„Durch meine Hände sind schon kilometerweise Därme gegangen“

Vom Schlachthof zum Streichinstrument: Der Saitenmacher Stephan Schürch

Stefan Schürch stellt nach historischem Vorbild Darmsaiten für Streichinstrumente her. Er erzählt von seinen Besuchen auf Schlachthöfen und warum Schafdarm besser klingt als Rind.

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SWR Kultur: Herr Schürch, Sie sind eigentlich Geigenbauer mit dem Spezialgebiet historischer Instrumentenbau. Seit einigen Jahren fertigen Sie allerdings auch Darmsaiten für Streichinstrumente an. Waren Sie nicht zufrieden mit den Saiten, die Sie zuvor hatten oder wie kam es dazu?

Stephan Schürch: Ich habe Musik studiert, bevor ich Geigenbau lernte und damals war das ein Dauerthema, dass die Saiten nicht halten oder nicht schön klingen.

Später ist über den Geigenbau genau dieselbe Frage wieder aufgetaucht: Welche Saiten spanne ich auf mein Instrument auf? Es gab weltweit nur zwei, drei Hersteller, die den Markt bedient hatten.

An der Hochschule der Künste in Bern ist dann ein Forschungsprojekt genau aus diesem Grund entstanden. Wir wollten uns auf die historische Produktionsweise der Darmsaiten rückbesinnen.

Wild - Gut strings for musical instruments - Darmsaiten für Musikinstrumente

SWR Kultur: War denn die wichtigste Erkenntnis, die Sie daraus geschöpft haben? Ergab sich daraus auch, dass es Schafdarm sein sollte, weil der sich besser eignet als Rinderdarm?

Stephan Schürch: Das wussten wir schon vor unserer Forschung. Man weiß, dass die historische Saite aus Schafdarm besteht. Sie ist im Vergleich zur Rinderdarmseite flexibler und gibt einen anderen Klang.

Die Rinderdarmsaite klingt in der Regel schärfer, weil sie ein helleres Obertonspektrum hat. Mit der Schafdarmsaite hat man deshalb ganz andere Möglichkeiten, ein Instrument klanglich besser einzustellen.

Saitenmacher Stephan Schürch
Stephan Schürch stellt seine historischen Saiten komplett selbst her. Die Saiten bestehen ausschließlich aus Schafsdarm, der vorher gründlich gereinigt werden muss, damit er nicht fault.

SWR Kultur: Sie haben sich dann dafür entschieden, die historischen Saiten aus Schafdarm selbst herzustellen. Erzählen Sie uns, wo haben Sie das Handwerk gelernt?

Stephan Schürch: In Deutschland gibt es einen letzten Saitenmacher mit Meisterbiref, der noch lebt: Stefan Frank. Bei ihm bin ich ganz blauäugig in die Lehre gegangen. Ich habe nicht damit gerechnet, was da an Wissen alles dahintersteckt.

Es brauchte kilometerweise Därme, die ich durch meine Hände gleiten ließ, um die entsprechende Erfahrung zu sammeln. Mein Weg führte in dem Sinne – historisch gesehen – vom Schlachthof bis zur fertigen Saite.

Ich bin in den Schlachthof gegangen und habe die Därme selbst geholt und gereinigt. Nur so konnte ich verstehen, wenn in den Quellen steht, wie schwierig der Putzprozess ist, wie der Gestank ist oder wie lange es dauert, bis ein Darm verfault.

Saitenmacher Stephan Schürch
Für Stephan Schürch ist das wichtigste Werkzeug seine Hände. Damit spürt er sofort, welche Qualität der Darm hat.

SWR Kultur: Was ist denn Ihr wichtigstes Werkzeug, das Sie brauchen, um eine perfekte Saite herzustellen?

Stephan Schürch: Meine Hände. Das beginnt beim Putzen der Därme, wo ich schon im Schlachthof spüre, welche Qualität der Darm hat. Zu Hause beim Putzen habe ich ihn das nächste Mal Zentimeter für Zentimeter auf dem Tisch liegen. Da sind es immer die Hände, die spüren, was der Darm taugt und wo ich ihn einteilen kann.

SWR Kultur: Wie viele Därme brauchen Sie für eine Saite?

Stephan Schürch: Die höchste Saite bei einer Geige hat eine Länge von 60 Zentimetern und einen Durchmesser von 0,6 Millimetern. Dafür brauche ich nur die Hälfte eines Darms. Ich schneide den in der Mitte auf und bekomme daraus im Durchschnitt 8 Geigensaiten.

Aus der anderen Hälfte kann ich dickere Saiten machen, das sind durchschnittlich nochmal zwei bis drei Cello-A-Saiten.

Wenn ich das auf den Kontrabass umrechne, wo die dickste Saite vielleicht fünf Millimeter dick ist, brauche ich insgesamt etwa 200 Meter Darm. Einfacher gesagt: Für eine kontrabassdicke Saite brauche ich zehn Schafe.

Saitenmacher Stephan Schürch
Nach etwa zwei Wochen putzen und verarbeiten, werden die fertigen Saiten in Rahmen gespannt. Danach müssen sie noch geschliffen werden, bevor sie auf ein Streichinstrument aufgezogen werden können.

SWR Kultur: Vom ersten Gang in den Schlachthof und der Auswahl der Därme bis zum Bespannen eines Instruments: Wie lange sind Sie damit durchschnittlich beschäftigt?

Stephan Schürch: Wenn ich im Schlachthof bin, beginnt der Morgen um sechs Uhr. Dort habe ich vier Stunden Zeit und nehme um die 200 Dünndärme von 20 bis 30 Metern Länge mit. Der ganze Putzprozess dauert dann eine Woche.

Noch eine weitere Woche dauert es, bis ich sie alle verarbeitet habe. Dann habe ich einige Rahmen voller fertiger Saiten in unterschiedlichen Stärken, die noch geschliffen und eingetütet werden müssen.

Wir haben das Glück, dass die Schafdarm-Saite langsam am Markt ankommt und wir mittlerweile weltweit Abnehmer haben.

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Erstmals publiziert am
Stand
Das Interview führte
Ulla Zierau
Ulla Zierau
Interview mit
Stephan Schürch
Onlinefassung
Janine Putzek