Album-Tipp

Alexander Glasunow: Streichquartette

Vom russischen Komponisten Alexander Glasunow kennt man vor allem sein Violinkonzert. Eine neue mehrteilige Einspielung bringt mit seinen Streichquartetten nun neuen Hörstoff.

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Von Autor/in Albrecht Selge

Hochbegabter Teenager

Was macht der Durchschnittsmensch eigentlich im Alter von fünfzehn oder sechzehn Jahren? Alexander Glasunow jedenfalls komponierte in diesem Alter seine erste Sinfonie und auch sein erstes Streichquartett, das eben so klangvoll einsetzte, kraftstrotzend, fast ein bisschen angeberisch.

Aber sich etwas aufplustern darf man schon als hochbegabter Teenager. Vor allem, wenn Franz Liszt von einem bald sagen wird, die ganze Welt werde einmal von diesem Künstler sprechen. Und wenn man einen Lehrer namens Rimsky-Korsakow hat, demzufolge das Können dieses Schülers sich nicht jeden Tag, sondern jede Stunde weiter entwickele.

Als Normalsterblicher muss man da aber nicht deprimiert sein oder gar neidisch werden. Stattdessen sollte man sich an einer schönen Neueinspielung von Glasunows Streichquartetten erfreuen. Denn schon im allerersten, Opus 1 in D-Dur, hört man nicht nur Könnensprotzelei, sondern typisch glasunowsches Verströmen von Melos, elegisch, eingängig, aber mit starkem Formsinn.

String Quartet No. 1 in D Major, Op. 1: I. Andantino moderato

Nur wenige Aufnahmen verfügbar

Der 1865 in St Petersburg geborene Glasunow lernte in jungen Jahren Cello und Bratsche, und diese Register regieren auch seine Quartette. Bis 1936 lebte Glasunow, als junger Mann erlebte er noch Tschaikowsky und als alter den aufstrebenden Schostakowitsch, den er trotz eigenem Befremden von Herzen förderte. Glasunow war immer am Herzen des russischen Musiklebens, auch wenn er die letzten Lebensjahre in Westeuropa verbrachte.

Dennoch ist seine Musik auf hiesigen Spielplänen Mangelware, auch Aufnahmen sind rar gesät. Sehr zu begrüßen also, dass das britische Tippett Quartet sich eine Gesamteinspielung seiner Streichquartette vorgenommen hat. Das Album mit den ersten drei von insgesamt sieben Quartetten ist jetzt erschienen.

Technisch und klanglich perfekt

Dass das zweite Quartett, in F-Dur, kompositorisch viel ausgereifter wirkt, kann einen nicht wundern bei jemandem, der sich „jede Stunde weiterentwickelte“. Jetzt war Glasunow immerhin schon achtzehn! Überhaupt nicht selbstverständlich ist hingegen, dass dabei so betörend schöne Musik herauskam wie der dritte Satz, ein fast zehnminütiges Adagio molto.

Die ganze Aufnahme ist rundum überzeugend. Nicht nur, weil das Tippett Quartet technisch erstrangig ist und sehr lebendig spielt. Sondern auch, weil der Klang klar und wunderbar räumlich ist.

String Quartet No. 2 in F Major, Op. 10: III. Adagio molto

Festliches Finale

Mag das zweite Quartett innerhalb des Frühwerks kompositorisch am ausgereiftesten sein, so ist das dritte am mitreißendsten. Es bekam den Beinamen slavyanskij, „das Slawische“. Zwar ist das Folkloristische bei Glasunow immer ein wichtiges Element, aber hier herrscht es absolut vor. Und die Musiker des Tippett Quartetts zeigen, dass sie so beherzt und unverklemmt auffiedeln können, wie es beileibe nicht alle klassischen Musiker sich trauen würden.

String Quartet No. 3 in G Major, Op. 26 "Slavyanskiy": IV. Finale. Allegro moderato "Une fête...

„Une fête slave“ ist das Finale überschrieben, ein slawisches Fest. Und das ist nun wirklich Musik, mit der man auch bei Freunden punkten könnte, die statt Klassik eher Richtung Folk-Rock orientiert sind. Das macht einfach Lust und Laune. In Dur steht auch dieses dritte Quartett der Frühphase, diesmal G-Dur.

Mollquartette kamen erst später. Auch die plant das Tippett Quartet aufzunehmen, voraussichtlich wie dieses vorliegende Album im Label Naxos. Als Cliffhanger zur Fortsetzung mag die damalige Frage des eine Generation älteren Komponisten César Cui dienen: „Diese vorzeitige Reife des Talents hat etwas Erschreckendes in sich. Die Frage drängt sich auf: Wenn Glasunow jetzt so schreibt, wie wird er in zehn, zwanzig Jahren schreiben?“ 

Stuttgart

SWR Web Concerts SWR Symphonieorchester: Silvesterkonzert 2018

Kazuki Yamada dirigiert Werke von Alexander Glasunow, Antonio Pasculli, Carl Maria von Weber, Maurice Ravel und Richard Strauss. Mit Philippe Tondre (Oboe). Livemitschnitt in der Liederhalle Stuttgart vom 31. Dezember 2018.

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Auf seiner Debüt-CD spielt Alexander Malofeev Werke von vier russischen Komponisten: Michail Glinka, Nikolai Medtner, Sergej Rachmaninow und Alexander Glasunow.

Treffpunkt Klassik SWR Kultur

Erstmals publiziert am
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Autor/in
Albrecht Selge
Albrecht Selge
Künstler/in
Tippett Quartet