Im Dialog mit einem Geist
Im April 2024 starb der amerikanische Starautor Paul Auster im Alter von 77 Jahren. Er und seine Ehefrau Siri Hustvedt, auch sie eine herausragende Schriftstellerin von Weltruhm, bildeten über Jahrzehnte hinweg ein Vorzeigepaar: intellektuell, liberal, weltgewandt.
Paul Austers letzter Wunsch, so erzählt es Hustvedt, sei der gewesen, als Geist zurückzukehren. Diesem Geist spürt Siri Hustvedt in ihrem neuen Buch „Ghost Stories“ nach.
Es sind intime, essayistische und politische Texte über Trauer und Liebe. Und der Versuch, den Dialog, den Siri Hustvedt mit ihrem Mann geführt hat, fortzuführen.
Siri Hustvedt über ihren verstorbenen Mann Paul Auster: „Ghost Stories“
Am Rand des Abgrunds
Christoph Peters ist einer der produktivsten und klügsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. Mit dem neuen Buch ist Christoph Peters ganz in der eigenen Biografie, und es wird trotzdem lebensbedrohlich: Lange Zeit war Peters schwer alkoholabhängig.
Die Rettung aus dieser persönlichen Katastrophe geschah buchstäblich im letzten Moment. In „Entzug“ ist Bekenntnisliteratur zwischen Augustinus und den Anonymen Alkoholikern.
Zugleich ist das Buch aber auch ein hochinteressanter Künstlerroman: Es erzählt von einem ambitionierten jungen Autor, der in Rausch und Entgrenzung seine Erfüllung sucht. Und der nun buchstäblich nüchtern zurückblickt auf eine Zeit am Abgrund.
Christoph Peters neuer Roman „Entzug“
Unterhaltsame Systemkritik
Ein Phänomen: Millionen verkaufte Bücher und Hörspiele, zwei Verfilmungen und eine Reihe anderer Merchandise-Produkte: Die „Känguru“-Chroniken des Kabarettisten, Autors und Liedermachers Marc-Uwe Kling beglücken seit 2008 junge und alte Fans.
Das Känguru ist ein Millionenseller im Gewand des gewieften Kapitalismuskritikers. Doch kann man unter diesen Umständen eigentlich noch glaubhafte Systemkritik üben? Man kann – indem man nicht predigt, sondern unterhält. Indem man nicht trotz des Erfolgs, sondern in vollem Bewusstsein dessen subversiv bleibt.
Nun ist der fünfte Band der Chroniken erschienen: „Die Känguru-Rebellion“. Und wir werfen noch einmal einen Blick auf das Phänomen im Ganzen.
Marc-Uwe Klings Bestseller „Die Känguru-Rebellion“
Die Sommer in den Karpaten
Die 1979 in Bukarest geborene und heute in Zürich lebende Schriftstellerin Dana Grigorcea erfindet sich mit jedem Buch neu und bleibt sich zugleich treu. In ihren Büchern geht es auf amüsante und hintergründig politische Weise um die Möglichkeit oder auch Unmöglichkeit der Liebe.
So auch im neuen Roman „Tanzende Frau, blauer Hahn“, einem Meisterstück der Doppelbödigkeit. In der Kleinstadt Busteni in den rumänischen Bergen treffen sich Sommer für Sommer Camil und Roxana, die ansonsten komplett unterschiedliche Leben führen.
Doch hier beobachten sie gemeinsam die Bewohner des Ortes – ein Kaleidoskop der Sehnsüchte und der Geschichten, hochkomisch und zugleich abgründig.
Roadtrip in Versen
Yevgeniy Breyger, geboren 1989 in Charkiw, studierte an den Literaturinstituten Hildesheim und Leipzig sowie an der Hochschule für Bildende Künste in Frankfurt am Main.
Schon 2023 wollte er eigentlich seinen neuen Lyrikband veröffentlichen, doch schrieb er unter dem Eindruck des russischen Angriffs auf die Ukraine zunächst den Band „Frieden ohne Krieg“.
In „hallo niemand“, einem „Roadtrip in Versen“, kehrt das Motiv der multiplen Ichs mit Rasanz und Schwung zurück. Es ist eine wilde Odyssee kreuz und quer durch das Land. Ein Roadtrip, der keine Grenzen kennt. Lyrik ohne Sicherheitsgurt.
Rasanter „Roadtrip in Versen“ von Yevgeniy Breyger
Sprache als Heimat
Es ist das Überraschungsbuch unter den Nominierten für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse: Elli Unruh wurde in Kasachstan geboren, wuchs in Süddeutschland auf und arbeitet heute am Deutschen Literaturarchiv in Marbach.
Ihr Debütroman „Fische im Trüben“ erzählt von einer deutschen Minderheit in Kasachstan in den 1970er- und 1980er-Jahren, der die Sprache zur Heimat geworden ist.
Die Mennoniten, aus der Täuferbewegung der Reformationszeit hervorgegangen, hat es im 18. Jahrhundert in die ganze Welt verschlagen – vor allem, weil sie immer wieder Verfolgungen ausgesetzt waren. Elli Unruh zeigt in ihrem ersten Roman großes poetisches Gespür und sprachliche Sicherheit.