Aram Khachaturian kommt in seinem Klavierkonzert von 1937 schnell zur Sache: Mit einem großen Rums eröffnet er sein dreisätziges Werk, und auch der erste Einsatz des Soloklaviers ist alles andere als bescheiden.
Dieser Beginn deutet bereits an: Mit dem Los Angeles Philharmonic unter Gustavo Dudamel und mit Jean-Yves Thibaudet am Klavier haben sich Wahlverwandte zusammengefunden. Jede Gelegenheit eines opulenten Stils nutzen sie nach Kräften. Zumal der Komponist selbst ein „maestoso“ vorgibt, und majestätisch klingt diese Aufnahme an vielen Stellen.
Doch Khachaturian fordert nicht nur ein „Maestoso“, er möchte auch, dass dieses „Allegro“ nicht zu schnell gespielt wird, „non troppo“, so seine Spielanweisung. In Vergleichsaufnahmen wird tatsächlich öfter ein langsameres Tempo gewählt, doch Dudamel und Thibaudet entscheiden sich für einen Weg, über den sich zumindest diskutieren lässt.
Weniger hätte mehr sein können
Das Konzert erinnert an eine Zeit, als sich in der Region um Georgien, Armenien und Aserbaidschan Elemente der christlichen, arabischen und persischen Kultur friedlich ergänzten. Vom Hotspot heutiger Probleme keine Spur.
Der Armenier Khachaturian, im heutigen Georgien aufgewachsen, feiert seine Erfolge überwiegend in Russland, der damaligen Sowjetunion. Und so verbindet auch sein Klavierkonzert unterschiedliche Einflüsse.
Im Andante beschleicht mich bei der neuen Aufnahme immer wieder das Gefühl: Weniger hätte mehr sein können. Auch in den verhaltenen Momenten könnte die Musik mehr atmen. Denn gemäßigt bedeutet nicht automatisch gelassen.
Dudamel nicht besonders differenziert, aber leidenschaftlich
Schließlich das Finale: Hier fordert Aram Khachaturian ein Allegro brillante. Und hier kann der bisher gewählte Ansatz sicher am ehesten überzeugen. Dudamel spornt sein Orchester zu einem intensiven Spiel an – nicht immer besonders differenziert, aber leidenschaftlich.
Thibaudet steht dem in nichts nach: rasante Läufe, rasche Akkord-Folgen, Tremoli und Triller – er switcht virtuos hin und her. Was plötzlich leicht angejazzt erscheint, ist Teil der armenischen Folklore. Geschickt bewegen sich Solist und Orchester durch diese stilistische Misch-Zone.
Das Klavierkonzert wird auf dem neuen Album umrahmt von einigen Solowerken für Klavier und von Bearbeitungen. Khachaturian wohl bekanntestes Werk ist der „Säbeltanz“.
Jean-Yves Thibaudet überrascht mit spielerischer Derbheit
Jean-Yves Thibaudet hat in vielen seiner früheren Aufnahmen geglänzt durch eine gewisse Noblesse und ein farbenreiches Klavierspiel. Das schimmert zumindest in den ruhigen Stücken durch, etwa in einigen Sätzen aus den „Bildern der Kindheit“.
„Maskerade“ ist eigentlich eine Bühnenmusik für Orchester, komponiert mitten im Krieg 1941. Thibaudet spielt die Klaviertranskription mit einer gewissen Derbheit. Von der Feinheit seines ihm sonst eigenen Stils ist hier überraschend wenig zu erkennen.
Es bleibt ein uneinheitliches Bild
Insgesamt hinterlässt die Aufnahme einen uneinheitlichen Eindruck. Nicht nur die ersten beiden Sätze des Klavierkonzerts, auch einige der Klavierstücke wirken auf mich eine Spur zu drängend, zu gewollt, stellenweise überladen. Positiv ausgedrückt, könnte man sagen: An Leidenschaft mangelt es der Aufnahme nicht.
Davon unabhängig zeigen Gustavo Dudamel, das Los Angeles Philharmonic und Solist Thibaudet, wie eng die verschiedenen Stil-Einflüsse von Aram Khachaturians Musik beieinanderliegen und wie natürlich sie sich miteinander verbinden lassen.