Dunkle Städte, gebrochene Helden: Warum polnische Krimis faszinieren
Stieg Larsson, Jo Nesbø oder Arne Dahl: das Böse geht im Norden um. Skandinavische Krimis dominieren seit Jahren den Markt.
Erfolgreiche – und vor allem spannende – Thriller kommen aber auch aus Polen. Die sind düster, politischer und oft unbequemer als die Spannungsliteratur aus dem Norden. Und beim Lesen lernt man auch viel über die Gesellschaft unseres Nachbarlandes.
Zwischen Geschichte und Gegenwart
Ein zentrales Merkmal polnischer Krimis ist ihre starke Verankerung in der bewegten polnischen Geschichte. Viele Romane erzählen nicht nur von Verbrechen, sondern von den Spuren, die die Vergangenheit bis heute hinterlässt.
Ein Beispiel dafür ist Marek Krajewski, der mit seinen Breslau-Romanen den sogenannten „Retrokrimi“ geprägt hat. Seine Geschichten spielen im frühen 20. Jahrhundert und greifen die deutsche Vergangenheit Schlesiens auf – ein Thema, das in Polen lange verdrängt wurde. Seine Erfolge legten den Grundstein für die Belebung des historischen Kriminalromans in Polen.
Viele aktuelle Krimis aus Polen verbinden Kriminalplot und Zeitgeschichte eng miteinander: politische Umbrüche, die Nachwirkungen des Kommunismus oder die Rolle Polens in Europa sind oft Teil der Erzählung. Der Krimi wird so zum Seismographen gesellschaftlicher Spannungen.
Ermittler ohne Glanz
Wie in den skandinavischen Pendants dominieren auch im polnischen Krimi gebrochene Figuren. Sie haben Alkoholprobleme, moralische Zweifel und persönliche Abgründe.
Diese Antihelden spiegeln eine Gesellschaft, die sich neu orientieren muss. In den Büchern von Marek Krajewski ermittelt Eberhard Mock im bis 1945 deutschen Breslau. Ein hochintelligenter Kriminalbeamter und gleichzeitig zutiefst ambivalent durch seine Brutalität, Bestechlichkeit und Trunksucht.
Auch Autorinnen und Autoren wie Katarzyna Bonda und Zygmunt Miłoszewski setzen auf psychologische Tiefe. Profilerin Sasza Załuska und Staatsanwalt Teodor Szacki etwa kämpfen nicht nur mit komplizierten Fällen, sondern auch mit sich selbst.
Erfolgreich auch auf dem Bildschirm
Wie gut diese Stoffe funktionieren, zeigt ein Blick auf deren Umsetzung als Serien und Verfilmungen.
Der Erfolgsautor Remigiusz Mróz, mit rund 11 Millionen verkauften Büchern einer der populärsten Gegenwartsautoren Polens, lieferte mit „Forst“ die Vorlage für eine düstere Netflix-Serie über einen eigenwilligen Ermittler im Tatra-Gebirge.
Auch „Farben des Bösen: Rot“, basierend auf der Thrillerreihe von Małgorzata Oliwia Sobczak, erzählt von einem brutalen Mordfall an der Ostseeküste, den ein junger Staatsanwalt aufklären muss. Eine weitere Verfilmung ist bereits angekündigt.
Die Miniserie „Hundehügel“ nach einem Roman von Jakub Żulczyk verbindet Gegenwart und Vergangenheit: Ein erfolgreicher Autor wird in seinem Heimatdorf mit einem alten Mordfall konfrontiert.
Und „Die Breslauer Morde“ führt zurück ins Jahr 1936: Polizeikommissar Franz Podolsky ermittelt kurz vor den Olympischen Spielen von Berlin in der schlesischen Großstadt. Atmosphärisch knüpft die Serie an das Milieu Krajewskis an, ohne direkt auf dessen Vorlagen zu basieren.
Für die Netflix-Serie „Das Grab im Wald“ wurde ein internationaler Bestseller von Harlan Coben in ein polnisches Setting übertragen: Ein Staatsanwalt rollt das Verschwinden seiner Schwester neu auf.
Neue Stimmen für den deutschsprachigen Markt
Noch sind viele polnische Autor*innen in Deutschland wenig bekannt. Das ändert sich gerade. Ein wichtiger Akteur ist hierbei der Polente Verlag in Wien.
Der Verlag hat sich gezielt auf polnische Spannungsliteratur spezialisiert und will diese für ein deutschsprachiges Publikum sichtbar machen. Im Programm finden sich Thriller und Krimis, die „einen unverwechselbaren kulturellen Kontext“ mitbringen und neue Perspektiven eröffnen sollen.
Mit im Programm ist Magdalena Parys‘ „Der Prinz“. Der zweite Band einer preisgekrönten und international erfolgreichen Thrillerreihe, die politische Geschichte mit Spannung verbindet. Und auch Zygmunt Miłoszewskis „Szacki-Trilogie“ wird wieder aufgelegt.
Ein Genre im Aufbruch
Lange galt der polnische Krimi als Randphänomen. Selbst in Polen wurde er gegenüber importierter Spannungsliteratur oft unterschätzt. Heute hat sich das geändert. Die Dichte an Krimifestivals und Preisen wie der „Wielki Kaliber“ zeigen, wie lebendig die Szene ist – und wie viele neue Stimmen entstehen.