Faschisten, Schurken, Gegenwelten
Autorinnen und Autoren haben sich durch alle Zeiten von Musikstücken inspirieren lassen. Die Vertonung literarischer Werke war bereits im Mittelalter ein produktives Gewerbe, gerade wenn es um die Liebe ging.
Dass Künste sich gegenseitig befruchten, daran hat sich bis heute nichts geändert. Das gilt auch für die Popmusik. Am 23. April ist der UNESCO-Welttag des Buches. Wir haben Songs herausgesucht, in denen Musikerinnen und Musiker ihre Lektüren als Inspiration verwendet haben – und einen Sonderfall, in dem es genau umgekehrt war.
- David Bowie: 1984 (1974)
- Elvis Costello: Less Than Zero (1977)
- Kate Bush: Wuthering Heights (1978)
- The Cure: Charlotte Sometimes (1981)
- Nick Cave: Red Right Hand (1994)
- PJ Harvey: The River (1998)
David Bowie: 1984 (1974)
Bis zum tatsächlichen kalendarischen Erreichen des Jahres stand die Zahl 1984 dank George Orwells 1948 publizierten Romans als Chiffre für eine ungewisse, düstere gesellschaftliche Zukunft.
David Bowie, das intelligenteste Chamäleon der Popgeschichte, warnte in seinem 1974 erschienenen Song vor den Folgen politischer Propaganda: „They'll split your pretty cranium and fill it full of air“ – sie werden dir den hübschen Schädel spalten und mit Luft füllen.
Die Idee zu dem Text soll Bowie bei einem Besuch in Moskau ein Jahr zuvor gekommen sein. Vom Fenster seines Hotelzimmers aus verfolgte Bowie eine Militärparade auf dem Roten Platz.
Eine Reise in Angst
Noch nie, so habe es Bowie später erzählt, habe er so panische Angst gehabt wie auf dieser Reise, die ihn später auch noch in das geteilte Berlin führte.
Wie aufwendig der Song musikalisch tatsächlich ist, zeigt ein Auftritt Bowies in braunem Anzug mit goldener Uhrenkette, mit rötlich gefärbten Haaren und karierter Krawatte in einer amerikanischen Fernsehshow: eine volle Kapelle plus sechs Backgroundsängerinnen und -sänger standen für die Live-Performance auf der Bühne.
Elvis Costello: Less Than Zero (1977)
Hier war es einmal umgekehrt: 1985 benannte Bret Easton Ellis, der später den Skandalroman „American Psycho“ schreiben sollte, sein literarisches Debüt „Less Than Zero“ nach Elvis Costellos Song aus dem Jahr 1977.
Dieser wiederum war das musikalische Debüt des britischen Musikers und erschien auf dessen erstem Album „My Aim Is True“. Eine direkte inhaltliche Verbindung zwischen Lied und Buch gibt es auf den ersten und auch auf den zweiten Blick nicht.
Der Faschist im TV
Costellos Text ist eine Reaktion auf einen Fernsehauftritt des britischen Faschisten Oswald Mosley, der seine rassistischen Einstellungen in den 1930er-Jahren verleugnete.
In diversen Internetforen versuchen Fans, einzelne Szenen aus Bret Easton Ellis‘ Roman auf Elvis Costellos Song zu beziehen – was nicht immer ganz plausibel erscheint. Möglicherweise mochte der Schriftsteller schlicht und einfach den Song. Auch das reicht ja manchmal als Inspiration.
Kate Bush: Wuthering Heights (1978)
Erst kürzlich spaltete die Neuverfilmung von Emily Brontes 1847 veröffentlichtem Roman das Netz. Die Britin Kate Bush schrieb ihren Song „Wuthering Heights“ im Alter von 18 Jahren an einem einzigen Abend. Er bildete die Grundlage für Kate Bushs Ruf als ein tänzerisch-musikalisches Gesamtkunstwerk.
Den ersten Fernsehauftritt ihres Lebens hatte die Sängerin im deutschen TV, im Februar 1978 in der Sendung „Bios Bahnhof“. „Kate, you are great“, so reimte Alfred Biolek etwas unbeholfen im Anschluss an die Performance.
Gotische Romanze
Kate Bushs Song wurde von der Kritik als eine „gotische Romanze“ charakterisiert. Kate Bush spricht aus der Perspektive des Geistes der verstorbenen Catherine Earnshaw, die unter dem Fenster des sinistren, „grausamen“ Heathcliff steht und um Einlass bittet: „I’ve come home, I’m so cold.“ – Ich bin nach Hause gekommen, mir ist so kalt.
Der Song „Wuthering Heights“ wurde umgehend zu einem durchschlagenden Erfolg. Bereits 1979 waren mehr als eine Million Singles verkauft worden.
Bis heute treffen sich, ausgehend von einer australischen Initiative, am „The Most Wuthering Heights Day Ever“ weibliche Kate Bush-Fans in über die ganze Welt verstreuten Städten, um das Lied zu feiern und den dazugehörigen Tanz der Sängerin zu imitieren – stilecht im roten Kleid mit schwarzer Schärpe und mit knallrotem Lippenstift im Gesicht.
„Ich hatte immer das Problem, dass es zu wenig Sex in Literatur gibt“
The Cure: Charlotte Sometimes (1981)
Man vergisst manchmal, wie jung die Mitglieder von „The Cure“ noch waren, als sie ihre ersten, bis heute epochalen Werke schrieben. Als „A Forest“ erschien, war Sänger und Gitarrist Robert Smith gerade einmal 21 Jahre alt; ein Jahr später erschien die Single „Charlotte Sometimes“, einer der schönsten „Cure“-Songs überhaupt.
Der Titel ist gleichzeitig der eines von Robert Smiths Lieblingsbüchern seiner Kindheit, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht allzu fern war. 1969 veröffentlichte Penelope Farmer die Fantasy-Geschichte „Charlotte Sometimes“.
Wechsel zwischen den Welten
Sie erzählt von Charlotte, einem Mädchen, das im Internat lebt und eine Zeitreise ins Jahr 1918 unternimmt, während ein anderes Mädchen in die Gegenwart von Charlotte reist. Es geht also um die Vermischung von Identitäten, um den gleitenden Wechsel von einer Realität in die andere. Ein Topos, der den Songwriter Robert Smith immer wieder beschäftigt hat.
Das Video zu „Charlotte Sometimes“ wurde passenderweise in einem Sanatorium gedreht, Robert Smith darin noch ohne den verschmierten Lippenstift im Gesicht, der erst kurz darauf zu seinem Markenzeichen wurde.
Nick Cave: Red Right Hand (1994)
Die „Red Right Hand“, die rote rechte Hand, steht in John Miltons lyrischem Epos „Das verlorene Paradies“ für die rächende Hand Gottes. Den australischen Apokalyptiker Cave hat Miltons 1667 veröffentlichter Text schon immer produktiv angeregt.
In diesem Song versteht Cave Miltons Bild ganz konkret: Eine unheimliche Figur, „ein Gott, ein Mann, ein Geist, ein Guru“ sucht eine Kleinstadt heim und bringt sie auf unerklärliche Weise in seine Gewalt.
Die großen Fragen
Das Lied muss eine besondere Bedeutung für den Musiker haben: Auf der Website „The Red Hand Files“ kommuniziert Cave, der 2015 und 2022 zwei seiner Söhne zu Grabe tragen musste, mit seinen Fans über die großen Fragen des Lebens.
„Red Right Hand“ wurde zur Auftaktmusik der Serie „Peaky Blinders“. Für den kürzlich erschienenen Kinofilm komponierte Cave eigens eine neue Version des Songs.
PJ Harvey: The River (1998)
Flannery O’Connor stammte aus dem amerikanischen Südstaaten. Ihre zwei Romane und 31 Kurzgeschichten werden heute dem „Southern Gothic-Stil“ zugeordnet.
O’Connor war überzeugte Katholikin. Nachdem bei ihr 1951 eine seltene Autoimmunkrankheit diagnostiziert wurde, kehrte sie auf den Bauernhof ihrer Vorfahren zurück, hielt sich rund 100 Pfauen und züchtete andere seltene Vogelarten.
Die Taufe für ein neues Leben
O‘Connor starb im Alter von 39 Jahren. „The River“, die Kurzgeschichte, die dem Song der Engländerin PJ Harvey den Titel gab, entstand im Jahr 1953. Sie erzählt von einem kleinen Jungen, dessen Babysitterin ihn mitnimmt an einen Fluss, in dem der Junge sich taufen lässt, um ein dem Fluss als ein anderer Mensch zu entsteigen