Die Autoindustrie steht weltweit unter Druck. In vielen Unternehmen sollen deshalb Jobs wegfallen, vor allem in Deutschland und Westeuropa. Das zeigt eine neue Befragung der Stuttgarter Unternehmensberatung Horváth & Partner, die dem SWR exklusiv vorliegt.
Um 1,5 Prozent werden die Autounternehmen - also Hersteller und Zulieferer - ihre Belegschaft im Vergleich zu 2024 in diesem Jahr durchschnittlich reduzieren.
1,5 Prozent - das klingt erst einmal nicht so dramatisch, aber: „Deutschland und Westeuropa sind von dem Jobabbau deutlich stärker betroffen als andere Länder“, sagt Frank Göller, Autoexperte bei Horváth. Fast 80 Prozent der Hersteller planen laut der Befragung, ihre Belegschaft in Westeuropa deutlich zu reduzieren, bei den Automobilzulieferern gehen 70 Prozent von einem Stellenabbau in Westeuropa aus.
Stellen fallen weg - und Jobs werden verlagert
Göller hat die Befragung der Unternehmensberatung mit durchgeführt. Und das, was ihm und seinen Kollegen 100 Branchen-Führungskräfte aus 17 verschiedenen Ländern erzählt haben, ist eindeutig: Es fallen zwar insgesamt Stellen in der Branche weg, aber vor allem gibt es einen Trend, Jobs zu verlagern. „Das war bereits im Jahr 2024 erkennbar und wird sich, nach Daten der aktuellen Umfrage für 2025, in den kommenden Jahren weiter beschleunigen“, ist Göller überzeugt.
Wirtschaft in BW in der Krise Autobranche im Abwärtsstrudel: Wann endet der Jobabbau?
Autohersteller und Zulieferer in Baden-Württemberg stecken schon länger in der Krise. Jetzt bekommen die Beschäftigten im Land die dramatischen Folgen immer deutlicher zu spüren.
So planen etwa die Hälfte der befragten Führungskräfte, neue Arbeitsplätze in Osteuropa, den USA und China zu schaffen. Besonders stark wird die Beschäftigung in den nächsten fünf Jahren nach ihrer Einschätzung in Indien wachsen. Dort, meint Göller, geht es vor allem um die große Zahl von IT-Fachkräften, die das Land hat.
Indien kommt als neuer Produktionsstandort für viele Firmen in Frage
Der große Teil des geplanten Arbeitsplatzabbaus bei Hersteller und Zulieferern in Deutschland soll nämlich in der Verwaltung stattfinden, also auch im Bereich IT – und dort bietet Indien großes Potenzial. Die Software- und IT-Branche dort beschäftigt laut der Wirtschaftsförderungsagentur German Trade and Invest bereits jetzt rund 5,4 Millionen Menschen.
Doch auch darüber hinaus wird Indien zunehmend zu einem wichtigen Produktionsstandort - oder will es werden. Nicht nur große Tech-Konzerne aus dem Silicon Valley, etwa Apple, planen eine Verlagerung von Teilen ihrer Produktion nach Indien. Zuletzt gab es auch Berichte über entsprechende Erwägungen des Automobilzulieferers Continental sowie über Pläne des Stahlkonzerns ArcelorMittal. Indien könnte dabei als Produktionsstandort vom Zollstreit zwischen den USA und China profitieren.
Mehrheit der Autofirmen bekennt sich zu Standort Deutschland
Auch wenn Unternehmen wie Porsche, Mercedes, Bosch, ZF Friedrichshafen aktuell sparen müssen und entsprechende Spar- und Restrukturierungspläne beschlossen haben: Eine Mehrheit der Unternehmen in der Autobrache bekennt sich trotzdem zum Standort Deutschland.
Das zeigen aus Sicht von Autoexperte Göller die geplanten Investitionen: fast 40 Prozent sollen laut der Umfrage in den kommenden Jahren nach Deutschland fließen, in die Digitalisierung aber auch in Produktionsanlagen für neue Fahrzeuggenerationen. Dies ist im Vergleich zur Vorjahresumfrage ein Anstieg von 14 Prozent. An zweiter Stelle bei den Investitionen liegt Nordamerika, gefolgt von Osteuropa und China.
Lage in der Branche bleibt angespannt, auch durch die US-Zollpolitik
Investitionen auf der einen, Sparprogramme auf der anderen Seite: So versuchen Hersteller und Zulieferer aus Deutschland wettbewerbsfähig zu bleiben.
Insgesamt sei die Lage in der Branche nach wie vor sehr angespannt, meint Göller. Der internationale Wettbewerb habe sich in den letzten Jahren verschärft, auch durch die Konkurrenz aus China. Und der Autoabsatz in Europa sei nach wie vor 20 Prozent niedriger als vor Corona.
Kompromiss teuer erkauft Zoll-Einigung mit den USA: Aufatmen überwiegt in Baden-Württemberg
Eine weitere Eskalation im Zollstreit sei abgewendet worden, meint der Wirtschaftsverband Unternehmer Baden-Württemberg. Dies bedeute Planungssicherheit, aber zu einem hohen Preis.
Dazu kommt die US-amerikanische Zollpolitik, die Hersteller und Zulieferer belastet. Der Zoll-Deal, den die EU und die USA nun vereinbart haben, biete den Unternehmen zwar mehr Planungssicherheit und noch gravierendere Folgen für die deutsche Autoindustrie konnten verhindert werden, meint Göller. Aber die 15-Prozent-Zölle seien dennoch eine erhebliche Belastung im Vergleich zum ursprünglichen Niveau von 2,5 Prozent.