„Vorglühen“ mit Benjamin von Stuckrad-Barre und Jan Delay

Udo Lindenberg als kulturelle Infrastruktur

Zu seinem 80. Geburtstag feiern Jan Delay und Benjamin von Stuckrad-Barre ihren Freund Udo Lindenberg – und erklären, warum der Panikrocker bis heute Menschen verbindet, die sonst wenig gemeinsam haben.

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Von Autor/in Samira Straub

Zwei Männer sitzen nebeneinander, die man im deutschen Kulturbetrieb einst vielleicht als Gegensatz erzählt hätte. Hier Popliterat Benjamin von Stuckrad-Barre, dort Musiker Jan Delay.

Der eine kommt aus der Welt der Bücher, der Medien und der literarischen Selbstbeobachtung, der andere aus der Logik großer Bühnen, Refrains und kollektiver Ekstase. Der eine im Subtext, der andere durch den Subwoofer, die Bassbox – beide aber mit einem ausgeprägten Sinn für Rhythmus.

Im Gespräch jedoch fällt diese Sortierung rasch in sich zusammen. Unterschiedlich sind hier lediglich die Berufe. Im Wesentlichen reden zwei Eingeweihte über dieselbe prägende Kraft in ihrem Leben: Udo Lindenberg.

Dessen 80. Geburtstag Mitte Mai wirft bereits seine Schatten voraus. Unter dem vielsagend gewählten Titel „Vorglühen“ feiern Stuckrad-Barre und Delay ihren Hamburger Freund mit wenigen gemeinsamen Abenden.

Dahinter steht mehr als eine nette Gratulationsgeste aus dem Prominenten-Milieu: Stuckrad-Barre und Delay zeigen exemplarisch Lindenbergs Fähigkeit, sehr unterschiedliche Menschen in denselben kulturellen Raum zu ziehen.

Benjamin von Stuckrad-Barre und Jan Delay: "Vorglühen"
Für die Bühnenlesung „Vorglühen“ treten Benjamin von Stuckrad-Barre und Jan Delay mit ihrer literarisch-musikalischen Hommage an Udo Lindenberg in vier deutschen Städten auf. Pressestelle Thomas Leidig

Der gemeinsame Nenner: Udo

Dass Musik verbindet, ist eine Binsenweisheit. Refrains schaffen Gemeinschaft auf Zeit, Lieblingssongs überbrücken Milieus, Generationen, ja manchmal auch schlechte Abende. Bei Lindenberg reicht das als Erklärung nicht aus. Seine Lieder sind für viele Anhänger weniger Begleitmusik denn Lebensphilosophie.

„Weil er für jede Lebenslage etwas bietet“, erklärt Jan Delay im Interview mit SWR Kultur. Man könne in den Songs blättern wie in einem Ratgeber. Das klingt beiläufig und beschreibt doch präzise, warum Lindenberg heute mehr ist als Nostalgie: Seine Texte versprechen selten Erlösung. Meistens laufe es darauf hinaus, so Delay, „dass das bei einem selbst losgeht“.

Was als Ratgeber funktioniert, ist zugleich Teil eines größeren Systems, das Lindenberg selbst einmal „Panik“ genannt hat – eine Gegenwelt zur Ordnung der Dinge. Dass er diese Gegenwelt überhaupt schaffen konnte, hat auch mit einem historischen Verdienst zu tun.

Er hat die deutschsprachige Rockmusik nicht allein erfunden, wohl aber entscheidend geöffnet. Als Deutsch in der Popmusik lange als Sprache des Betulichen und Uncoolen galt, behandelte Lindenberg sie anders: lässiger, frecher, rhythmischer, urbaner. Er bewies, dass man auf Deutsch nicht nur singen, sondern klingen konnte.

Lindenberg und die Sprache

Benjamin von Stuckrad-Barre spricht deshalb folgerichtig nicht zuerst über große Hits oder volle Hallen, sondern über Sprache. Sein Leben ohne Udo, sagt er, wäre „Schwarzweiß, denn die Farbe wäre weg“. Und mehr noch: Die Freude am Spielen mit der Sprache habe erst Lindenberg in ihm intensiviert.

Was macht der denn mit der deutschen Sprache? Das ist ja der Anti-Deutschunterricht.

Lindenbergs Werk ist über weite Strecken ein aberwitziger Bildungsroman in Lied-Form: bevölkert von Kellnern, Raumfahrern, Nachtgestalten, Diplomaten, Trinkern, Liebenden, Gestrandeten und Wiederauferstandenen – die dann Namen wie Rudi Ratlos, Sister King Kong oder Johnny Controlletti tragen. Lindenberg hat die deutsche Sprache enthemmt, ihr die Krawatte, die er selbst so gerne trägt, abgenommen.

Der selbsternannte Panikrocker wird damit zur Figur einer kulturellen Verschiebung: Weg vom Lied, hin zum Selbstentwurf.

Benjamin von Stuckrad-Barre und Udo Lindenberg
In "Udo Fröhliche" erzählt Benjamin von Stuckrad-Barre biografische Kurzgeschichten über Lindenberg. picture alliance / dpa

Die Gemeinschaft der „Geflippten“

Dass sich Stuckrad-Barre und Delay so mühelos verstehen, überrascht deshalb weniger, als es auf den ersten Blick scheint. Der vermeintliche Gegensatz hält nicht einmal der ersten Antwort stand.

Beide verbindet offenkundig ein ähnlicher Instinkt: Skepsis gegenüber dem Steifen, ein ausgeprägter Sinn für Stil und ein fast handwerklicher Ernst im Spiel mit der Oberfläche. Unterschiedlich sind die Ausdrucksformen, nicht die Haltung.

Benjamin von Stuckrad-Barre hat diese Nähe zu Lindenberg mit „Panikherz“ bereits 2016 literarisch verarbeitet und legt mit „Udo Fröhliche“ noch einmal nach. Jan Delay wiederum begegnet Lindenberg seit Jahren immer wieder musikalisch – oft als Teil jener Bühnenmomente, in denen Pop selbst kurzzeitig zum Ereignis wird.

Jan Delay und Udo Lindenberg
Jan Delay stand schon häufig gemeinsam mit Lindenberg auf der Bühne. Zudem interpretierte er dessen Songs bereits in einem eigenen „Unplugged“-Kontext neu. picture alliance/dpa

Stuckrad-Barre erzählt, man habe sich vor 15 Jahren „im Gestrüpp um Udo herum“ kennengelernt, in der „größten Selbsthilfegruppe Deutschlands“, einer „Arche Noah der Gestörten“.

Das ist komisch und präzise zugleich. Denn es beschreibt jene besondere Form von Gemeinschaft, die um Lindenberg in den vergangenen Jahrzehnten entstanden ist. Ein Ort für Eigenwillige, Versehrte, Überdrehte, Suchende – kurz: für Menschen, die im Normalbetrieb nicht restlos aufgehen. Oder eben die „Geflippten“, wie Lindenberg sie nennt.

Die Kunstfigur Lindenberg zwischen Exzess und Disziplin

Zum Lindenberg-Phänomen gehört freilich immer auch die Kunstfigur. Hut, Sonnenbrille, Zigarre: Insignien, die seit Jahrzehnten konsequent mitgedacht werden. Sie sind Markenzeichen, gewiss, aber eben mehr als Requisiten. Die Figur Lindenberg ist in Sekunden lesbar, ohne je vollständig durchschaubar zu werden.

Udo Lindenberg auf der Bühne
Der Musiker bleibt auch im hohen Alter aktiv und präsent – mit Konzerten, Bildender Kunst und seinem unverwechselbaren Stil. IMAGO/osnapix

Auch das Spiel mit Exzess und Disziplin gehört seit jeher dazu. „Lady Whisky“ zählt bekanntlich zu den großen Lieben in Lindenbergs Leben. Sein Arbeitsprinzip über viele Jahre: „Dicht gedichtet und nüchtern gegengelesen.“ Besser lässt sich die produktive Spannung zwischen Rausch und Kontrolle kaum beschreiben.

Es geht dabei aber nie nur um Suffromantik, sondern um die alte Popfrage, wie man aus Kontrollverlust Form gewinnt. Und spätestens mit seinem Comeback vor rund 20 Jahren zeigte sich, wie konsequent Lindenberg diese Spannung in Form überführt.

Dass insbesondere Benjamin von Stuckrad-Barre hier mit besonderer Aufmerksamkeit hinhört, versteht sich fast von selbst. Auch seine eigene öffentliche Erzählung kennt Absturz. Die beiden Figuren verbindet kein identisches Leben, aber ein gemeinsames Wissen: dass Exzess zerstören kann – und Erfahrung dennoch Material bleibt.

Ein Künstler gegen die Grenzen

Ein weiterer Grund für Lindenbergs Haltbarkeit liegt in seiner politischen Lesbarkeit. Viele seiner Texte sind Jahrzehnte alt und wirken in ihrem Misstrauen gegen Krieg, Autorität und geistige Verhärtung bis heute erstaunlich gegenwärtig. Nicht, weil sie heutige Politik beschreiben, sondern weil sie ein Grundgefühl beschreiben.

Dass eine Figur wie Lindenberg in Deutschland so außergewöhnlich erscheint, sagt auch etwas über die hiesige Popkultur. Hier wird Kunst gern nach Zuständigkeiten sortiert: F und U, Feuilleton und Unterhaltung, Hochkultur und Boulevard. Lindenberg hat diese Grenzziehungen nicht durchbrochen, sondern schlicht entwertet.

Udo Lindenberg in den späten 70er-Jahren
In den späten Siebzigern etabliert Lindenberg den deutschsprachigen Rock als eigenständige Form – lange bevor er mit seinem „Panik“-Kosmos zur Pop-Ikone wird. imago images/Horst Rudel

Er konnte im Stadion funktionieren und im Leitartikel auftauchen, in Talkshows sitzen und zugleich als Projektionsfläche für Freiheitsversprechen dienen. Diese Gleichzeitigkeit ist selten, über Jahrzehnte hinweg noch seltener. Darin liegt auch ein Teil seines Alterns.

Viele Stars tragen im Alter vor allem das Kostüm ihrer besseren Jahre. Lindenberg hingegen alterte innerhalb seiner Figur. Um bei seiner Motivik zu bleiben: Der Mann im Hut muss nicht jung bleiben – es reicht, wenn der Hut noch passt.

Natürlich gehört zur Legendenbildung auch Milde. Nicht jedes Werk ist gleich stark gealtert, nicht jede Pose bleibt subversiv. Wer so lange präsent ist, wiederholt sich zwangsläufig.

Auch Lindenberg ist nicht nur Ausnahmefigur, sondern auch eigene Routine geworden. Doch gerade diese Routine gehört inzwischen zum Phänomen. Das Publikum erwartet Verlässlichkeit in einer Figur, die einst für Kontrollverlust stand. Und genau darin liegt ihre späte Stabilität.

Das Prinzip Lindenberg

Ein Satz von Stuckrad-Barre bringt das Prinzip vielleicht am besten auf den Punkt: „Die Frage 'Warum?' ist bei Udo immer falsch. Denn er fragt: 'Warum nicht?' – und hat damit immer recht.“

Darin steckt Wagemut, Spieltrieb, vielleicht auch eine Portion Trotz. Vor allem aber jene Haltung, die so ein erstaunlich großes Werk erst möglich macht.

Dass sich das auch mit 80 noch beobachten lässt, ist womöglich die eigentliche Pointe seines Jubiläums. Zwar feiern Stuckrad-Barre und Delay an jenem Abend Udos Geburtstag, aber mit dieser Party wird sichtbar, wie sich um eine Figur über Jahrzehnte ein kultureller Resonanzraum gebildet hat.

Zwei Männer erzählen von Udo Lindenberg – und am Ende auch davon, wie Kunst in fremden Biografien weiterlebt.

Neues Buch „Udo Fröhliche" Zum 80. Geburtstag: Alles über Udo Lindenberg von Benjamin von Stuckrad-Barre

Kundig, witzig und scharfsinnig erzählt sein enger Freund Benjamin von Stuckrad-Barre von Aufstieg, Absturz, Wiederauferstehung Udo Lindenbergs.

SWR Kultur am Abend SWR Kultur

Zeitwort 25.10.1983: Udo Lindenberg tritt in Ostberlin auf

Man kennt ihn als Rocker, der mit rauchiger Stimme Liebeslieder singt und dabei unnahbar wirkt. Aber er war auch immer sehr politisch – und er liebte seine Fans in Ost und West.

SWR2 Zeitwort SWR2

Erstmals publiziert am
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Autor/in
Samira Straub
Samira Straub, Autorin und Redakteurin bei SWR Kultur Digital