Bizarre Aussagen von Männern im Fokus
„Es ist besser, Nina, wenn du jetzt gehst, denn du bist erst vierzehn“, hauchte Kultrocker Udo Lindenberg 1976 in sein Mikrophon. Dabei blickte er schmachtend auf eine sichtbar Minderjährige. Was vor 50 Jahren noch bedenkenlos veröffentlicht wurde, lässt uns heute den Kopf schütteln. Ist das nicht Pädophilie, was Lindenberg da besingt?
In ihren Reels knöpft sich Sängerin Mine nicht nur den Fernsehauftritt des damals 30-jährigen Lindenberg vor, sondern auch andere Statements von Männern, die sexistisch, misogyn oder anderweitig problematisch sind. Mine zeigt die fragwürdigen Szenen auf einem Laptop, während sie die Originaltexte eins zu eins mit spricht – mal neutral, mal gestikulierend.
Lip-Sync-Videos sind nicht neu
Diese sogenannten Synchro-Videos auf Instagram und TikTok waren bislang vor allem aus der Comedy-Szene bekannt. Mine nutzt das Format für sich, um Machtverhältnisse und gesellschaftlich-strukturelle Missstände aufzuzeigen.
„Wenn ein Udo Lindenberg einen Song verfasst und den raus bringt, dann geht er über etliche Schreibtische, und alle Leute lesen diesen Text, hören diesen Text und entscheiden sich dafür, den zu veröffentlichen“, sagt die Sängerin.
Ob Popsänger Cro, der AfD-nahe Finanzwissenschaftler Stefan Homburg oder ein Deep-Fake-Pornograf – Mine rezitiert und parodiert sexistische Aussagen aus einer großen medialen Bandbreite.
Männliches Sprechverhalten unter der Lupe
In ihren Videos passiere viel gleichzeitig, sagt die Soziologin Heidi Süß, die zu Männlichkeit und Popkultur forscht: Ein ernster Blick, ein Video im Video, darin Männer, die sich abfällig über Frauen äußern.
In vielen Reels komme eine feministische Ebene hinzu, erklärt Süß. Das Spannende sei der Rollenwechsel, bei dem Mine das klassisch-männliche Sprechverhalten aufgreife: „Dadurch, dass sie das nicht nur lip-synct, sondern auch laut ausspricht, entsteht nochmal eine besondere Eindringlichkeit. Und das macht die Kritik besonders stark.“
Ich finde absurde Aussagen gab es schon immer, aber momentan fällt es mir einfach sehr viel mehr auf, dass viele Dinge in der Öffentlichkeit so in den Raum geworfen werden und darauf eigentlich wenig reagiert wird.
Den Erfolg ihrer Synchro-Videos erklärt sich Mine auch mit den eigenen Erfahrungen der Zuschauenden. Deshalb versteht sie ihre Reels nicht nur für sich selbst als einen Schritt der Selbstermächtigung. Offenbar trifft sie mit den Clips den Nerv der Zeit: Zehntausende Menschen haben ihre Videos zu Sexismus und Misogynie schon gelikt.