Wertschätzung für die „Quetschkommode“

Akkordeon ist Musikinstrument des Jahres – Genial einfach und deshalb erfolgreich

Die deutschen Landesmusikräte haben das Akkordeon zum Musikinstrument des Jahres 2026 gekürt. Servais Haanen, Leiter des Musikfestivals „Akkordeonale“ und Schirmherr des Aktionsjahres in Rheinland-Pfalz, erklärt die Vorzüge des Instruments.

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Im Anfang war ein Papagei

Die Entscheidung für das Akkordeon ist aus der Sicht Haanens völlig gerechtfertigt: „Es kann nicht genug im Rampenlicht stehen, weil nicht genug Leute wissen, was dieses Instrument alles kann“, sagt der gebürtige Niederländer.

Er erzählt, dass er als Kind in seiner Heimatstadt Maastricht diesem Instrument verfiel: „Es gab da eine Kneipe mit einem Papagei, eine Wirtin mit Hochsteckfrisur und samstags einen Akkordeonspieler, der mühelos für Stimmung sorgte.“

Eigentlich nur ein Haufen Metall mit Plastikplättchen

Die Erfindung eines Wiener Instrumentenbauers, von Musikkritikern und Klassikliebhaber als „Quetschkommode“ oder „Heimatluftkompressor“ bespöttelt, ist für Haanen nur genial einfach: „Das ist ein Haufen Metall mit Plastikplättchen drin, die irgendwie durch Luft schwingen.“

Das Erlernen sei zudem sehr einfach: „Sobald man auf eine Taste drückt, an dem Instrument zieht oder es drückt, kommt ein Ton raus.“ Ein weiterer Vorteil: „Es muss nicht so oft gestimmt werden wie eine Geige oder eine Harfe.“

Akkordeons in vielen Farben gruppieren sich auf, unter und um einen Tisch herum
Knöpfl, Quetschkommode, Schifferklavier, Ziehharmonika – das Akkordeon hat zahllose Namen und wird weltweit gespielt: In Volksmusik, Tango und Musette, in Klassik und zeitgenössischer Musik, Pop, Rock und Jazz. Bild in Detailansicht öffnen
Zwei Hände arbeiten mit viel Feingefühl an den Stimmzungen eines Akkordeons
Beim Akkordeonbau ist auch heute noch vieles Handarbeit, wie etwa das Justieren der Stimmzungen. Man unterschiedet sowohl zwischen Piano- und Knopfakkordeons als auch zwischen diatonischen (sieben Töne) und chromatischen (zwölf Töne) Stimmungen. Bild in Detailansicht öffnen
Musiker das Spielen der Sheng.
Die Sheng, eine traditionelle chinesische Mundorgel, bei der Metallzungen mit Luft in Schwingung versetzt werden, gilt als Vorläuferin des Akkordeons. Europäische Instrumentenbauer haben das Prinzip ab dem 18. Jahrhundert für die Mundharmonika, das Harmonium und schließlich das Akkordeon übernommen. Bild in Detailansicht öffnen
Das Spitzenmodell Gola hat vergoldete Teile und die Tasten für einzelne Töne individuell angeordnet.
Der Wiener Instrumentenbauer Cyrill Demian hat am 23. Mai 1829 ein Patent auf sein „Handbalginstrument“ erhalten. Weltmarktführer Hohner produziert noch heute seine hochwertigen Akkordeons zu großen Teilen in Handarbeit in Trossingen, Landkreis Tuttlingen. Bild in Detailansicht öffnen
Salvatore La Ferrera spielt auf seinem Akkordeon. Für den Weltmeister aus Ulm ist Musik das Wichtigste in Leben.
Das Piano-Akkordeon mit Klaviertasten auf der rechten Seite ist das meistgespielte Modell. Gespielt wird es auch von Salvatore La Ferrera aus Ulm. Er ist 2025 in Frankreich von der "Confédération Mondiale de l'Accordéon" zum Akkordeon-Weltmeister in der Kategorie Jazz gekürt worden. Bild in Detailansicht öffnen
Der französische Akkordeonist Richard Galliano (2018)
Einer der renommiertesten Virtuosen, der französische Jazz-Akkordeonist und Komponist Richard Galliano, spielt auf dem Knopfakkordeon. Richard Galliano 03.03.2018., Zagreb - French harmonic Richard Galliano held a concert in concert hall Vatroslav Lisinski TomislavxMiletic PIXSELL Bild in Detailansicht öffnen
Eva Zöllner
„Es ist wie eine erweiterte Lunge“, sagt Eva Zöllner über das Akkordeon. Dadurch werde das Instrument sehr menschlich. Schon über 300 Werke hat die Westerwälderin auf dem Instrument uraufgeführt und ist damit eine der wichtigsten Interpretinnen der zeitgenössischen Musik. Bild in Detailansicht öffnen
Victor Pribylov mit Kopfakkordeon
Das Knopfakkordeon ist besonders in der osteuropäischen Volksmusik und im französischen Chanson verbreitet und hat keine Tasten wie das Klavier. Victor Pribylov tritt mit seinem Bayan, einer osteuropäischen Variante des Knopfakkordeons, in der Mainzer Fußgängerzonen und in Konzertsälen auf. Bild in Detailansicht öffnen
Die irische Akkordeonistin Sharon Shannon 2018 in Oberhausen
Das "Diatonischen Akkordeon" wird in der Folkmusik gespielt, wie hier von der irischen Akkordeonistin Sharon Shannon. Das Ziehen und Drücken des Balgs erzeugt – wie auch bei der Mundharmonika – unterschiedliche Töne. Bild in Detailansicht öffnen
Musiker mit Cajun-Akkordeon,  Melodeon auf einem Festivals in Lafayette, Louisiana.
Auch das Cajun-Akkordeon aus dem Süden Louisanas ist ein einfaches diatonisches Knopfakkordeon, das Melodiespiel mit Begleitung ermöglicht. Bild in Detailansicht öffnen
Astor Piazzolla  (1921 - 1992 ) Bandoneon-Spieler und Begründer des Tango Nuevo.
Das Bandoneon ist das Herzstück des argentischen Tangos. Astor Piazzolla (1921 - 1992 ) gilt als der bedeutendster Bandoneon-Spieler und Begründer des Tango Nuevo, einer Weiterentwicklung des traditionellen Tango Argentino. Bild in Detailansicht öffnen
„The Pogues“ 2025 bei einem Konzert in Newcastle, UK.
Die englisch-irische Band „The Pogues“ war in den 1980er Jahren der populärste Vertreter des britischen „Celtic Punk“. Prägend für den Stil der Band war auch das Akkordeon, das von Pianist James Fearnley gespielt wurde. Bild in Detailansicht öffnen
Concertina, ca. 1862, London.
Die Concertina hat einen kleinen, sechseckigen Körper und ist besonders in der Seemannsmusik und im englischen Folk beliebt. Im Bild ist eine Concertina aus London vom Endes des 19. Jahrhunderts zu sehen. Bild in Detailansicht öffnen
Zwei junge Musiker 2024 beim Steirischen Harmonika Festival.
Die Steirische Harmonika ist ein diatonisches Akkordeon, das typisch für die Musik der Alpen ist. Zwei junge Musiker beim Steirischen Harmonika Festival 2024. Bild in Detailansicht öffnen
Das Push’n Pull Akkordeon-Orchester
Auch im Orchester spielt das Akkordeon ein Rolle: In Deutschland gibt es geschätzt 2.000 Akkordeonorchester und -vereine. Viele davon sind im Deutschen Harmonika-Verband organisiert. Bild in Detailansicht öffnen
Shanty-Chor "De Tampentrekker" beim Neujahrsempfang 2025 in Hamburg.
Der Hamburger Shanty-Chor "De Tampentrekker". Mit seinen Auftritten in der NDR-Talksendung "Inas Nacht" dürfte er dem "Schifferklavier" zu mehr Poularität verholfen haben. Bild in Detailansicht öffnen

Weniger Oktaven als ein Konzertflügel

Daher werde das Akkordeon inzwischen in vielen Stilen der Weltmusik benutzt, auch im Jazz und im Hiphop, und verdränge andere Instrumente. Haanen, der selbst moderne klassische Musik für Akkordeon komponiert, sagt zu den Anforderungen: „Man muss aufpassen, dass die Stücke nicht so groß sind. Ein Konzertflügel hat viel mehr Töne (und Oktaven) als ein Akkordeon.“

Servais Haanen bei der Akkordeonale 2013 in der Stadthalle Mülheim.
Servais Haanen, hier auf einem Bild von der Akkordeonale 2013, stammt aus Maastricht (Niederlande) und lebt in Freinsheim. Seit 2009 leitet der Akkordeon-Virtuose das Akkordeonale-Festival. Der Landesmusikrat Rheinland-Pfalz hat ihm im Jahr des Akkordeons die Schirmherrschaft übertragen.

Festival für das Akkordeon

Sein Festival „Akkordeonale“, das er seit 2009 gestaltet, gibt Haanen in diesem Jahr ab. Zur Frage, ob seine Arbeit dazu beigetragen hat, das Akkordeon zum Instrument des Jahres zu küren, meint Haanen bescheiden: „Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass die Akkordeonale, mein Festival, dazu beigetragen hat, dass in Deutschland mehr Leute das Instrument kennen.“

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„Es ist wie eine erweiterte Lunge“ sagt Eva Zöllner über das Akkordeon. Dadurch werde das Instrument sehr menschlich. Schon über 300 Werke hat sie auf dem Instrument uraufgeführt und ist damit eine der wichtigsten Interpretinnen der zeitgenössischen Musik. Sie ist die erste Preisträgerin des Interpret:innenpreises der Deutschen Gesellschaft für Neue Musik. Was ihr der Preis bedeutet und warum sich das Akkorden besonders gut für zeitgenössische Musik eignet, erzählt sie im SWR Kultur Musikgespräch.

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