Was die Schallplatte so einzigartig macht
Das vorsichtige Auflegen, das Knistern und die warme Klangfarbe: Schallplatten schaffen eine nostalgische Atmosphäre, die viele Menschen begeistert. Während digitale Musik bequem und überall verfügbar ist, bietet Vinyl ein einzigartiges Erlebnis. Der Charme liegt für viele Plattenfans vor allem in dieser haptischen und akustischen Qualität.
Zudem wird die Schallplatte oft als Kunstwerk betrachtet: meist elegant schwarz, aber auch mal bunt und mit aufwendig gestaltetem Covern, wird sie zum Sammlerobjekt von alten wie neuen Alben.
„Record Store Day“ am Black Friday: Die Subkultur profitiert kaum
Vinyl für die Streaming-Generation
Nicht nur bei Nostalgikern erlebt die Schallplatte daher seit einigen Jahren eine eindrucksvolle Renaissance: Auch die Streaming-Generation entdeckt Vinyl neu. Stars wie Taylor Swift und Billie Eilish tragen ihren Teil dazu bei, auch ein jüngeres, weibliches Publikum für analoge Tonträger wie Platten oder Kassetten zu begeistern. Grund genug für einen eigenen Festtag.
Der Record Store Day (RSD) wirbt seit 2008 für die Unterstützung unabhängiger Plattenläden. Dieses Jahr findet zusätzlich zum regulären Termin im April zum ersten Mal eine weitere Marketingaktion zum Black Friday am 28. November 2025 statt.
So wird es limitierte Releases geben, zum Beispiel von großen Künstlern wie a-ha, Kesha oder Post Malone, der auch schon Botschafter des Record Store Day war.
Record Stores als Kulturgut mit Mehrwert
Der Vinyl-Boom ist dabei schon seit Jahren kein neuer Trend mehr, die Schallplatte hat sich längst wieder als Tonträger etabliert. Während im Jahr 2014 noch rund zwei Millionen Platten in Deutschland verkauft wurden, waren es letztes Jahr etwa fünf Millionen. Und die Verkaufszahlen steigen laut dem Bundesverband Musikindustrie (BVMI) weiter an.
Doch trotz dieser positiven Tendenz haben gerade unabhängige Plattenläden Probleme, mit Verkäufen gegen Streaminggiganten wie Spotify anzukommen. In einer typischen Woche in Deutschland werden nur 5,9 Prozent der gehörten Musik von gekauften Musiktonträgern konsumiert, knapp über die Hälfte der Musik hingegen wird laut BMVI online gestreamt.
Plattenläden bieten viel mehr als nur die Möglichkeit, durch Schallplatten zu stöbern und neue Werke zu entdecken. Eine wichtige Rolle spielen Erfahrungen im analogen Leben: Events wie Vinyl-Abende und Listening-Sessions finden Zuspruch beim Publikum und bieten einen individuellen Mehrwert.
Warum Musiker Plattenläden und Vinyl lieben
Darum geht es auch Oliver Brandt. Seit 35 Jahren führt er den Plattenladen "Heaven Records" in Worms: "Ich verkaufe nicht nur Platten, ich verkaufe Lebensqualität. Und wenn du die zu Hause anhörst, in Ruhe, dann tauchst du ab in Welten, die du im Alltag nicht hast."
Peter Englert, Sänger und Schauspieler ist Stammkunde bei "Heaven Records". Auch für ihn hat das Plattenhören einen eigenen Stellenwert. Denn die Tonträger seien ein spezielles Zeitzeugnis.
Es ist ein Tor in eine vergangene Welt ist. Wenn ich eine Platte auflege, und die Augen zumache, fühlt sich das so an, als stehe die Band oder der Sänger, die Sängerin bei mir im Wohnzimmer. Das unterscheidet den Sound von Vinyl maßgeblich von jedem anderen Medium.
Die Gitarristen Alexander Kilian und Jan Pascal vom Gitarrenduo "Café del Mundo", sind begeisterte Vinyl-Liebhaber. Die beiden sind bekannt für ihre besonders aufwendig gestalteten Schallplatten, die sie selbst vermarkten und an Plattenläden ausliefern. Die Record Stores sind für die Musiker ein schützenswertes Kulturgut.
Die Empfehlungen von Mitarbeitern und Ladenbesitzern seien besser als jeder Streaming-Algorithmus - denn sie brächten auch das menschlich-chaotische und eine persönliche Note ein, finden die beiden.
Du hast dort echte Koryphäen. Jemand sagt: Hey, ich weiß doch, du kaufst immer von dem und dem Künstler, schau mal, ich habe etwas Ähnliches, das könnte dir auch gefallen.
Aufwendige Kunstwerke: Lohnt sich Vinyl für Bands?
Für große und kleinere Künstler haben Platten dabei unterschiedliche Bedeutungen. Während sie bei großen Künstlern eine Art Statussymbol sind und als Teil des Merchandising inzwischen erwartet werden, sind sie für kleinere Künstler deutlich risikoreicher. Die Herstellung von Vinyl ist aufwendig und teuer, eine Pressung lohnt sich meist erst ab Stückzahlen von mindestens 300 Platten.
Gleichzeitig bietet eine Platte die Chance, in einem übersättigten digitalen Markt analoge Sichtbarkeit zu erlangen – beispielsweise mit einem Release zum Record Store Day.
Auch Gitarrist Jan Pascal ist überzeugt: "Ich halte es für ein sehr wichtiges Medium, auch gerade durch die Bindung mit deinen Zuhörerinnen und Zuhörern. Du kannst ein haptisches Mitnahme- und Sammlerlebnis schaffen - ein Albumerlebnis."
Gesamtkunstwerk kommt vielen zugute
Jan Pascal und sein Gitarren-Partner Alexander Kilian haben zudem für sich festgestellt, dass Musik und die künstlerische Umsetzung des Covers sich oft wechselseitig inspirieren. Sie investieren gerne in diesen Aufwand. Denn dieses Geld komme wieder befreundeten Designern und Künstlern zugute.
Und auch ideell lohne sich eine Pressung auf Vinyl: "Jede Investition in ein Album ist ein künstlerischer Entwicklungsschritt, der eine Periode von vielleicht anderthalb, zwei Jahren immer wieder dokumentiert und ist für deine innere und äußere Entwicklung enorm wichtig", sagt Jan Pascal.
Vinyl als Luxusgut?
Platten sind inzwischen jedoch zum auch ein dekorativen Lifestyle-Produkt geworden. Luxus-Modemarken wie Saint Laurent oder Burberry haben diesen Trend erkannt und produzieren eigene Platten und Plattenspieler.
Angepasst an die Marke kann man sich so spezielle Designs nach Hause holen – vorausgesetzt, man ist bereit, sich Plattenspieler für 30.000 Euro von Saint Laurent und Bang & Olufsen zu leisten.
Auch der zweite Record Store Day zum Black Friday ist Teil von solch kommerziellen Strategien - ist besagter schwarzer Freitag schließlich weltweit bekannt dafür, Verkäufe durch Sonderangebote in die Höhe zu treiben.
Dabei kann man auch im Vinylgeschäft durchaus fragen: Braucht es diverse Sonderausgaben von Alben, die es sowieso schon auf Schallplatte gibt? Und wie stehen Sammlerstücke preislich im Verhältnis?
Klar ist: Beim Plattenkaufen gelten eigene Regeln. Ob ihre Liebhaber damit kleine Künstler und Plattenläden unterstützen oder neue Sammler ihre Regal um neue Popalben ergänzen - für den Tonträger gibt es zum Glück eine Zukunft.