Alles begann mit der Erkenntnis, dass meine Schwiegermutter im Sopran einer Formation namens „Chorpus Delicti“ aktiv ist. Also „Chor“ im Sinne von Gesangsgruppe. Und, nein, dabei handelt es sich nicht um ein Ensemble singender Strafrechtler.
Peppige Friseur-Namen: Die Haarwurzel allen Übels
Irgendwie kam mir das bekannt vor — diese spezielle Kreativität bei der Namensfindung. Natürlich: die Friseure! In den Neunzigern muss das losgegangen sein, dass aus dem „Salon Renate“ oder dem „Frisierstübchen am Markt“ auf einmal Ateliers wurden, die dann „Schnittpunkt“ oder „Kopfsache“ hießen.
Im Folgenden waren die Grenzen zu dem, was man inzwischen cringe nennt, fließend und irgendwann schienen Namen wie „Haarlekin“, „Pony & Clyde“, „Hairlich“ oder „Kamm In“ beinahe schon Pflichtsache im Haarschneidebusiness. Meine tatsächlich real existierenden Favoriten sind übrigens „Hairkules“ und „Szenhaario“.
Liederkranz e.V. ist viel zu sehr 1908
Aber es sollte hier ja um Chöre gehen! Chorpus Delicti, Sie erinnern sich. Mein Verdacht war also, dass die Friseure da einen Impuls gesetzt hatten, den auch Chöre eifrig zu nutzen verstanden. Da wollte man nicht länger „Gesangverein Frohsinn“ oder „Liederkranz 1908 e. V.“ heißen.
Meines Erachtens ging der erste Schritt ins Bildungsbeflissene: Der ambitionierte Chor hieß jetzt „Cantemus“ oder „Vox Musica“. Gerade irgendwas mit „Vox“, lateinisch für Stimme, machte sich immer gut.
Chorisma, Choralle und Choryphäen
Diese Varianten hatten sich aber bald erschöpft, es musste etwas Neues her. Analog zu den Friseuren wurde auch hier das ästhetische Urteilsvermögen weitgehend über Bord geworfen. Gleich mal volle Breitseite? „Chorlorado“.
Der singt in Schwerte an der Ruhr und gehört, neben dem „Chorkenzieher“ aus dem benachbarten Dortmund, zu meinen Highlights. Dagegen nehmen sich „Chorisma“, „Choralle“ oder die auch gern genommenen „Choryphäen“ fast schon ein wenig bieder aus.
Da tendiere ich doch eher zum „H(e)art/dchor“, der wahlweise hart oder herzlich daherkommt, oder zum überzeugt frankophilen „D'Achor“. Sehr gerne mag ich auch die Formation „Pro-C-Dur“, auch wenn sie vermutlich ein etwas limitiertes Repertoire haben dürfte.
Manche Chornamen wiederum sind derart um die Ecke gedacht, dass man sie erst einmal googeln muss. Oder hätten Sie auf Anhieb gewusst, das „Chorthippus“ der zoologische Name der Heuschrecke ist? „StimmTONic“ oder „Robins Choruso“ sind auch nicht ganz naheliegend, aber sehr erfindungsreich.
Auf Tonfühlung mit der Chorsanostra
Man könnte an dieser Stelle noch lange weitermachen. An skurrilen Chornamen ist kein Mangel — aber ich denke schon, dass da noch Luft nach oben ist.
Mir fehlt ehrlich gesagt die eingeschworene „Chorsanostra“ oder die „Chorporate Identity“; auch „Stimmfluenza“, mit ansteckendem Gesang gute Laune verbreitend, oder „Chorsika“, berühmt für Programme mit mediterranem Flair. Was ist mit „Wirsing'n!“ oder „Chorsi fan tutte?“ Nicht zu vergessen die gesangssüchtigen „Vokalkoholiker“.
Drehen wir uns zurück zum Liederkranz?
Sie sehen: Da geht noch einiges. Aber irgendwann wird der Zenit ja erreicht sein. Und dann? Alles wieder zurück? Denken Sie an die Renaissance klassischer Namen wie Sophie, Oskar, Johanna oder Paul steht uns die auch hier ins Haus? Dann könnte es vielleicht nicht mehr allzu lange dauern, bis Friseure wieder Salon Renate heißen — und Chöre Liederkranz.
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