Ein Raunen aus Oktaven. So hat es Frédéric Chopin in einer seiner Etüden komponiert, und so gestaltet es auch Eric Lu beim diesjährigen 19. Chopin-Wettbewerb.
Lu hat 2015 schon einmal in Warschau vorgespielt. Damals erreichte er den vierten Platz – mit gerade einmal 17 Jahren als jüngster Preisträger in der gesamten Wettbewerbs-Geschichte. Nun ist er gereift und nimmt wieder teil. Kein Wunder, dass sein Name auch unter den elf Finalisten zu finden ist.
Prominente Gewinner von Martha Argerich bis Bruce Liu
Wer also wird Nachfolger von Bruce Liu, der 2021 die letzte Ausgabe dieses berühmten Wettbewerbs gewonnen hat? Die Liste mit renommierten Preisträgern ist lang: Seong-Jin Cho und Yuliana Avdeeva in den 2000er-Jahren, Krystian Zimerman 1975 oder Martha Argerich 1965.
Als Jury-Mitglied kehrte Argerich 1980 nach Warschau zurück – und sorgte für einen Eklat: Sie verließ die Jury, weil ihr Favorit Ivo Pogorelich nicht ins Finale einziehen durfte. Ihre Worte sind berühmt geworden: „Er ist ein Genie.“
Maurizio Pollini begegnet in Warschau Arthur Rubinstein
Zu den berühmtesten Preisträgern zählt auch Maurizio Pollini im Jahr 1960, bis heute der einzige italienische Gewinner. In der Jury saß damals der legendäre Pianist Arthur Rubinstein. Der nahm Pollini am Rande des Wettbewerbs zur Seite.
„Er gab mir wohl den besten Rat, den ich in all den Jahren als Pianist bekommen habe“, erinnerte sich Pollini später. „Rubinstein legte einen Mittelfinger auf die Schulter und sagte: ‚Ich spiele immer mit Gewicht, und darum werde ich nie müde.‘ Er ließ uns dabei dieses Gewicht spüren, und das war sehr beeindruckend. Und daher rührte auch der fantastische Klang, den er besaß.“
Allein die Liste früherer Juroren liest sich wie ein Who’s who: Karol Szymanowski, Wiltold Lutosławski, Heinrich Neuhaus, Arturo Benedetti-Michelangeli, Wladimir Aschkenasi – um nur einige zu nennen.
Nur Frédéric Chopin wird gespielt in Warschau
Seit fast hundert Jahren, genauer: seit 1927, werden in Warschau alle fünf Jahre die besten Chopin-Interpreten gekürt. Das Repertoire ist ausschließlich dem Namensgeber des Wettbewerbs vorbehalten: der Klaviermusik von Frédéric Chopin.
Neu in diesem Jahr ist, dass die Polonaise-Fantaisie zum Pflichtprogramm erst im Finale und einer der Walzer bereits verbindlich zur ersten Runde gehört.
Erstmals übernimmt kein Pole den Vorsitz der Wettbewerbsjury
Jury-Vorsitzender in diesem Jahr ist der amerikanische Pianist Garrick Ohlsson, der den Wettbewerb 1970 für sich entscheiden konnte.
Ohlsson ist als Jury-Vorsitzender der erste Nicht-Pole in der Geschichte des Wettbewerbs. Entsprechend geehrt fühlt er sich. Und wie immer gilt: Die Jury achtet nicht nur darauf, wer über die besten technischen Fähigkeiten verfügt, sondern auch, wer das tiefste Verständnis für die Musik von Chopin aufweist.
Nie gab es mehr Bewerbungen
Längst hat sich der Wettbewerb zu einem großen Medienereignis gewandelt. Alle Auftritte können im Internet verfolgt werden. Live-Übertragungen gibt es auch im polnischen Fernsehen und im Rundfunk sowie landesweit als Public Viewing. Sogar eine Chopin-Metro fährt durch die Stadt. Tickets für die Endrunde sind seit einem Jahr ausverkauft.
Einen Rekord vermelden die Veranstalter auch bei den Bewerbungen: 642, nie waren es mehr. Teilnehmen dürfen Pianisten zwischen 16 und 30 Jahren. In die jetzige Endrunde schafften es 85 Bewerber aus 20 Ländern.
Erfolg für Eric Lu
In den frühen Morgenstunden des 21. Oktober 2025 stehen die Preisträger des 19. Chopin-Wettbewerbs fest. Insgesamt sechs Preise und mehrere Sonderpreise wurden vergeben.
Gewonnen hat Eric Lu mit einem herausragend feinsinnigen Vortrag des 2. Chopin-Klavierkonzerts. Nach der Piano Competition von Leeds 2018 hat er jetzt mit dem Chopin-Wettbewerb zwei der weltweit bedeutendsten Auszeichnungen für junge Pianisten für sich entscheiden können.