Aufsatzsammlung

Musik und Teilhabe: Sind Konzertsäle wirklich „Musikorte für alle“?

Live-Musik braucht Orte. Denn Menschen müssen sich versammeln, um die Musik zu hören. Vor allem staatlich subventionierte Musikorte müssen für ganz unterschiedliche Zielgruppen und Milieus attraktiv und zugänglich sein: für Seniorinnen genauso wie für Kinder und Jugendliche unterschiedlichster sozialer Herkunft. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat nun ein kleines Aufsatzbändchen zum Thema herausgegeben.

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Von Autor/in Matthias Nöther

Ein Klavierkonzert mit dem Pianisten Kirill Gerstein in der Berliner Waldbühne. Etwa zwanzigtausend Menschen  hören zu. Für sich genommen eine beeindruckende Zahl – doch ist deshalb ein Konzertort wie dieser gleich ein „Musikort für alle“?

Die Gesellschaft diversifiziert sich, und damit ist oft völlig unklar, wer diese „Alle“ eigentlich sind. Aber die Definition wird dringender: Die Spielstätten in Deutschland werden immer älter und baufälliger. Für immer mehr öffentliches Geld müssen sie saniert werden.

Irgendjemand stellt immer die Frage: Soll es ausgerechnet jenes Gebäude sein, in dem die öffentlich förderungswürdige Musik, also die „Musik für Alle“, gespielt werden soll?

Außenansicht Elbphilharmonie
Ursprünglich geplant waren 77 Millionen Euro für den Neubau, schlussendlich waren es 866 Millionen Euro: Die Elbphilharmonie ist Hamburgs großer Musentempel. picture alliance / CHROMORANGE | Li Bro.photo

Elbphilharmonie: Überteuerter Elite-Tempel oder Musikort für Alle?

„Bei der Elbphilharmonie haben wir sehr früh und sehr klar und bis heute sehr eindeutig auf die Strategie gesetzt, dass alle Besuchenden tatsächlich eine Idee davon bekommen sollen, was im Konzertsaal passiert“, schreibt der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda in seinem kurzen Beitrag zum Buch.

Der Blick auf Musikorte ist bei allen Autorinnen und Autoren des Bandes je nach beruflicher Herkunft sehr unterschiedlich. Der Blick des Kulturpolitikers Brosda ist erstaunlich eindimensional. Er besingt die überteuert gebaute Elbphilharmonie in Hamburg: Jeder könne mitbekommen, was dort passiert, meint er.

Das Streben nach perfekter Akustik geht am Interesse der Bevölkerung vorbei

Und wen eben gar nicht interessiert, was dort passiert, weil der Konzertsaal vor allem für klassische Musik gedacht ist? Haben diese Menschen dann Pech gehabt? Der Münchner Architekt Markus Stenger kritisiert, dass man sich bei der Elbphilharmonie weiterhin vor allem für eine Perfektionierung der Akustik interessiere. Das gehe am öffentlichen Interesse vorbei.

Die Klassik ist eine Form von vielen. Und wenn man sich dann überlegt, dass die Elbphilharmonie wirklich eine Befriedigung dieses einen Bedürfnisses ist, und das in einer Perfektion macht (...) -- dann ist für mich die Rechtfertigung dieser noch weiteren und Überperfektionierung zweifelhaft.

Markus Stenger ist der Meinung, dass in der Entwicklung von Konzerthäusern ein Ende erreicht sei. Das Publikum selbst würde dabei helfen, sich auf das Wesentliche zu besinnen: „Wo die Menschen jetzt plötzlich feststellen: Wenn sie das Machen, das eigentliche Musikmachen spüren, sehen, erleben: dass diese Unmittelbarkeit, die da entsteht in der Empfindung, plötzlich Sachen triggert, die man schon für verloren geglaubt hatte.“

Culcha Candela im Olympiapark München (2022)
Gesellschaftlich relevanter als klassische Konzertsäle: Drängende Fans beim Konzert von Culcha Candela im Olympiapark München. picture alliance / SZ Photo | Leonhard Simon

Viele erfolgreiche Musikorte wurden nicht für perfekte Hörerlebnisse gebaut

Ausgerechnet ein Architekt wie Markus Stenger interessiert sich auffällig für das Fluide, nicht Statische, das Musikorte auch besitzen können. Genau wie sich auch gesellschaftliche und musikalische Bedürfnisse ändern. Stenger gibt zu bedenken, dass Musik heute via Kopfhörer und Smartphone doch eigentlich ortlos sei, um genau dies dann als illusorisch zu entlarven.

Auch heute bräuchten wir, so Stenger, physische Orte für Musik -- nur sei die jahrelang ausgetüftelte Akustik in Luzern, in Hamburg oder im Berliner Boulez-Saal für das Publikum oft unwichtig.

Die Mit-Herausgeberin des Bändchens, Musikjournalistin Michaela Fridrich, erinnert daran, dass einige der heute erfolgreichsten Orte für Kultur solche sind, die ursprünglich gar nicht zu diesem Zweck gebaut wurden: das Radialsystem Berlin etwa, ein ehemaliges Abwasserpumpwerk; oder die Zeche Zollverein in einem ehemaligen Steinkohlebergwerk.

Komische Oper Berlin bringt die Oper in die Kieze

Zwei Sänger und drei Musiker an Geige, Akkordeon und Kontrabass: So klingt es, wenn der türkische Opernbus der Komischen Oper Berlin in einem Hinterhof in Berlin Kreuzberg Station macht. Mustafa Akca hat den Opernbus an der Komischen Oper initiiert, der heute durch die Kieze tingelt.

Auch Akca kommt in „Musikorte für Alle“ zu Wort, und er beschreibt Musikorte nicht als etwas steinern Gefügtes, sondern als etwas, das in den Menschen selbst liege. Wenn das tatsächlich so sei, findet er, dann könne man eben auch in Turnhallen, Vereinshäusern einer Fußballmannschaft, einem Boxring, der Wartehalle eines Flughafens, auf dem Bolzplatz oder in der Waschküche ganz tolle Oper machen.

Wenn's keine Herzenswärme ist und wenn man das nicht gerne macht, dann klappt das nicht. Der Ort ist wurst. 

Il barbiere di Berlino | Pop-Up-Opera | Komische Oper Berlin

Musik entsteht mit jedem Interpreten

Musik ist auch hier nicht ortlos, aber es kommt für Akca sicher nicht auf die Akustik der jeweiligen Waschküche an. Vielmehr entsteht mit jedem Interpreten, der für eins der Mini-Konzerte sein Instrument auspackt, ein neuer Ort. Womit wir wieder bei den Nomaden wären und bei ihrem Lagerfeuer.

Sollen Musikorte wirklich „für Alle“ sein, werden sie es wohl umso mehr, je durchlässiger und nicht je ausgeklügelter und teurer sie sind. In der derzeitigen Diskussion um aufwändig sanierte Konzerthäuser überall in Deutschland ist das eine überraschende und durchaus pikante Pointe.

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Autor/in
Matthias Nöther
Onlinefassung
Dominic Konrad