Prozesse der Kreativität

„Langeweile ist sehr wichtig für die Kreativität“: Wie das Gehirn Geistesblitze erzeugt

Kreativität gilt oft als Mysterium. Was passiert eigentlich im Gehirn, wenn wir kreativ sind? In SWR Kultur spricht der Neurologe Mario De la Piedra Walter über sein neues Buch „Unser kreatives Gehirn. Eine kleine Geschichte der Geistesblitze.“

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SWR Kultur: Herr Piedra Walter, Sie nennen Genies aus Kunst, Literatur und Musik, unter anderem Frida Kahlo, Otto Dix oder auch Franz Liszt. Was macht deren Gehirne so besonders?

Mario de la Piedra Walter: Für mich ist das Gehirn ein Geheimnis, das es zu entdecken gilt. Ich finde es interessant, wie Kreativität in diesen Künstlern wirkt. Zuerst muss man Kreativität aber natürlich definieren. Was heißt das? Kreativität ist die Fähigkeit, originelle und nützliche Ideen oder Lösungen zu entwickeln, und daran sind unterschiedliche Hirnregionen involviert. Das heißt, Kreativität stammt nicht aus einem einzelnen Zentrum, sondern aus dem Zusammenspiel mehrerer Netzwerke im Gehirn.

Was passiert im Gehirn in dem Moment, den wir als Geistesblitz erleben? Ist das eher ein Zufall?

Ich würde es nicht als Zufall bezeichnen. Wie Picasso gesagt hat, existiert Inspiration ja. Man muss aber in einem solchen Moment arbeiten, und natürlich gibt es unterschiedliche Netzwerke, die dabei aktiv sind. Zum Beispiel das Default-Mode-Network, ein Netzwerk, das aktiv ist, wenn wir Tagträumen oder uns Dinge vorstellen.

Für das Entstehen von Kreativität ist eine relativ offene, ungehemmte Aufmerksamkeit entscheidend.

Zustände, die solche Offenheit stark hemmen, zum Beispiel Angstgefühle oder starke Fokussierung, sind komplett kontra-kreativ. Das regelmäßige Ausüben von sogenannten Mind-Wandering-Aktivitäten steigert dagegen die Kreativität.

Der Berliner Neurologe Mario de la Piedra Walter
„Langeweile ist sehr wichtig für die Kreativität“, sagt der Berliner Neurologe Mario De la Piedra Walter. Diogenes Verlag | Christina Kuster

Man müsste sich also für Kreativität mehr Ruhe, Schlaf und ja, auch Langeweile gönnen?

Genau, Langeweile ist sehr wichtig. Insbesondere in dieser Zeit und in dieser Gesellschaft, wo wir einfach den ganzen Tag beschäftigt sind, mit dem Handy oder bei Instagram. Langeweile ist tatsächlich sehr, sehr wichtig für die Kreativität.

Entsteht herausragende Kunst, wenn die Synapsen richtig sitzen? Hat also der brillanteste Geist einfach gute Startchancen?

Das ist eine schwierige Frage. Vielleicht ist es auch schwierig, herausragende Kunst zu definieren. Sicher braucht man eine besondere Art von Sensibilität, noch mehr allerdings Disziplin. Die meisten Künstler, auf die ich in meinem Buch fokussiert habe, waren zum Beispiel nicht bedeutend, weil sie eine Krankheit hatten. Im Gegenteil, sie waren großartig trotz dieser Krankheit. Sie haben diese Situation genutzt, um etwas daraus zu schaffen.

Die Künsterlin Frida Kahlo im Anzug
Die Leidenserfahrung, anders zu sein: Die mexikanische Künstlerin Frida Kahlo (Mitte) posierte auf einem Familienbild schon früh in Männerkleidung. GRANGER Historical Picture

Haben Sie dafür ein Beispiel? Vielleicht Albert Einstein?

Genau. Ich fand es interessant, dass nach seinem Tod ein Arzt sein Gehirn gestohlen und vor mehr als 40 Jahren versucht hat, das Geheimnis von Einsteins Genie zu finden. Das war völlig erfolglos. Das Gehirn von Albert Einstein ist genauso wie unsere Gehirne. Dagegen haben wir Beispiele von mehreren Künstlern, die viel gelitten haben, zum Beispiel Frida Kahlo. Sie hat ihr Leiden genutzt, um daraus etwas zu schaffen. Ebenso Dostojewski oder van Gogh.

Gehirne unterscheiden sich also nicht so sehr voneinander. Es geht darum, was man damit macht?

Ich glaube, dass Kunst am Ende nur die Expression von kognitiven Prozessen ist, die Materialisierung unserer Gedanken und Vorstellungen.

Geist, Psyche und Körper lassen sich voneinander nicht trennen.

Gedanken und Emotionen entstehen aus Prozessen in unserem Gehirn. Wenn diese Prozesse von emotionaler Belastung, körperlichen Krankheiten beeinflusst sind, ist auch das Kunstschaffen beeinträchtigt. Lebenserfahrungen können deshalb Kunstprozesse entweder potenzieren oder auch blockieren.

Motivwagen aus dem Düsseldorfer Straßenkarneval 2025: Ein KI-Bot versucht ein Hirn zu fressen.
KI frisst Hirn? Was im Düsseldorfer Straßenkarneval als Befürchtung zum Wagenmotiv wurde, gilt nicht unbedingt in punkto Kreativität: Zum Kreativsein gehören auch Körper und Leidensfähigkeit, so der Neurologe Mario de la Piedra Walter. dpa | Federico Gambarini

Welche Rolle spielen die Gene? Vererbt sich Kreativität?

Das fragt man sich auch mit Blick auf psychiatrische Krankheiten. Denn auch solche Krankheiten sind verbunden mit Genetik. Bisher gibt es aber keine Hinweise, dass da eine Korrelation existiert.

Wo sehen Sie die Grenzen unseres kreativen Gehirns? Gibt es Bereiche, in denen KI besser ist?

Als die Fotografie entwickelt wurde, haben viele Maler geglaubt, sie bräuchten nicht mehr zu malen. Schließlich gebe es jetzt einen Apparat, der die Realität genau darstellen könne. Auch Baudelaire dachte zum Beispiel, die Zeit der Kunst sei vorüber. Und dann ist das Gegenteil passiert. Fotografie hat Kunst potenziert, weil Kunst frei wurde, die Realität nicht mehr so genau darstellen musste.

Wenn wir über KI und Netzwerke sprechen, vergessen wir manchmal, dass wir auch Körper sind.

Wir leiden, wir haben Emotionen, wir haben Sensibilität. Diese Prozesse sind entscheidend für das Entstehen von Kreativität.

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Voilà:
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