue Zielgruppen gewinnt.

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Stand

Im Jahrhundert der Kriege

Niemand kann so präzise und elegant zugleich in menschliche Abgründe blicken wie der Österreicher Norbert Gstrein. Mit seinem neuen Roman „Im ersten Licht“ hat der österreichische Buchpreisträger von 2019 nun eine neue Stufe in seinem Werk erreicht.

Er begleitet seine Hauptfigur Adrian Reiter, geboren im Jahr 1901, durch zwei Kriege und ein ganzes Leben. Als Jugendlicher haut der Vater ihm die Axt ins Bein, damit er nicht eingezogen wird. Bald darauf sieht er die traumatisierten jungen Männer aus dem Krieg heimkehren. Den Nationalsozialismus erlebt Adrian als Lehrer. Einer seiner Schüler kommt mit einer düsteren Geschichte aus dem Osten zurück.

Und schließlich findet Adrian nach dem Krieg fern der Heimat erstmals so etwas wie Erlösung von den Gespenstern. Ein unheimliches Buch von herausragender literarischer Qualität.

Abgründe des Alltäglichen

Die polnische Schriftstellerin Joanna Bator gehört zu den bedeutendsten literarischen Stimmen ihres Landes. Spätestens 2022, mit ihrem Roman „Bitternis“, wurde sie auch in Deutschland bekannt. Joanna Bators Blick auf ihre Figuren geht stets über das Dokumentarische und Realistische hinaus.

Sie schaut in Abgründe und bemerkt Seltsamkeiten und Unheimliches hinter den Fassaden des Alltäglichen. In ihrem neuen Buch „Die Flucht der Bärin“ verknüpft Joanna Bator, geboren 1968 in Wałbrzych, 16 Erzählungen zu einem Teppich aus Geschichten, in denen das Unheimliche lauert. Wie in einem unterirdischen Flechtwerk sind die Texte miteinander verbunden.

Sie zeigen: Es hängt in dieser Welt doch weit mehr zusammen als man gemeinhin annimmt.

Harte Schule

Zwölf Jahre lang hat Ricarda Junge keinen Roman veröffentlicht. Zwischenzeitlich ist sie Lehrerin geworden, hat ihre Stellung in Berlin aufgegeben und unterrichtet nun an einer Grundschule in Kassel.

Ihr neuer Roman „Die schönste Zeit“ ist folgerichtig – ein Schulroman. Im Gespräch erzählt Ricarda Junge über ihr Buch und ihre Hauptfigur Walli Wolf. Eine Frau, die ihren Beruf als Lehrerin nicht aus Idealismus, aber trotzdem ausgesprochen engagiert macht.

Von einem Schulsystem, das am Rand seiner Belastbarkeit angekommen ist. Von Eltern, die sämtliche Aufgaben an die Schule delegiert haben. Von einer Bürokratie, die nichts einfacher macht. Und von antisemitischen Codes und Verhaltensweisen, die nach dem 7. Oktober erschreckend rasch Normalität geworden sind.

Die kleinen Heiligen

Auch er wird immer wieder als ein Kandidat auf den Literaturnobelpreis gehandelt: Der Franzose Pierre Michon, geboren 1945 in einem Dorf im Zentralmassiv, wurde vor 40 Jahren mit seinem Werk „Vies minuscules“ in Frankreich berühmt.

In Deutschland erschien das Buch erst spät in der Übersetzung von Anne Weber unter dem Titel „Leben der kleinen Toten“. Michons neues, schmales Buch „Wintermythologien“ erzählt im Stil von Heiligenlegenden und Volksmärchen aus den Leben der so genannten kleinen Leute.

Menschen, die mit einer Lebensrealität zurechtkommen müssen, die sie nicht für sich ausgewählt haben. Michon macht keinen Unterschied zwischen den Jahrhunderten. Jeder seiner Texte lässt aus Fragmenten einer Biografie eine Welt für sich entstehen.

Publikum gewinnen, Jubiläum feiern

Das Geld wird knapp. Auch und gerade in der Kultur. Die Kommunen müssen sparen. In Leipzig droht die Schließung des Literaturhauses. In Stuttgart fällt das erst vor zwei Jahren aufs Gleis gesetzte Literaturfestival dem Rotstift zum Opfer.

Und das Netzwerk der deutschsprachigen Literaturhäuser warnte bereits im Herbst 2024 in einem offenen Brief vor dem „drohenden Finanzierungskollaps der Literaturvermittlung.“

Katharina Knüppel leitet gemeinsam mit Martin Bruch das Literaturhaus in Freiburg. Dort ist die Situation finanziell stabil, doch auch im äußersten Südwesten muss man sich Gedanken machen über lesenden Nachwuchs.

Fallen dabei, wie unlängst in einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung behauptet, die älteren Autoren aus den Programmen? Eine ungerechte Pauschalisierung, findet Katharina Knüppel und freut sich auf ein Freiburger Jubiläum im Herbst.

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Erstmals publiziert am
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Moderator/in
Christoph Schröder
Redakteur/in
Christoph Schröder