Geister bewegen sich durch das Buch
SWR Kultur: Sie sagen, dass Sie in diesem Buch mit dem Titel „Ghost Stories“ Geistergeschichten erzählen und dass Paul Auster Ihnen gesagt hat, er wolle nach seinem Tod als Geist zurückkehren.
Ist es Ihnen gelungen, den Geist einzufangen, ihn sozusagen zu einem ständigen Besucher zu machen?
Siri Hustvedt: Sie müssen sagen, welche Geister Sie genau meinen, denn wie Sie wissen, bewegen sich diese Geister durch das Buch. Es gibt Paul, der mir die Geschichte erzählt, dass er nach seinem Tod ein Geist werden möchte. Es gibt meine Erfahrungen, dass ich seine Präsenz am Tag seiner Beerdigung am 3. Mai, kurz nach seinem Tod, gespürt habe.
Dann gibt es natürlich die Tatsache, dass Bücher selbst etwas Geisterhaftes an sich haben, nicht wahr? Das ganze Buch, das nur aus Texten, Briefen und symbolischen Zeichen besteht, ist eine Erinnerung an etwas, das nicht mehr existiert.
SWR Kultur: Denken Sie an diese Vorstellung von Hinterbliebenen, dass sie die Toten spüren?
Versuch, Paul Auster auf Papier festzuhalten
Etwas von diesem verstorbenen Menschen für den Leser auf Papier zu bringen. Das war für mich extrem wichtig.
SWR Kultur: Ja, aber ich frage mich vor allem, welche Art von Geist Sie einfangen möchten?
Siri Hustvedt: Nun, es gibt das bewusste Erinnern, und dieses Buch ist auch ein Akt des bewussten Erinnerns, der Versuch, etwas von diesem verstorbenen Menschen für den Leser auf Papier zu bringen. Das war für mich extrem wichtig.
Auch die Tatsache, dass Paul in diesem Buch spricht, ist wichtig. Er spricht in den Briefen, die er an unseren Enkel Miles geschrieben hat, der nur vier Monate alt war, als Paul starb. Paul wusste, dass er seinen Enkel niemals wirklich kennenlernen würde.
Dadurch, dass ich diese Briefe in das Buch aufgenommen habe, konnte ich den Dialog fortsetzen, den Paul und ich 43 Jahre lang geführt hatten. Auch wenn es natürlich nicht dasselbe ist, wie wenn wir beide in einem Raum sitzen und reden, ist es doch eine schriftliche Version dieses Dialogs, die ich unbedingt in das Buch aufnehmen wollte.
Der andere Teil ist, dass ich am Tag der Beerdigung von Paul eine halluzinatorische Präsenz meines Mannes gespürt habe und später über einen längeren Zeitraum meinte, den Rauch seiner Zigarren zu riechen.
Leider muss ich sagen, dass das kaum noch vorkommt. Wenn ich diesen Geruch aufrechterhalten könnte, würde ich es tun, aber das kommt nur noch sehr selten vor. Vor etwa einer Woche habe ich einen kleinen Hauch davon wahrgenommen und fand es sehr beruhigend, aber er ist sehr selten.
„Dieses Buch war eine Notwendigkeit“
SWR Kultur: Sie sprechen von den Briefen, die Paul Auster an Ihren Enkel Miles geschrieben hat. Das sind natürlich sehr intime Texte, ebenso wie die Liebesbriefe, die Sie an Paul geschickt haben, und die E-Mails, in denen Sie Freunden von seiner Krankheit berichtet haben.
Was ist der Zweck, diese intimen Texte zu teilen? Hatten Sie manchmal Angst, dass sie zu intim sein könnten?
Siri Hustvedt: Wissen Sie, das Buch war keine Entscheidung. Das Buch war eine Notwendigkeit.
Tatsache ist, wenn man liebt und lange genug lebt, wird man irgendwann trauern. Es geht hier nicht darum, dass Siri Hustvedt eine Trauer empfindet, die für andere Menschen nicht nachvollziehbar ist.
Ich denke, es ist eine Erfahrung, die viele Menschen machen. Und wenn man die Intimität vermeidet, wenn man das vermeidet, was diese Erfahrung so universell macht, dann betrügt man meiner Meinung nach sich selbst und den Leser.
Es ist intim. Der Tod ist intim. Krankheit, Tod, Trauer sind intime Erfahrungen. Und natürlich behaupte ich nicht, dass meine Beziehung zu Paul nichts Einzigartiges an sich hat. Natürlich war sie einzigartig, wie alle unsere Beziehungen zu anderen Menschen.
Wir schaffen ein „Dazwischen“. Das ist eine philosophische Idee: Zwei Menschen schaffen zwischen sich etwas Drittes. Und dieses Dazwischen entwickelt sich im Laufe der Zeit weiter.
Es ist nicht statisch. Es ist nicht so, dass man einen Zustand des Glücks erreicht – wie beim Besteigen des Mount Everest – und dann dort oben sitzt. Nein, so funktioniert das nicht.
Es ist ein dynamischer, fortlaufender Prozess. Zwischen uns beiden hatte ich das Gefühl, dass wir dieses Dazwischen immer wieder neu erschaffen.
Das ist Teil meines Wunsches, etwas von Paul wieder zum Leben zu erwecken. Nicht nur von Paul, sondern von Paul und mir zusammen. Etwas, das nie wiederkommen wird.
Die Familientragödie ganz bewusst nicht verschweigen
SWR Kultur: Dass Sie diese intimen Texte teilen, ist das vielleicht eine Form des Schutzes? In dem Moment, in dem Sie alles offenbaren, sind Sie nackt. War es vielleicht auch hilfreich für Sie, sich all dem zu stellen?
Siri Hustvedt: Nun, ich denke, dass es sich hier um ein Buch handelt, das etwas erzählt und gleichzeitig etwas verschweigt. Es ist keine Offenbarung von allem. Erstens würde das Tausende von Seiten erfordern und wahrscheinlich sehr langweilig sein, und das war überhaupt nicht meine Absicht.
Aber wissen Sie, wir beide haben, wie Paul sagte, wirklich schreckliche Dinge erlebt. Und diese Dinge waren öffentlich. Wir alle haben Aspekte in unserem Leben, die privat sind. Auch Paul hatte Geheimnisse, da bin ich mir sicher.
Ich denke aber, dass Dinge wie der Tod meiner Enkelin Ruby oder der von Pauls Sohn Daniel zu öffentlichen Ereignissen geworden sind.
Ein Buch über unsere lange Liebesbeziehung zu schreiben, ohne die öffentliche Seite unseres Lebens anzuerkennen, wäre einfach dumm. Und wie ich auch in dem Buch sehr deutlich schildere, war es für mich unmöglich, die schrecklichen Dinge laut auszusprechen, bis zu Pauls Gedenkfeier.
Bei der Gedenkfeier mit 200 Menschen, Freunden, aber auch mit Menschen, mit denen ich nicht privat über diese Todesfälle gesprochen hatte, wollte ich es endlich aussprechen.
Ich wollte es für mich selbst aussprechen, weil es diesen Menschen die Last des Stigmas nahm, dass man darüber nicht sprechen sollte. Dass es zu schrecklich ist, um darüber zu sprechen.
Und dann wurde mir klar, dass es dumm wäre, das zu verbergen, Geheimnisse darum zu machen, obwohl es allgemein bekannt war.
„Paul wollte, dass diese Geschichte erzählt wird“
SWR Kultur: Ist es für Sie vielleicht auch eine Möglichkeit, wieder Einfluss darauf zu nehmen, wie diese Geschichten erzählt werden? Denn Sie haben die verheerende Erfahrung gemacht, dass der Tod von Paul Auster schon öffentlich bekannt war, bevor Sie ihn bekannt machen wollten.
Siri Hustvedt: Ja, das war wirklich ziemlich schrecklich, muss ich sagen. Mit der Leiche, wirklich der Leiche, meines verstorbenen Mannes im Haus zu sein, und dann zu erfahren, dass dies bereits an die Öffentlichkeit gelangt war, empfand ich als Grenzüberschreitung. Und ja, das hat mich sehr wütend gemacht. Es ist nicht richtig.
Für mich war es wirklich eine Art moralische Verletzung des Rechts der Familie, mit dem toten Paul zusammen zu sein und keine Einmischung zu erfahren. Und ja, das war eine schreckliche Angelegenheit, aber so ist es nun einmal.
Ich habe das zwar hinter mir gelassen, aber es war eine Erleichterung, das öffentlich zu sagen. Und ich bin nicht allein. Es gibt andere Menschen, die mit prominenten Personen verheiratet sind und die gleiche Erfahrung gemacht haben.
Aber Sie haben recht: Es geht darum, die Deutungshoheit zu behalten. Paul wollte immer, dass auch die schmerzhaften Geschichten aus unserem Leben erzählt werden, zum Beispiel über seinen gestorbenen Sohn Daniel und wie wir uns um ihn bemüht haben. Und das ist für Außenstehende ja erst mal wirklich nicht nachzuvollziehen.
Es ist natürlich meine Sichtweise durch das Zusammenleben mit Paul, durch meine tiefe Zuneigung auch zu seinem Sohn. Sie haben da ganz recht, ich wollte unbedingt darüber schreiben.
„Man wird ein wenig verrückt, wenn jemand stirbt, den man liebt“
SWR Kultur: Beim Lesen Ihres Buches musste ich an eine andere wichtige und großartige amerikanische Autorin denken: Joan Didion und ihr Buch „Das Jahr magischen Denkens“. Ich habe mich gefragt, ob dieses Konzept auch für Sie wichtig ist?
Siri Hustvedt: Wissen Sie, ich habe das Buch von Joan Didion gelesen und bewundert. Aber ein Unterschied zwischen uns ist, dass ich mich nicht von „magischem Denken“ leiten ließ. Obwohl ich nach Pauls Tod da neurologisch eine Präsenz gespürt habe, habe ich nicht erwartet, dass Paul zurückkommt.
Es gibt einen sehr eindringlichen Moment in Didions Buch, in dem sie davon spricht, die Schuhe ihres verstorbenen Mannes nicht wegzugeben, weil sie plötzlich den Gedanken hat, dass er vielleicht zurückkommen und sie brauchen könnte.
Ich hatte solche Gedanken nie. Das mag daran liegen, dass ich in meinem Fall schon seit langer Zeit mit Pauls Tod gerechnet hatte. Paul war im Hospiz.
Die Tatsache, dass Joan Didions Mann so plötzlich starb, macht sicher den Unterschied. Paul und ich kannten Joan Didion und ihren Mann nur flüchtig, aber ich glaube, der Unterschied ist: Was in Didions Memoiren fehlt, was meiner Meinung nach in meinen viel stärker zum Ausdruck kommt, ist Paul als Mensch.
Didion hinterfragt in erster Linie ihre Trauer und wie sich die anfühlt. Und das verstehe ich auch.
„Die Schattenräume der amerikanischen Politik“: Joan Didions „Demokratie“
Nachdem ich mein Buch fertiggestellt hatte, habe ich einen kleinen Artikel für das American Psychoanalytic Journal geschrieben, in dem ich Trauer als gewöhnlichen Wahnsinn bezeichnet habe.
Ich denke, das Buch von Didion passt sehr gut zu dieser Vorstellung, dass man ein wenig verrückt wird, wenn jemand, den man liebt, stirbt. Das geht vielen Menschen so.
Didion schreibt darüber sehr subtil, aber sie bringt ihren Mann nicht zurück. Und ich wollte etwas von Paul zurückbringen. Deshalb sind seine Briefe in dem Buch. Und deshalb spreche ich über seine Persönlichkeit.
Ich mochte seinen Charakter, aber es geht nicht um den Heiligen Paul, den literarischen Gott, mit dem ich zufällig verheiratet bin. Ich wollte, dass die Leser die ganz normalen Spannungen und Freuden einer langjährigen Partnerschaft spüren.
„Pauls Großzügigkeit werde ich bis zu meinem Tod in mir tragen“
SWR Kultur: Ja, das habe ich auch empfunden, als ich Ihr Buch gelesen habe. Es strahlt eine Wärme aus, Wärme und Liebe. Und Sie zitieren ein Gedicht von Sylvia Plath, das ich nicht kannte.
Es heißt „Widow“ – Witwe – und enthält die Zeile:
„But it is she who is paper now, warmed by no one” („Doch ist sie das Papier nun, von keinem gewärmt“).
In Ihrem Buch gibt es jedoch viel von dieser Wärme. Sie schreiben auch, dass die Briefe und Notizen, die Sie von Paul Auster wieder gelesen haben, Ihnen Wärme geben. Welche Wärme hoffen Sie, dass Ihr Buch seinen Lesern, geben wird?
Siri Hustvedt: Ich glaube, es gibt Wahrheiten, mit denen können wir alle nur sehr schwer leben. Wie etwa die Tatsache, dass wir alle sterben werden. Und wie ich bereits sagte, wenn man lange genug lebt, erlebt man den Tod von Menschen, die man geliebt hat.
Was Trauer angeht, denke ich, dass sie schlimmer ist für Menschen, die schreckliche Reue über ihre Beziehung zu der verstorbenen Person empfinden. In meinem Fall bin ich in der Lage, das zu feiern, was zwischen mir und Paul war. Und ich muss sagen, das trage ich mit mir.
Nun, das ist kein endgültiger Trost. Ich habe das Gefühl, dass meine Welt ohne Paul schlechter ist. Ich tue nicht so, als würde man überleben, die Trauer durchleben und dann an einem großartigen, wunderbaren Ort landen. Nein, ich glaube nicht, dass das stimmt.
Aber ich bin auch in der Lage, die Kraft zu spüren, die ich aus dieser Beziehung mit diesem Mann all die Jahre gewonnen habe, und die Kraft, die wir uns gegenseitig gegeben haben.
Und wenn man an Pauls Großzügigkeit denkt, über die ich geschrieben habe: Zwei Nächte vor seinem Tod, in der letzten Nacht, die wir zusammen im Bett verbracht und miteinander gesprochen haben, streichelte er lange meinen Arm und sagte:
„Schreib weiter, arbeite weiter, lass dich nicht von meinem Tod aufhalten, okay?“
Ich meine, stellen Sie sich diese Großzügigkeit eines sterbenden Mannes vor, der so etwas sagt. Das bewegt mich zutiefst, und ich werde das bis zu meinem eigenen Tod mit mir tragen.
Also, ja, ich feiere das, was wir über einen langen Zeitraum hinweg aufgebaut haben, und ich möchte, dass die Menschen verstehen, dass solche Liebesgeschichten gar nicht so ungewöhnlich sind.
Wir leben in Kulturen, die endlos darüber zu diskutieren, was falsch ist. Aber was richtig ist und dass es lange dauerhafte Liebesbeziehungen gibt, darauf konzentrieren wir uns viel zu wenig.