Über die Einzigartigkeit von Konzertorten

Augen offen lassen im Konzertsaal! Eine Website verbindet Architektur und Musik

Es mag verlockend sein, im Konzertsaal die Augen zu schließen und nur der Musik zu lauschen. Die Website „Raum+Musik“ verbindet Musik und Architektur und beweist, dass es sich durchaus lohnen kann, die Augen offen zu lassen.

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Von Autor/in Sebastian Campsheide

Kostenexplosion in Hamburg

Worauf achtet man als Konzertbesucher in Konzerthäusern? In der Hamburger Elbphilharmonie sucht man die Gründe für die Kostenexplosion in der Holzverkleidung, im Festspielhaus Baden-Baden zieht der Kronleuchter die Blicke auf sich und in der Kirche überlegt man bei einem Orgelkonzert, wo der Sitzplatz mit dem besten Klang ist – im Freiburger Münster gar nicht mal so einfach, bei vier verschiedenen Orgeln.

Es kann sich lohnen, etwas früher im Saal anzukommen und den Eindruck erstmal wirken zu lassen. Die Website „Raum+Musik“ liefert passende Inspirationen und Hintergründe, zum Beispiel für die Elbphilharmonie mit der berühmt-berüchtigten Verzehnfachung der Baukosten von 77 auf 789 Millionen Euro.

Man lernt: Der Konzertsaal musste von der Geräuschkulisse des Hafens und die Hotelzimmer in der Philharmonie von der Musik isoliert werden. Die längste Rolltreppe Westeuropas sowie ein Hauptsaal mit 2100 Sitzplätzen und einer Orgel mit 65 Registern waren ebenfalls nicht günstig.

Rolltreppe in der Elbphilharmonie
Die gebogene Rolltreppe der Hamburger Elbphilharmonie wird "Tube" genannt und ist nur eines der Highlights der Konzerthauses. epd

Ein Ausflug auf Rügen

Die „Raum+Musik“ legt es aber nicht darauf an, die pompösesten Bauten für Musikfreunde vorzustellen, im Gegenteil: Auch kleine Bauwerke werden in Artikeln präsentiert, zum Beispiel die „Kurmuschel“ in Sassnitz auf Rügen. Kurz vor der Wende gebaut und vor knapp 10 Jahren restauriert, ist sie heute nur noch selten in Benutzung. Die Orte werden sehr nahbar vorgestellt, man wünscht sich ein Revival der Muschel, auch wenn man sie nur über das Internet kennengelernt hat.

Einzigartigkeit statt Publikumszahlen und Quadratmeter lautet hier also das Mantra. Ebenfalls der Kategorie „klein aber fein“ zuzuordnen ist der „Mandelring 69“ in Neustadt an der Weinstraße. Jedes Jahr um Fronleichnam herum gibt das Mandelring-Quartett – benannt nach derselben Straße – hier Konzerte. 

Aus Neustadt stammt auch die Herausgeberin von „Raum + Musik“, Ursula Baus, studierte Kunsthistorikerin, Philosophin und Architektin. Schon vor Jahrzehnten lernte sie Manfred Sack kennen, von Haus aus Musikwissenschaftler. Daraus entstand nicht nur eine Freundschaft, sondern auch die Idee, eine Website über Raum und Musik zu schaffen.

Konzertmuschel (Sassnitz, Rügen)
Die Konzertmuschel auf Sassnitz, Rügen bietet eine hübsche Kulisse für Konzert, wird allerdings nur noch ein bis zwei Mal pro Jahr genutzt. CHROMORANGE

Placido Domingo im Bayerischen Wald

Keine trockenen Artikel zu Architektur werden geboten, sondern auch eine Art Reisebericht zu den Konzerten. Der Fotograf Wilfried Dechau zum Beispiel beschreibt seine Reise zum Töpfereimuseum Langerwehe bei Aachen – inklusive obligatorischer Verspätung dank Deutscher Bahn.

„Raum + Musik“ beschreibt außerdem, wo die Musikorte sind. Das Konzerthaus in Blaibach beispielsweise: der Granitbau ragt inmitten des Dorfkerns aus dem Boden, darin singt Placido Domingo. Wie passt so ein Bau in ein 2000-Einwohner-Dorf im Bayerischen Wald? Und auch hier wieder: wie klingt er?

Der Artikel verrät: sowohl Passionsmusik als auch kleine Streicherensemble funktionieren einwandfrei in dem schrägen Bau für 200 Besucherinnen und Besucher und lockt sie ins idyllische Dorf.

Saal im Konzerthaus Blaibach
Architektonisch und klanglich ist das Konzerthaus der Gemeinde Blaibach ein Glanzstück im Bayerischen Wald. Armin Weigel

Ohren und Augen auf!

26 Konzertorte werden Stand Anfang Mai auf der Website präsentiert, über 150 sollen es einmal sein, verrät das praktische Verzeichnis von A-Z. Ein wichtiges Kriterium, welche Orte vorgestellt werden: der Originalklang ist wichtig, Räume mit großen Soundanlagen werden hier nicht zu finden sein, Freunde des Technos gehen hier also leer aus.

Neben den Konzertorten bietet „Raum+Musik“ ein paar musikwissenschaftliche Artikel und „Miszellen“, wie sie auf der Website genannt werden, die Exkurse zu Raum und Musik bieten.

Es mag verlockend sein, im Konzertsaal die Augen zu schließen und nur der Musik zu lauschen, aber „Raum + Musik“ beweist: die Augen offen zu lassen, lohnt sich!

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Sebastian Campsheide