Popstars sind oft Marken. Sie stehen für ganze popkulturelle Bewegungen. Dabei ist es spannend zu beobachten, dass ein Spiel mit den Grenzen zwischen klischeehafter Maskulinität und Femininität schon seit Jahrzehnten Teil des Musik-Business ist, wenn auch mehrheitlich bei den männlichen Musik-Größen.
Man denke an Mick Jagger in den 1960er-Jahren — in Rüschen und engen Hosen bei seinen lasziven Bühnenperformances. Dazu die vermeintlich maskuline Rocker-Attitude.
Bei den weiblichen Popstars dagegen waren für den Erfolg über die letzten Jahrzehnte oft nur die Rollen der sexy Diva oder der „nette Unschuld von nebenan“ vorgesehen.
An der Universität Koblenz startet eine Vortragsreihe zum Thema „Fluide Geschlechterbewegungen“, die sich auch der Musikwelt und Phänomenen wie Kastraten bis zu modernen Popgrößen wie Harry Styles widmet. Es fällt auf: das Thema ist in der Musikwelt nicht neu.
David Bowie – Androgynes Gesamtkunstwerk
Einer, der seit Beginn seiner Karriere mit (Geschlechter-)Normen brach, war David Bowie. Sein Hit „Space Oddity“ war der Grundstein für seinen kometartigen Aufstieg zum Weltstar. Mit der Kunstfigur des außerirdischen Rockstar Aliens „Ziggy Stardust“ wurde David Bowie eine zentrale Figur des Glam Rocks.
David Bowie ist ein Gesamtkunstwerk. Er schaffte es, musikalisches Talent, Mode und schauspielerische Begabung avantgardistisch zu kombinieren und damit im grauen und oft spießigen Großbritannien wie ein bunter Blitz einzuschlagen.
Bowie nutzte gezielt Make-Up und Kleidung in androgynen Schnitten, um festgefahrene Geschlechtergrenzen zu verwischen. Er brach mit den gesellschaftlichen Erwartungen an die Männlichkeit. Und er provozierte bewusst.
Dazu gehörte in den 1970er-Jahren auch, dass er öffentlich mit seiner Bisexualität kokettierte, damals ein Skandal. Später bezeichnete er es als großen Fehler, seine Sexualität in der Öffentlichkeit thematisiert zu haben.
Auch wenn rückblickend Bowie sicher eine große Rolle gespielt hat, um genderfluider Ästhetik und Freiheit nicht nur in der Kunst den Weg zu öffnen, wird heute oft kritisch angemerkt, dass für den Sänger die geschlechtliche Ambiguität auch ein kalkuliertes Marketinginstrument war.
Grace Jones – Ikone der Individualität
Androgynität war sicher auch ein zentraler Aspekt der künstlerischen Identität der 1980er-Ikone Grace Jones. Sie gilt als eine der ersten großen weiblichen Kunstfiguren der Musikszene.
Die Karriere der Jamaikanerin startete als Model, wichtig war unter anderem ihre Zusammenarbeit mit Fotograf Helmut Newton. Mit ihrer besonderen Erscheinung gilt sie bis heute als Ikone für Individualität. Gängige Schönheitsnormen und geschlechtliche Stereotype wurden von Grace Jones gezielt unterwandert.
Als Performerin ist sie auch bekannt für ihre radikalen und provozierenden Bühneninszenierungen und Auftritte. Maskenartiges Make-Up, teils groteske Kostüme oder Männeranzüge.
Ihre Sexualität zelebrierte sie selbstbewusst. Jones hielt der Gesellschaft hinsichtlich des männlichen, weißen Blicks auf den weiblichen Körper den Spiegel vor.
Kontroverse und Tabubrüche gehörten bei Jones sozusagen zum Geschäft. Ihr Stil war und ist definitiv nicht nur Mode, sondern viel mehr ein künstlerisches, ja, politisches Statement. Damit gilt sie nicht nur aus feministischer Sicht als Pionierin. Auch in der queeren Szene.
Boy George – Als Künstler bleibt er sich selbst treu
Auch Boy George war in den 1980er-Jahren eine Art Vorläuferfigur für spätere genderfluide Bewegungen. Als Frontmann der Band Culture Club wird er mit seinem auffälligen, androgynen Look berühmt.
George war einer der ersten offen geouteten Mainstream-Popkünstler seiner Zeit. Er setzte sich auch politisch gegen die weit verbreitete Homophobie in der Gesellschaft ein. Mit seinem auffälligen Make-Up, extravagantem Styling und den ikonischen Hüten wurde er zur queeren Identitätsfigur und Star der New-Romantics-Szene.
Im Gegensatz zu Stars wie David Bowie, die sich immer wieder neu erfunden haben, bleibt Boy George seinem bunten Stil bis heute treu.
Auch wenn ihm oft eine Vorreiterrolle mit Blick auf Genderfluidität zugeschrieben wird, äußerte er sich klar, dass er sich damit nicht identifizieren könne, denn für ihn ist seine Identität ganz klar. Er sei ein „altmodischer schwuler Mann“.
Bill Kaulitz – Zwischen Identifikationsfigur und Hassobjekt
Auch wenn man nach so vielen Jahrzehnten der Tabubrüche im Pop meinen könnte, dass die Öffentlichkeit kaum mehr was schocken kann, belehrte uns die Band Tokio Hotel und vor allem ihr Frontmann Bill Kaulitz Anfang der 2000er-Jahre eines Besseren.
Tokio Hotel löste mit ihrem Debüt „Durch den Monsum“ 2005 eine Art Massenhysterie aus, vor allem bei jungen Mädchen. Sänger Bill wurde zum kontroversen Teenieschwarm und zur modischen Ikone.
Mit seiner toupierten Mähne, auffälligem Schmuck, viel Eyeliner und engen Klamotten eckte er an. Fans feierten ihn für seine authentisch-rebellischen Emo-Looks, von Gegnern erntet er Spott und sogar Hass. Immer wieder wurde über seine sexuelle Identität spekuliert.
Kaulitz erklärte später, wie schwierig der Spagat zwischen Identifikationsfigur und Hassobjekt war. Er sei in eine Art Doppelleben gezwungen worden, da er seine sexuelle Orientierung geheim halten musste, um weiter in die Rolle als Mädchenschwarm zu passen.
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„Diese Sendung braucht keine Moderation, sie braucht Gastgeber“: Warum die Entscheidung für Bill und Tom Kaulitz ein kluger Schritt ist, erklärt Medienjournalist Thomas Lückerath.
Troye Sivan – Bewusster Raum für das Nichtbinäre
Mit Blick auf aktuell sichtbare genderfluide Darstellungen und das Spiel mit Geschlechteridentität ist Troye Sivan eine wichtige Figur. Der australische Sänger startete seine Karriere als Internetstar und Kinderdarsteller, bevor er mit dem Hit „Youth“ 2015 seinen internationalen Durchbruch feierte.
Auch Sivan nutzt seine Musik, um klassische Gender-Normen auf die Probe zu stellen. Seine Outfits und Bühnen-Inszenierungen fließen zwischen männlichen und weiblichen Zuschreibungen. Der Sänger betont immer wieder, dass er bewusst Raum für weniger binär gelesene Körper und Geschlechterbilder in der Öffentlichkeit schaffen will.
Spannend sind in diesem Zusammenhang seine Single „One of Your Girls“ und das Video dazu. In dem Song von 2023 geht es um die Erfahrung, als queerer Mann in jemanden verliebt zu sein, der eigentlich auf Frauen steht, sich als heterosexuell identifiziert.
Im Video tritt Sivan in einer weiblichen Rolle auf. In dem Fall gibt er sich als hypersexualisierte Femme Fatale, um die Aufmerksamkeit des Mannes zu gewinnen. Er gibt sich selbst auf, um zu gefallen.
Hintergrund ist auch die Frage, warum man sich immer wieder auf ein Gegenüber einlässt, das nur ein bisschen experimentiert und einen eigentlich nicht akzeptiert. Und welche Rolle dabei tief verinnerlichte homophobe Muster spielen.
Harry Styles – Moderne Männlichkeit oder Queerbaiting?
In Zeiten von „toxischer Männlichkeit“ wird Harry Styles in den letzten Jahren als Paradebeispiel für eine neue, moderne Männlichkeit gefeiert. Da sind nicht nur seine genderfluiden Looks der letzten Jahre. Auch die Themen, die er öffentlich diskutiert.
Das ehemalige Mitglied von One Direction hat sich vom Boygroup-Image befreit, spricht offen über Psychotherapie, emotionale Arbeit und dass Frauen keine Objekte sein sollten.
Ganz klar, Styles will mit seinen Äußerungen und Codes, die über seine Inszenierung vermittelt bewusst das Konstrukt einer „klassischen, starken Männlichkeit“ unterwandern. Für konservative oder rechte Felder ein rotes Tuch.
Aber es gibt auch Kritiker*innen aus der queeren Community. Der Vorwurf: „Queerbaiting“, ein falsches Versprechen queerer Repräsentation. Styles nutze androgyne und queer assoziierte Andeutungen, ohne selbst Teil der queeren Szene zu sein oder sich dazu zu bekennen.
Die Genderfluidität sei bei ihm entpolitisiert und werde zu Marketingzwecken genutzt. Ganz klar ablesen lässt sich aber auch an der Figur Harry Styles, wie stark Geschlechterrollen, Männlichkeit und Weiblichkeit in der Gesellschaft weiter verhandelt werden.
Und, dass das bewusste Verwischen der Geschlechternormen von David Bowie bis heute bei Harry Styles weiter provoziert und in der Gesellschaft alles andere als selbstverständlich scheint.
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