Rauer Umgangston und Sexismus im Bundestag
SWR1: Wie erleben Sie jetzt als Frau den Austausch, die Diskussionen und Debatten im Bundestag?
Tabea Rößner: Die Debatten sind viel rauer geworden. Mit jeder Legislaturperiode hatte ich das Gefühl, dass es viel mehr Beschimpfungen gibt. Dass es gar nicht um die Sache ging, sondern eher um eine Auseinandersetzung und das, was man eigentlich gar nicht hören will.
SWR1: Studien und Berichte besagen, dass Hate Speech, Sexismus und Anfeindungen Politikerinnen viel stärker betreffen als Politiker. Wie ist denn da Ihre Erfahrung?
Rößner: Ja, das kann ich, glaube ich, schon bestätigen. Ich habe selbst solche Erfahrungen gemacht. Das ist aber nicht erst jetzt mit den sozialen Netzwerken passiert, sondern immer mal in der politischen Laufbahn. Ob das im Stadtrat oder in einem Ausschuss war.
Wenn man mal als Frau ein bisschen engagierter geredet hat, kamen von Männern gleich Bemerkungen wie "Ich hätte gleich einen Krankenwagen für Sie geholt" oder "Regen Sie sich doch nicht so auf, Sie werden ja ganz rot". Also Bemerkungen, die man, glaube ich, bei Männern so nicht machen würde.
Aber natürlich hat das gerade im Netz noch mal eine andere Dimension. In der politischen Debatte im Bundestag erlebe ich auch schon, dass es weniger Respekt gegenüber Rednerinnen gibt als gegenüber Rednern. Man dreht sich eher um, schwätzt mit anderen, ist weniger aufmerksam. Das habe ich schon beobachtet, dass das bei Frauen deutlich mehr ist als bei Männern.
Tabea Rößner - das muss sich im Bundestag ändern
SWR1: Was müsste sich ändern, damit mehr Frauen in die Politik gehen und zum Beispiel für den Bundestag kandidieren?
Rößner: Einmal sollte der Ton sich auf jeden Fall verändern. Denn viele Frauen sagen sich dann auch, warum tue ich mir das eigentlich an? Frauen sind da sowieso eher ein bisschen zurückhaltend. Dann aber auch mehr Unterstützung im Team. Wir bekommen hauptsächlich kritische Rückmeldungen, selten mal ein Lob. Ich glaube aber, das ist wichtig, um weitermachen zu können, um auch eine Motivation daraus zu ziehen.
Gerade wenn man sich engagiert, viel macht, auf vieles verzichtet. Die Familie verzichtet auf einen, man muss sich die Zeit einteilen. Wenn man dann nur negative Emojis bekommt, irgendwelche "Kotz-Emojis" oder so, dann ist das nicht sehr motivierend. Und ich glaube, das ist schon wichtig. Gerade für Frauen ist das wichtig.
Beleidigungen via Social Media und sexualisierte Gewalt
SWR1: Von wem kommen zum Beispiel solche "Kotz-Emojis"?
Rößner: Ja, das ist ganz interessant. Wenn ich auf sozialen Netzwerken unterwegs bin – je nachdem, zu welchem Thema ich mich geäußert habe –, kommen einfach nur solche Sachen. Oder im Wahlkampf um die Oberbürgermeisterschaft in Mainz, da war das auch ganz häufig so.
Also, dass dann Leute nicht gesagt haben, dass sie einen vielleicht nicht gut finden. Ohne sich mit den Positionen auseinandergesetzt haben, für die man eintrat. Sondern, dass man einfach nur so was auskübelt. Und das ist einfach nicht schön.
SWR1: Und über die Männer wird nicht ausgekübelt?
Rößner: Ja, das gibt es schon auch. Aber ich hab das Gefühl, bei Frauen ist das häufiger der Fall. Vor allen Dingen kommen dann auch solche Bemerkungen wie "Pass auf, dass nicht jemand um die Ecke kommt und sie vergewaltigt". Das ist auch so eine Herabwürdigung, die dann auf Sexismus und sexualisierte Gewalt anspielt. Und das erleben, glaube ich, Männer deutlich weniger als Frauen.
SWR1: Sie haben gesagt, der Ton müsste sich ändern. Jetzt gibt es aber auch einige Frauen, gerade auch in der Grünen-Fraktion, die einen ziemlich scharfen Ton haben …
Rößner: Das ist ja immer die Frage, ob das so gut ist, dass man auf demselben Niveau unterwegs ist. Das, was man eigentlich kritisiert. Aber klar, machen das natürlich einige, um sich zu behaupten, um auch wahrgenommen zu werden.
Ich finde aber, dieser politische Stil ist nicht meiner. Das ist unter anderem auch ein Grund, warum ich aufhöre, weil mir immer eine sachliche Auseinandersetzung wichtig war. Und das kriegt man, glaube ich, nicht hin, wenn man sich über den anderen irgendwie negativ auslässt. Oder wenn man keinen Respekt gegenüber dem anderen hat.