Absturz durch Depression: So war es bei Thomas Reinbacher
Seinen ersten Totalabsturz aufgrund einer Depression erlebte Thomas Reinbacher, als er eines Morgens eine geschäftliche E-Mail nicht mehr lesen konnte. Er habe zwar alle Wörter und Buchstaben gekannt, aber wie sich die Wörter zu Sätzen zusammengefügt haben, habe für ihn keinen Sinn mehr ergeben.
Das Gehirn ist irgendwie komplett runtergefahren. Ich war total angespannt und nervös. Da sitzt man dann und denkt sich […] 'du kannst nicht mehr lesen'. Dann sind die ganzen Emotionen rausgekommen und ich habe bitterlich angefangen zu weinen.
Mann und Macher: Erst Karriere, dann Diagnose Depression
Wenn andere beruflich die Karriereleiter langsam hochklettern, wurde der Österreicher Thomas Reinbacher im Job regelrecht nach oben katapultiert. Nach seiner Zeit als Forscher bei der NASA, wechselte er ins Management einer Unternehmensberatung, bevor er für Amazon die Produktentwicklung von "Alexa" in Deutschland leitete.
Bei mir hat eigentlich immer alles geklappt. In der Schule, im Studium und dann im Beruf hatte ich nie Phasen, in denen ich mal so einen richtigen Rücksetzer hatte. Jetzt in der Retrospektive wäre das vielleicht gar nicht so schlecht gewesen.
Eigentlich habe er gerne für Amazon gearbeitet, erinnert er sich. Doch es ging ihm nicht schnell genug voran auf der Karriereleiter. Er entschied sich für einen Jobwechsel zu Google. Da er in Deutschland wohnen bleiben wollte, verschoben sich aufgrund der Zeitverschiebung zu den USA seine Arbeitszeiten in den Nachmittag und Abend, während er als junger Vater meist trotzdem morgens früh wieder wach war.
Psychologie Depressionen bei Männern – Eher gereizt als niedergeschlagen
Antriebslos und traurig zu sein, halten viele für typische Zeichen einer Depression. Männer sind anfangs aber häufig aggressiv, reizbar, sie neigen zu Wutausbrüchen und riskantem Verhalten.
Erste Anzeichen der Depression und Verdrängung
Das Erste, was er damals bemerkt habe, war, dass, sich über sein ganzes Denken eine Art "grauer Nebelschleier" legte, der immer dichter wurde, schildert Thomas Reinbacher. Er habe Dinge im Beruf zunehmend negativ gesehen ("das Projekt wird sowieso nichts") und sogar an der Beziehung zu seiner Frau gezweifelt, obwohl damit eigentlich alles ideal gewesen sei.
Als "hartes Symptom" habe er dann gemerkt, dass er immer schlechter ein- und durchschlafen konnte. Nachdem er einen Podcast zum Thema Depression gehört hatte, erkannte er die beschriebenen Symptome einer Depression bei sich, wollte sie aber nicht wahrhaben. Im Gespräch mit seiner Frau waren sie sich beide einig, dass er "so einen Psycho-Scheiß" nicht habe. Das war drei Monate vor dem ersten Totalabsturz und seinem ersten Klinikaufenthalt.
Es hat sich alles angekündigt. Nur die Schwierigkeit ist, das zu erkennen und richtig zuzuordnen, dass da mit der Psyche vielleicht etwas bergab gehen könnte.
Behandlung der Depression in der Psychiatrie
Ich glaube, das Allerschwierigste ist wirklich die Akzeptanz der Erkrankung. Also für mich selber zu akzeptieren, 'ich bin jetzt psychisch krank, ich brauche Hilfe'.
Thomas Reinbacher hatte zwei schwere depressive Episoden mit Krankenhausaufenthalten. In der ersten Episode dachte er, er sei nach sechs Wochen Klinikaufenthalt wieder fit. Nach der Klinik-Entlassung hatte er noch fünf Monate ambulante Psychotherapie und hat dann versucht in seinen Job bei Google zurückzukommen. Dort hat er acht Wochen gearbeitet, bevor die zweite viel schlimmere Episode kam, in der er sehr stark von Suizidgedanken geplagt war.
In einem Tagebuch notierte Thomas Reinbacher während seines Klinikaufenthalts jeden Erfolg, zum Beispiel wenn er wieder duschen konnte. Es habe Tage gegeben, in denen es ihm unmöglich gewesen war aus dem Bett aufzustehen, zu duschen oder nur die Zähne zu putzen.
In der Klinik wurden viele Aktivitäten angeboten, wie Musiktherapie oder Qi Gong. Die meisten der Angebote hat er zunächst für "Mumpitz" gehalten, im Nachhinein aber festgestellt, dass ihm der Großteil doch etwas gegeben habe, sagt Reinbacher.
Man muss sich gegen diese Lähmung, die eine Depression auflegt, insofern wehren, indem man Dinge ausprobiert und sich nicht von vorhinein verleiten lässt und sagt, 'nee, das funktioniert bei mir eh nicht'.
Buch über Depression: Nach Grau kommt Himmelblau
Die dunkelsten Stunden seines Lebens bis hin zu neuem Licht hat Thomas Reinbacher anhand seiner Tagebuch-Notizen in seinem Buch "Nach Grau kommt Himmelblau" aufgearbeitet. Inzwischen sieht er sich als Mutmacher. Unter anderem geht er an Schulen, um junge Menschen für das Thema Depression zu sensibilisieren.
Wenn ich selber nicht auf mich achte, den Laptop zuklappe und nach Hause gehe, mit meiner Familie was mache oder mit dem Mountainbike eine Runde fahre, wird niemand anderes sich um die mentale Gesundheit kümmern. Weil niemand von außen rein sieht, wie es dir wirklich geht.
Hilfe und Infos bei Depressionen
Die Sendung wurde am 30.5.2025 aufgezeichnet.