Lionel Martin: Einstimmig SWR New Talent
Mit 17 Jahren wurde der Tübinger Cellist Lionel Martin SWR Kultur New Talent, ein Förderprogramm, das nicht über eine Bewerbung, sondern nur auf Einladung zugänglich ist. Der Jury fiel die Entscheidung leicht: Sie stimmte eindeutig für ihn.
Ines Pasz, zusammen mit Doris Blaich verantwortliche Redakteurin für Lionel Martin beim SWR, erinnert sich an die Auswahl:
Auf Anhieb hat er alle beim Vorspiel mit seiner enormen musikalischen Ausdruckskraft, seiner fantastischen Technik und seinem unglaublichen Charisma fasziniert. Er ist das, was man eine musikalische Persönlichkeit nennen kann: Er überzeugt durch eine individuelle und sehr eigene Art der Interpretation – jemand, dessen Spiel man erkennt. Lionel Martin spielt keinen Ton „irgendwie“, sondern alles ist intensiv empfunden.
Projekte und Auftritte des jungen Cellisten
Zahlreiche Projekte konnten mit Lionel Martin realisiert werden. Er spielte in den SWR-Konzertreihen Bruchsaler und Ettlinger Schlosskonzerten, oft in wechselnder Besetzung – etwa mit seinem Bruder und Pianist Demian Martin, dem Armida Quartett oder Musiker*innen des SWR Symphonieorchesters.
Auch die Schwetzinger SWR Festspiele blieben ihm nicht fremd. Mit einem Liebeslieder-Impro-Konzert brachte er das Motto „Versuchung“ 2025 zum Erklingen.
Improvisationstalent live erleben
Lionel Martin war stets an der Seite der SWR-Klangkörper zu hören. Bei Livesendungen spielte er das 2. Cellokonzert von Dmitri Kabalewski mit dem SWR Symphonieorchester und gab ein Weihnachtskonzert mit dem SWR Vokalensemble.
Weihnachtlich wurde es zudem mit einem Improvisationskonzert im Baden-Badener SWR-Studio. Auf Zurufe improvisierten sein Bruder und er Advents- und Weihnachtsmusik vor Live-Publikum.
Ungewöhnliches Repertoire im Studio
Etliche Studioproduktionen mit Lionel Martin bereichern die Archive des SWR. Darunter Cellosonaten von Rachmaninow und Schostakowitsch, Brittens Cellosuite Nr. 1., „Sept Papillons“ der finnischen Komponistin Kaija Saariaho, die Arpeggione-Sonate von Schubert, Saint-Saëns „Der Schwan“ und Arvo Pärts „Spiegel im Spiegel“.
Die Produktion des recht unbekannten Cellokonzerts „The Protecting Veil“ von John Tavener überraschte selbst langjährige Redakteurinnen wie Doris Blaich:
Lionel hat jede Menge Repertoire-Ideen eingebracht, manchmal auch abseitige – wie das Cellokonzert von John Tavener, das er unbedingt aufnehmen wollte. Er sagte ‚damals‘, mit seinen 18 Jahren: „Dieses Stück lässt mich nicht mehr los.“ Am Anfang seiner Förderung haben wir es mit dem Stuttgarter Kammerorchester im Studio auf CD aufgenommen und die große Streicherbesetzung mit Musiker*innen aus Lionels Freundeskreis aufgestockt.
Eigene Konzerte planen und umsetzen
Zum Ende der Förderung wurde das Stück erneut aufgezeichnet, diesmal beim Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd. Für dieses Konzert gründete er extra ein Orchester und organisierte von den Noten über die Honorare bis zu den Probenplänen und Podesten alles selbst.
Abschied vom SWR-Förderprogramm
Das Förderprogramm „New Talent“ versteht sich auch als eine Art Netzwerk, in dem die Musiker*innen untereinander auch Projekte realisieren können. Bei den „Weingartner Musiktagen Junger Künstler“ trat Lionel Martin zusammen mit dem New Talent Liedduo Esther Valentin und Nastasia Grishutina auf.
All dies während Lionel Martin sein Bachelor-Studium an der Zürcher Musikhochschule machte und seinen Master an der Kronberg Academy absolvierte. Ein künstlerisches Aufbaustudium folgt nun an der Kronberg Academy.
Nach vier Jahren muss sich der SWR nun von Lionel Martin verabschieden, zumindest im Rahmen des Förderprogramms. Doch auf ein Wiedersehen darf man sich sicherlich freuen.