Thema Musik

Musik-Archive – Mehr als verstaubte Klänge

Archive speichern unser kulturelles Gedächtnis. Doch was, wenn sie nicht nur konservieren, sondern auch hinterfragen? Dieses Musikfeature beleuchtet die Rolle von Musikarchiven kritisch: Wie wirken sie auf Geschichtsbilder, was blenden sie aus und wie können sie neue Perspektiven schaffen? Eine Spurensuche zwischen Kanon, Kritik und künstlerischer Neudeutung.

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Von Autor/in Sophie Emilie Beha

Wer sich in einem Archiv umschaut, kann auf spannende Entdeckungen stoßen: Man findet längst vergessene Dinge, die jahrelang unbemerkt sind. Man erkennt Verbindungen zwischen Ereignissen, die zuvor unsichtbar waren oder es entstehen ungewöhnliche, neue Sichtweisen auf historische Daten. 

So wird das Archiv zu einem Ort, an dem neue Ideen geboren werden. Es ist dann nicht nur ein Raum der Vergangenheit, sondern auch ein Ort, der Gegenwart und Zukunft beeinflusst. Besonders dann, wenn der Zugang nicht wissenschaftlich, sondern künstlerisch ist.

Musikgeschichte aus weiblicher Perspektive

Hauptraum im Archiv von "Frau und Musik"
Hauptraum im Archiv von "Frau und Musik" ©Andrea Späth Fotodesign 2018

Das „Archiv Frau und Musik“ widmet sich der Aufgabe, die Musikgeschichte aus weiblicher Perspektive zu sichtbar zu machen. Mit über 2.200 Komponistinnen und einer Sammlung von Tonträgern, Noten und Nachlässen ist es weltweit einzigartig.

Doch auch dieses Archiv hat seine Grenzen: Die meisten der erfassten Künstlerinnen sind weiß und europäisch. Um den Zugang zu erleichtern, hat das Archiv begonnen, Teile seines Bestandes zu digitalisieren, damit die Recherche von überall aus gelingt.

Musik als Widerstand gegen Machtstrukturen

Archive sind nicht nur Orte der Erinnerung, sondern auch der Macht. Sie entscheiden, welche Geschichten erzählt werden und welche nicht. Der philippinische Komponist und Klangforscher meLê yamomo sieht europäische Archive kritisch.

Für mich sind die Klangarchive wie Friedhöfe. Denn für mich ist dieses Verständnis, etwas aufzuzeichnen und es dann aus den Körpern zu entfernen, eine Art, etwas zu töten.

Mit Projekten wie „Echoing Europe – Postcolonial Reverberations“ versucht er, Klänge aus kolonialen Archiven wieder lebendig zu machen und sie mit ihren Ursprüngen zu verbinden. In einer seiner Performances ließ er Aufnahmen indigener Musik wieder erklingen.

Aktive Gestalter statt neutrale Speicher

Auch die Klangforscherin Salomé Voegelin hinterfragt die Deutungshoheit von Archiven. Sie fordert, dass Archive nicht nur als neutrale Speicher betrachtet werden, sondern als aktive Gestalter von Machtstrukturen.

„Ich gehe nicht gern auf Wissenssuche in diesem hegemonialen normativen Sinne“, sagt sie. Sie nutze aber gerne die Maschine „Archiv“, um Autorität für ein anderes Wissen zu gewinnen. Gemeinsam mit ihren Studierenden erweitert sie Archive, indem sie neue Materialien einbringt und bestehende Kategorien hinterfragt.

Musikarchiv im Landesfunkhaus Thüringen
Musikarchiv im MDR Landesfunkhaus Thüringen. IMAGO / Bild13

Die Suche nach dem Unarchivierten

Pascale Bernheim, Gründerin des Vereins „Musique et spoliations“, widmet sich einer anderen Form des Archivs: Sie sucht nach Musikinstrumenten, die die Nationalsozialisten geraubt haben.

Ihre Arbeit zeigt, wie Archive nicht nur bewahren, sondern auch vertuschen können. Bernheim betont: „Diese Instrumente sind das Gedächtnis des Krieges. Wenn alle Zeitzeugen verstorben sind, [...] tragen die Objekte die Erinnerung.“

Archive als Orte der Macht und des Widerstands

Archive repräsentieren nicht die gesamte Geschichte, sondern nur einen Ausschnitt. Sie sind geprägt von den Machtstrukturen, in denen sie entstanden sind. Durch kritische Auseinandersetzung können sie aber zu Orten des Widerstands werden.

Doch was passiert mit dem, was nicht archiviert wurde? Der französische Philosoph Georges Didi-Huberman betont, dass die Lücken und Absenzen in Archiven oft mehr aussagen als das, was tatsächlich archiviert wurde.

Vielleicht liegt gerade in der Suche nach dem Unarchivierten der Schlüssel zu einem neuen Verständnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

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Autor/in
Sophie Emilie Beha
Sophie Emilie Beha, Team SWR Kultur
Onlinefassung
Janine Putzek