Deetz, Potsdam-Mittelmark, im Oktober 1989. Eine 51-jährige Frau wird in ihrem Bungalow ermordet. Sie ist das erste Opfer eines Serientäters, der bis 1991 sechs Menschen ermorden und es bei drei weiteren versuchen wird. In „Keine besonderen Auffälligkeiten“ erzählt Sophie Sumburane, wie diese Taten die Menschen in der Region verändert haben.
„Keine besonderen Auffälligkeiten“ ist ein Roman, der auf wahren Tatsachen basiert, aber dennoch Fiktion ist. Namen wurden verändert, Figuren erdacht.
Er ist ein Teil von Sumburanes Auseinandersetzung mit diesen Taten – dazu hat die 1986 in Potsdam geborene Autorin auch an der dreiteiligen ARD-Crime-Time-Doku „Rosa Riese – Jagd auf ein Phantom“ mitgewirkt. In der Doku stehen der Fall und die Ermittlungen im Mittelpunkt.
Die Menschen, die überhaupt mit Sumburane gesprochen haben, erzählten von ihrer Angst. Im Roman nun erforscht sie genau, diese Angst.
Überall schien er aufzutauchen, ohne wirklich da zu sein, er wohnte in ihrer aller Köpfe. Sie lebte in einem Dorf, das einen Mörder suchte, der wahrscheinlich längst weitergezogen war.
Sie spürt nach, wie sich Angst in eine Gemeinschaft und in einzelne Menschen, in ihre Beziehungen, ihr Selbstbild einschleicht. Wie sie jede Entscheidung beeinflusst. Bewusst oder unbewusst.
Indem sich der multiperspektivische Roman jeglicher Emotionalisierung oder Dramatik verweigert, der Erzählstil eher spröde ist, verstärkt sich das empfundene Grauen.
Den Opfern eine Stimme geben
Einige Passagen sind zwar dem Täter zuzuordnen, vor allem aber erfüllt Sophie Sumburane eine zentrale Forderung an True Crime und Kriminalromane: Sie gibt den Opfern eine Stimme.
Er war schon fast bei ihr und einen kurzen Moment fragte sie sich, warum sie es wichtiger fand, höflich hier zu bleiben und ihn nicht denken zu lassen, sie fühle sich unwohl neben ihm, obwohl sie genau spürte, dass etwas nicht stimmte mit ihm, warum sie das so wichtig fand, einem Mann, der halt Kleidung suchte, kein schlechtes Gefühl zu geben, wenn sie verschwand und er dann womöglich denken konnte, ihr Angst gemacht zu haben, warum ihr die Höflichkeit hier wichtiger war als ihr Wunsch zu verschwinden, und als er nach der Bluse griff, die sie schon in den Fingern hielt, sah er sie an, direkt, und zog an dem Stoff.
Sie geht noch einen Schritt weiter: Am eindrucksvollsten ist ihre Erzählung von zwei jungen Frauen, die in dem Dorf leben, in dem der erste Mord geschieht. Sie sind indirekt betroffen, sie sind – vom Täter aus betrachtet – in der Peripherie.
Aber in ihrem Leben sind die Taten, die Angst, die sie auslösen, zentral. Und sie reagieren unterschiedlich darauf: Hedi hält sich an ihren Freund, der sie beschützt will – und bekommt lange nicht mit, wie er sie einengt und zu kontrollieren versucht. Denn Gewalt kann verschiedene Formen annehmen.
Ihre Freundin Gabi indes stellt sich ihrer Angst: Sie macht ein Praktikum bei der BILD-Zeitung, will über diese Morde berichten – und unbedingt ihrer kleinen Schwester helfen, die vor Furcht verstummt ist, während sich ihre Mutter in ihren Ausländerhass hineinsteigert. Allein in dieser Familie liegen so viele Geschichten.
Wenn Gewalt in abgeschlossene Gemeinschaften bricht
Gelegentlich scheint man den Bewusstseins- und Gedankenströmen der verschiedenen Figuren regelrecht ausgeliefert. Es gibt zwar Orts- und Zeitangaben zur Orientierung, aber keine Ermittlungsperspektive – und damit auch keine Ordnungsinstanz, die alles säuberlich sortiert und verpackt.
Das spiegelt die Hilfslosigkeit der Figuren: Sie kämpfen um Orientierung in einer zunehmend unübersichtlichen Welt. Die Morde begannen 1989. Mit dem Täter kam die Angst in hermetische Gemeinschaften, die bisher mit solchen Taten in der DDR nicht konfrontiert wurden.
Mit dem Mauerfall kam eine allumfassende Verunsicherung – und eine sensationshungrige Boulevardpresse, die die Taten genüsslich ausschlachtete. Hier zeichnet der Kriminalroman ein konzentriertes Bild einer spezifischen Region in jenen Jahren.
„Keine besonderen Auffälligkeiten“ verweigert sich einfachen Gewissheiten. Genau deshalb überzeugt dieser Roman über die Folgen von Unsicherheit, Gewalt und den Graubereichen eines jeden Verbrechens.
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25. März 2026