Geschichten wie Mosaiksteine
Die unterschiedlichen Frauen sind die Orientierungspunkte im Lebensrückblick der Hauptfigur Nadim. Das Glück ist meist vergänglich, oft wurde er enttäuscht oder verletzt, dennoch finden alle ihren Platz. Die Geschichten sind Würdigung und Liebeserklärung zugleich.
Rafik Schami erzählt nie nur eine Geschichte: Es gibt die Geschichte in der Geschichte, die wiederum zur nächsten führt. Deshalb wurde ein Mosaik – einzelne bunte Steine, die gemeinsam ein großes Bild ergeben – schon häufig als Metapher für die Geschichten von Rafik Schami verwendet.
Diesmal steht das Mosaik sogar im Titel des Buches, völlig zurecht. Zuerst lernen wir Said kennen. Er kommt am 19. März 1971 am Frankfurter Flughafen an, im Gepäck lauter Manuskripte. Nicht nur in diesem Punkt ist Said seinem Erfinder Rafik Schami sehr ähnlich.
Parallelen zwischen Autor und Werk
Wie Rafik Schami studiert Said in Heidelberg und hält sich mit kleineren Jobs über Wasser, bis sein Deutsch so gut ist, dass er das Angebot bekommt, als Übersetzer zu arbeiten. Rafik Schami erinnert sich, wie erschrocken er war, als er erfuhr, wie gut das Dolmetschen bezahlt wird.
300 DM am Tag? Davon habe ich einen Monat gelebt!
Seine Erfahrungen als Dolmetscher sind in diesen Roman eingeflossen. Übrigens gebe es in diesem Buch nicht mehr Parallelen zu seinem Leben als sonst – nur seien sie diesmal weniger gut verborgen, erzählt Rafik Schami. Die Figur Said ist ein Stellvertreter – für ihn selbst wie für alle Menschen, die irgendwo Geschichten aufschnappen und weitertragen.
Die spannende Lebensgeschichte
Im Buch bekommt Said viele Jahre später den Auftrag, einem syrisch-stämmigen Patienten in einem Heidelberger Krankenhaus zuzuhören. Er habe eine spannende Lebensgeschichte, die Said - inzwischen ein erfolgreicher Schriftsteller - aufschreiben soll. Said ist skeptisch.
Wie oft hat er sich bei den angeblich aufregenden Geschichten anderer gelangweilt! Doch diesmal ist es anders. Nadim, der Patient, entpuppt sich als die eigentliche Hauptfigur des Romans. Mit seinen Lebenserinnerungen legt er „Das Mosaik der Frauen“, denn Frauen haben ihn beeinflusst, geprägt und seinem Leben die entscheidenden Wendungen gegeben.
Die erste Frau: Die Mutter
Natürlich ist die Mutter die erste Frau im Leben jedes Mannes. Auch bei Nadim nimmt sie eine wichtige Rolle ein: Sie ist eine deutsche Jüdin, die als Kind mit ihrer Familie vor den Nazis nach Syrien geflohen ist. Später wird sie in Damaskus die erste Deutschlehrerin. So beherrscht Nadim die deutsche Sprache schon als Kind, was ihm noch nützlich sein wird. Sie ist eine kluge und sanfte Ratgeberin.
Gute Seelen können noch besser werden, wenn man sie entsprechend anleitet, und das tat meine Mutter auf ihre diskrete Weise.
Für Rafik Schami besitzen Frauen deshalb die Fähigkeit, besser zuzuhören, genauer zu beobachten, um sich und ihre Kinder schützen zu können. Vor allem in Gesellschaften, in denen sie nicht die gleichen Rechte haben wie Männer, seien sie auf diese Wachsamkeit angewiesen. Gleichzeitig versuchten sie, positiv auf ihre Umgebung einzuwirken.
Schnell kommt Rafik Schami auf seine eigene Mutter zu sprechen – und das klingt sehr ähnlich wie die Beschreibung in seinem Roman. Sie habe in einer Zeit, in der es in Syrien noch keine Rechte für Frauen gab, immer dafür gekämpft, ihre Würde zu wahren – auch gegenüber ihrem Mann. Im Roman bleibt die Mutter lange Zeit präsent, weit über Kindheit und Jugend Nadims hinaus.
Geliebte, Freundin, Verräterin
Neben der Mutter erinnert sich Nadim an viele weitere Frauen: Da ist Samira, seine erste große Liebe, oder Hanan, die Kollegin an der Schule, an der er seine erste Lehrerstelle hat. Oder Salma, die unerschrockene und lustige Chemiestudentin: Sie wird lange Nadims Gefährtin sein und ein schreckliches Schicksal erleiden.
Als Nadim in Konflikt mit dem Regime gerät, ist sie es, die die rettende Idee hat, sich selbst aber nicht mehr helfen kann. Rafik Schami greift mit diesen so unterschiedlichen Frauenfiguren sowohl Spielarten der Liebe auf als auch existentielle Themen wie Treue und innige Verbundenheit, aber auch Verrat.
Viele Geschichten, knappe Form
Nicht alle diese Frauenfiguren kommen einem beim Lesen gleich nah. Es ist nicht so, als würde man ihnen ihre Rolle in der Geschichte anmerken. Doch die Rahmenhandlung, in der Nadim rückblickend sein Leben erzählt, verlangt schnelle Themenwechsel und fast schon kategorische Einordnungen, die manchmal etwas abrupt wirken.
Auch muss man sich an einigen Stellen allzu plötzlich von gerade lieb gewonnenen Figuren verabschieden. Denn natürlich kann und will Rafik Schami, wenn er von Syrien erzählt, die Brutalität des Regimes nicht aussparen. Er habe hier keinen 1000-Seiten-Roman wie „Die dunkle Seite der Liebe“ schreiben wollen, sagt Rafik Schami, sondern sich bewusst für die Verknappung entschieden.
Ein typischer Rafik Schami
„Das Mosaik der Frauen“ ist kein episch ausgeruhter Roman, vielmehr wirkt er wie eine durch die Rahmenhandlung zusammengehaltene Kurzgeschichtensammlung. Oder, um im Bild zu bleiben, wie ein Mosaik, bei dem die einzelnen Steine mehr funkeln als das große Ganze.
Diese Steine sind einprägsame Sätze, die man sich anstreichen möchte, Figuren, die man nicht mehr vergessen wird und Anekdoten, die einen zum Schmunzeln bringen – ein typischer Rafik Schami eben.
Rafik Schami erzählt
Rafik Schami ist bekannt und berühmt dafür, keine Lesungen zu veranstalten, sondern frei aus seinen Büchern zu erzählen. Auf seinen Erzählreisen füllte er Staatstheater und Stadthallen. Damit ist nun Schluss. Er möchte, dass sein Publikum ihn mit einer guten Bühnenpräsenz in Erinnerung behält.
Mit „Das Mosaik der Frauen“ wird es also keine Erzählreise geben. Für SWR Kultur hat er eine Anekdote aus dem Buch im Studio erzählt. Eine Geschichte, mit der seine Hauptfigur Nadim beim Dolmetschen zähe Wirtschaftsverhandlungen aufgelockert hat.
Wer sich „Das Mosaik der Frauen“ trotzdem vorlesen lassen möchte, kann auf das Hörbuch, gelesen von Wolfgang Berger, zurückgreifen.