Ganz vorsichtig tastet sich die Bratschenstimme an die lose schwingenden Töne des Klaviers heran.
„I’ll Bid My Heart Be Still“ singt sie: Ich werde mein Herz zur Ruhe bringen. Es ist eine alte schottische Melodie. Rebecca Clarke schreibt zu diesen traditionellen Klängen eine freie Klavierbegleitung, die wirkt, als würde sie über die Melodie nachdenken – in ganz eigenen Schleifen und Wendungen.
Beim Hören denkt man an andächtige religiöse Choräle und folkloristische Lieder genau wie an impressionistische und noch weitaus modernere Klänge. Der getragene, schreitende Charakter der Melodie vermischt sich mit Pentatonik und experimentellen Harmonien in der Begleitung.
Eine der bedeutendsten britischen Komponistinnen der Zwischenkriegsjahre
Genau diese Mischung macht den besonderen Klang von Rebecca Clarkes Kompositionen aus. Im Booklet zum Album von Ekaterina Valiulina, Margherita Santi und Giulia Panchieri heißt es, Clarkes Musik „beobachtet die Welt, nimmt das Unsichtbare wahr und versteht es, entscheidet sich jedoch dafür, nicht einzugreifen“.
Die Geigerin Ekaterina Valiulina, die Bratschistin Giulia Panchieri und die Pianistin Margherita Santi wollen Rebecca Clarkes Musik für Violine, Bratsche und Klavier mit ihrem Album ein Denkmal setzen. Sie spielen Werke aus allen Schaffensperioden der Komponistin – das früheste aus dem Jahr 1909, die spätesten aus den 1940er-Jahren.
Clarke lebte zwar bis 1979, doch nach ihrer Heirat mit dem Pianisten James Friskin im Jahr 1944 hörte sie auf zu komponieren. Deshalb ist das „Trio Dumka“ eines ihrer letzten bekannten Werke. Hier verschmelzen Erinnerungen an tschechische Tänze mit avantgardistischer Harmonik:
Zeitgenossen hielten Rebecca Clarke für einen männlichen Komponisten
Eines ihrer Hauptwerke ist die dreisätzige Bratschensonate aus dem Jahr 1918 – geschrieben auf einer Konzerttournee, für sich selbst. Als sie das Werk ein Jahr später zu einem Wettbewerb einsandte, dachten die Juroren, es stamme aus der Feder von Maurice Ravel.
So aufregend sprudelt die harmonische Mischung, so farbenreich glänzt die Dynamik – und so wenig konnten sie sich vorstellen, dass diese geniale Musik eine Frau komponiert hatte. Sie hielten es sogar für wahrscheinlicher, dass „Rebecca Clarke“ das Pseudonym eines männlichen Komponisten sei.
Giulia Panchieri und Margherita Santi arbeiten in ihrer Interpretation besonders den sprunghaften, zwanglosen Charakter heraus, den die Komponistin im Zusammenspiel von Bratsche und Klavier angelegt hat.
Sensible Aufnahme würdigt das Vermächtnis von Rebecca Clarke
Immer wieder bezieht sich Rebecca Clarke auch auf Einflüsse traditioneller fernöstlicher Musik, auf irische, englische und schottische Volksweisen. Ihre Passacaglia auf ein altes englisches Thema, das Thomas Tallis zugeschrieben wird, hat sie wohl für die Beerdigung ihres engen Freundes Frank Bridge komponiert.
Panchieri und Santi tragen die düstere Musik auf die Bühne wie einen kostbaren Gegenstand. Sie folgen der Partitur einerseits voller Bewunderung und schaffen es gleichzeitig, ihre Stimmen so klingen zu lassen, als entstünden die Melodien aus ganz spontanen Regungen heraus.
Es ist schwer nachvollziehbar, wie diese Musik Jahrzehntelang verschollen und vergessen gewesen sein kann. Umso wichtiger sind sensible Aufnahmen wie diese. Jede weitere stärkt das Vermächtnis dieser großartigen Komponistin.
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