Achtsamkeit gilt heute als wirkungsvolles Mittel gegen Stress, Erschöpfung und Angst. Meditation, Qigong, Atemübungen und Achtsamkeits-Apps versprechen: Wenn du dich innerlich stabilisierst, kannst du den Alltag besser bewältigen. Die Journalistin Kathrin Fischer nutzt manche dieser Methoden selbst – und kommt dennoch zu einer kritischen Analyse der Achtsamkeit in unserer Gesellschaft.
Achtsamkeit als Praxis: hilfreich für Stress, Angst und Krankheit
Fischer betont, dass Achtsamkeitsübungen im individuellen Bereich wertvoll sind. Sie praktiziert weiterhin Qigong und sieht Methoden der Achtsamkeit als sinnvolle Unterstützung – beispielsweise bei Panikattacken, Angsterkrankungen oder begleitend in der Krebstherapie.
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Stress gehört für viele Menschen mittlerweile zum Alltag. Schon mit kleinen Veränderungen und bewussten Pausen können Sie wieder, mehr Ruhe und Energie in den Tag bringen.
Warum sieht Kathrin Fischer Achtsamkeit kritisch?
Kritisch wird es für Kathrin Fischer, wenn Achtsamkeit zur Weltanschauung wird. Sie unterscheidet:
- Praxis: Das, was im "subjektiven Innenraum" bleibt und die persönliche Befindlichkeit stabilisiert.
- Ideologie: Die Vorstellung, alle Probleme des Lebens hätten ihre Ursache im Inneren und müssten dort gelöst werden.
Statt über politische und strukturelle Ursachen zu sprechen, heiße die Botschaft oft: "Ändere deine Haltung, werde resilient, arbeite an dir." Fischer kritisiert diese Privatisierung politischer Probleme.
Achtsamkeit ist ein Versuch der individuellen Stabilisierung angesichts von Problemen, die kollektiv erzeugt sind. Wie will man selber [das Problem mit] hohen Mieten lösen?
Neoliberalismus und Achtsamkeit: "Es gibt keine Gesellschaft"
Der Boom der Achtsamkeit begann laut Fischer mit der neoliberalen Wende in den 1980er-Jahren. Margaret Thatchers Aussage "So etwas wie die Gesellschaft gibt es nicht. Es gibt nur einzelne Männer und Frauen und es gibt Familien." stehe dafür, dass das Individuum radikal in den Mittelpunkt rückt.
Parallel dazu setzt ab den späten 1980er- und 1990er-Jahren der Erfolg von Mindfulness-Based Stress Reduction ein. Achtsamkeit reagiert auf zunehmenden Stress und Erschöpfung. Doch für Kathrin Fischer stellen sich immer noch die unbeantworteten Fragen: Warum haben die Menschen mehr Panikattacken, Angsterkrankungen und Depressionen? Und wenn Achtsamkeit das alles lindern können soll – warum gehen die Probleme nicht zurück?
Für viele Menschen ist das Leben anstrengender geworden. Statt diese Bedingungen zu verändern, werde das Individuum aufgefordert, resilient zu werden und sich an alles anzupassen.
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Beispiel Deutsche Bahn: Achtsamkeit statt Verkehrspolitik
Kathrin Fischer nennt als Beispiel die Deutsche Bahn. Verspätungen und Ausfälle seien Ergebnisse konkreter verkehrspolitischer Entscheidungen. Trotzdem verbreiten sich "achtsame" Tipps wie die Erwartungen an Pünktlichkeit loszulassen oder die Wartezeit positiv zu nutzen.
Fischer kritisiert, dass die schlechte Bahn-Infrastruktur so zu einem quasi naturgegebenen Phänomen erklärt wird, das man nicht ändern könne. Dabei zeigen andere Länder, dass ein funktionierendes Schienensystem möglich ist. Die Verkehrspolitik wird aus dem Blick gedrängt, zugunsten individueller Stressbewältigung.
Moralische Überlegenheit und gesellschaftliche Spaltung
Ein weiterer Aspekt ihrer Analyse der Achtsamkeitsszene ist die moralische Dimension. Viele Achtsamkeitspraktizierende verstünden sich als moralisch "auf der richtigen Seite". In einer Welt mit Klimakrise, Artensterben, Armut und Krieg suchen Menschen nach einem Platz, an dem sie keine Schuld tragen.
Fischer sieht die Gefahr einer moralischen Überlegenheit: Wer achtsam lebt, gelte als "Teil der Lösung". Wer das nicht tut oder nicht kann, werde schnell als "unachtsam" oder "unreif" gesehen. Das könne die Spaltung der Gesellschaft verstärken, statt Solidarität zu fördern.
Fazit: Achtsamkeit nutzen – Strukturen trotzdem verändern
Kathrin Fischers Fazit ist eindeutig: Ja zur Achtsamkeit als individuelle Praxis: zur Selbstregulation, bei Krankheit, zur Linderung von Stress, Angst und Erschöpfung. Nein zur Achtsamkeit als umfassende Ideologie, die alle Probleme ins Innere verlagert und politische, soziale und ökonomische Ursachen ausblendet.
Ihr ist wichtig, nicht nur Gefühle, Gedanken und Atem zu beobachten. Sondern auch die gesellschaftlichen Strukturen, politischen Entscheidungen und ökonomischen Rahmenbedingungen zu sehen – und an ihren Veränderungen mitzuwirken.