Auf den Spuren Heinrich Heines

Steffen Kopetzky auf Wanderschaft durch den Harz

Steffen Kopetzky entdeckt auf seiner Wanderung durch den Harz blühende Landschaften in der einstigen DDR, Tristesse und Verfall im Westen: „Die Harzreise"

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Von Autor/in Jörg Magenau

Als Heinrich Heine einst während seiner Harzreise den Brocken bestieg, soll er dort oben ins Gipfelbuch geschrieben haben: „Viele Steine, müde Beine, Aussicht keine, Heinrich Heine.“

Leider wurden ihm diese schönen Reime bloß angedichtet. Steffen Kopetzky, aufgebrochen, um Heines Harzreise 200 Jahre nach deren Veröffentlichung wandernd nachzuvollziehen, verzichtet deshalb zurecht darauf, sie zu zitieren, obwohl auch er müde Beine zu beklagen hat und die Aussicht vom Brocken oder vielmehr Blocksberg herab allenfalls wechselhaft ausfällt.

Mal schmerzt die Blase am Fuß, dann schmerzen die Gelenke: Wandern erweist sich als Disziplin, in die sich der wanderunkundige Schriftsteller erst einmal einfinden muss. Seine Beobachtungen hält er unterwegs in einem Notizbuch fest, das schon eher seinem Metier entspricht.

Wanderschaft als Zeitreise

„So wie das Gehen mich der Vergangenheit näherbringt, tut es auch das Schreiben mit der Hand. Es gibt mir etwas zurück, nämlich das schöne Gefühl, eigentlich fast nichts zu brauchen, um arbeiten zu können, weder Netzteil noch WLAN, sondern nur einen Stift und Papier.“

Steffen Kopetzky gibt sich alle Mühe, als Wandersmann unzeitgemäß zu erscheinen. Das geht bis in die Wortwahl, wenn er die Frösche am Wegesrand „entzückend“ findet, einen Ausblick als „bezaubernd“ lobt, sich an einer Zwiebelsuppe „gütlich tut“ und Sätze schreibt wie diesen:

Manchmal braucht man, um nachdenken zu können, die Einsamkeit. Jeder Schritt wird zu einer Köstlichkeit, die die behaglich auf ihrem Nachmittagsthron sich ausruhende, honigdicke Sonne mir kredenzt.

Die demonstrative Betulichkeit ist wohl beabsichtigt. Sie gehört zum Programm des Wanderers, der sich in seinen kurzen Hosen, mit einem Schlapphut auf dem Kopf und Wanderstöcken in der Hand lustvoll als komische Figur inszeniert. Dieser Habitus versetzt ihn in Distanz zur Gegenwart, aus der heraus er umso besser mit denen ins Gespräch kommt, die ihm unterwegs begegnen.

Sich auf Wanderschaft zu begeben, heißt nicht nur, Landschaft und Ortschaften zu erkunden, sondern auch, Abstand vom Alltag zu nehmen, zu entschleunigen und eine Zeitreise anzutreten.

Steffen Kopetzky
Steffen Kopetzky (c) Panama Pictures

West und Ost

Die Wanderroute entspricht ziemlich exakt der, die einst Heinrich Heine eingeschlagen hat. Sie führt von Göttingen nordwärts nach Northeim, dann ostwärts nach Osterode, über Clausthal, Goslar, Bad Harzburg auf den Brocken und weiter nach Wernigerode, um schließlich jenseits der Heine-Pfade im Bergwerksmuseum in Rübeland tief unter der Erde zu enden – einem Ort, an dem es in kurzen Hosen entschieden zu kalt ist.

Der Weg führt von Niedersachsen nach Sachsen-Anhalt, also aus der alten Bundesrepublik ins einstige Gebiet der DDR. Doch während Kopetzky in Northeim und Osterode den traurigen Zustand der Städte beklagt, Leerstand und Verfall beobachtet, sind Häuser und Parks in Wernigerode gepflegt, ja sogar das Klima ist wärmer.

Die Verhältnisse haben sich umgekehrt. Kopetzky entdeckt tatsächlich im Osten die vielzitierten „blühenden Landschaften“, während er im ehemaligen Westen glaubt, sich in der DDR zu befinden.

Die Wanderschaft bietet – nicht ungewöhnlich für Wanderschaften – diverse Hoteldekors und Restaurantbesuche, Straßenfeste und Waldlichtungen, Weggabelungen und Regenwetter, müde Beine und tiefen Schlaf, Zufallsbekanntschaften und allerlei Wissenswertes über Bergbau, Harz und Kulturgeschichte.

In Goslar begibt Kopetzky sich auf die Spuren von Ernst Jünger, der hier von 1933 bis 1939 lebte. Man erfährt, warum es in Clausthal kein Clausthaler zu trinken gibt und warum der Bergbau nicht nur die deutsche Industrie hervorgebracht hat, sondern auch den Protestantismus, stammte doch Martin Luther aus einer Bergmannsfamilie und wie sein Gegenspieler Thomas Müntzer aus dem Südharz.

Europäischer Horizont

Auf einem Straßenfest in Wernigerode belauscht Kopetzky die Gespräche von AfD-Anhängern und muss nicht lange warten, bis das Wort „Remigration“ fällt und er einen „geifernden, von sich selbst begeisterten Hass“ vernimmt, für den es an diesem schönen Ort so recht keinen Anlass gibt. Ein AfD-Abgeordneter beklagt derweil, dass es nicht genug Wanderschilder gibt:

„Während die einen also voller Inbrunst über Ausländer und die Europäische Union herziehen, spricht der Mandatsträger von den Wanderschildern der guten alten Zeit und ist dabei entspannt, weil er weiß, dass es eh keine Rolle spielt, worüber er spricht. Sie werden sowieso gewinnen.“

Auch wenn Kopetzky mit Heinrich Heine in die Vergangenheit oder eine zeitlose Weltabgeschiedenheit hinein aufgebrochen ist, landet er doch unweigerlich in der Gegenwart. Es gibt kein Entkommen. Er wundert sich, wie weit die „rechtsnationalen und europafeindlichen Kräfte schon gekommen sind“, doch für ihn ist der Horizont auch in der tiefen Provinz europäisch.

Das ist das Überraschende an dieser Wanderschaft, die durch ein deutsches Kernland und das mythische, von Hexen und Geistern bewohnte Gebiet um den Blocksberg führt und doch nirgendwo anders enden kann als in Europa.

Wir werden, resümiert Kopetzky, als Deutsche in die harten nächsten Jahre gehen und als Europäer herauskommen. Man muss nicht unbedingt an einem AfD-Stand vorbeigekommen sein, um zu dieser Aussicht zu gelangen.

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