Amina ist 21 Jahre alt, in einer festen Beziehung, macht eine Ausbildung zur Erzieherin - und trotzdem hat sie jeden Tag Geldsorgen. "Alle aus der Klasse holen sich Mittagessen und dann steht man da und überlegt. Okay, gebe ich jetzt meine letzten 5 Euro auch für was zum Essen aus oder behalte ich sie lieber im Geldbeutel und gucke, wie ich die nächsten Wochen damit klarkommen kann."
Wer Amina trifft, lernt eine freundliche, höfliche Frau kennen, mit einem etwas schüchternen, aber strahlenden Lächeln. Was man ihr nicht ansieht: Sie braucht finanzielle Unterstützung vom Arbeitsamt. So wie immer mehr junge Menschen in Baden-Württemberg. Trotzdem ist das für die 21-Jährige aus Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) mit viel Scham verbunden. Deshalb wird in diesem Text auch nur ihr Vorname genannt.
Immer mehr junge Menschen im Land auf Bürgergeld angewiesen
Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ist die Zahl der "erwerbsfähigen Jugendlichen", die Bürgergeld beziehen, seit 2019 um ein Viertel gestiegen. Als Jugendliche bezeichnet das IAB junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren. So waren im August 2025 insgesamt 66.700 Menschen unter 25 Jahren auf finanzielle Unterstützung angewiesen, 2019 waren es noch 53.772. Im Vergleich mit anderen Altersgruppen sei die Zahl junger Leistungsempfänger überdurchschnittlich gestiegen, so die IAB-Forschenden.
Eine sehr harte Belastung, findet Amina: "Vor allem jetzt in seinen jungen Jahren, möchte man viel erleben, vielleicht auch reisen und dann ist es immer schwer, da auch abzusagen, kürzer zu treten, auch wenn man den Vergleich zu anderen Freunden sieht."
21-Jährige im Bürgergeld: "Wie soll ich den Monat überstehen? Wie komme ich über die Runden?"
Amina zog aus persönlichen Gründen mit 16 Jahren von Zuhause aus, ab da bekam sie als Unterstützung Bürgergeld, damals noch Hartz-IV genannt. Nach ihrem Realschulabschluss wollte sie auf einem beruflichen Gymnasium ihr Abitur machen, doch dann wurde sie krank und es folgten mehrere stationäre Aufenthalte in einer Klinik. An einen normalen Schulbesuch war nicht zu denken, zwischen den Krankenhausaufenthalten arbeitete Amina aber immer in verschiedenen Bereichen, von der Gastro bis zur Pflege.
Mittlerweile liegt der letzte Krankenhausaufenthalt fast ein Jahr zurück und Amina fühlt sich fit genug, eine Ausbildung zu starten. Im September begann dann ihre Ausbildung zur Erzieherin. Erst mal ein Erfolg, jedoch findet das erste Jahr der Ausbildung in der Schule statt. Geld verdienen wird Amina erst im zweiten Ausbildungsjahr. "Aktuell erhalte ich nur Wohngeld vom Amt und dafür bin ich sehr dankbar, aber es reicht halt leider nicht aus und deswegen frage ich mich oft: Wie soll ich den Monat überstehen? Wie komme ich über die Runden?"
Bürgergeld trotz Ausbildung oder Schule
Fast 60 Prozent der jungen Menschen, die Bürgergeld beziehen, machen eine Ausbildung, gehen noch zur Schule oder kümmern sich um ein eigenes Kind. Sie benötigen also finanzielle Hilfe, sind aber eigentlich dabei, sich zu bilden oder müssen anderen Pflichten nachkommen.
Diese Gruppe ist meistens am längsten auf das Bürgergeld angewiesen. Aber sie schaffen auch am ehesten den Ausstieg aus der Bürgergeldunterstützung. Eine mögliche Erklärung ist laut der Studie, dass die längere Zeit an Schulen oder in einer Ausbildung zu mehr beruflicher Stabilität führt. Die Studienautoren empfehlen deshalb: Bei jungen Arbeitslosen sollte die berufliche Ausbildung Vorrang vor der schnellen Vermittlung in einen beliebigen Job haben.
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Geldsorgen trotz Ausbildung: Amina möchte anderen Mut machen
Auch wenn Amina immer noch finanzielle Sorgen hat, ist sie dankbar, nun eine Ausbildung machen zu können. Deshalb möchte sie anderen Mut machen: "Ich würde anderen Jugendlichen auf ihren Weg mitgeben, dass sie sich auf gar keinen Fall dafür schämen sollten." Es gebe eben Lebensphasen, in denen man auf Hilfe angewiesen sei und diese auch annehmen dürfe. Vielleicht sei sie "ein gutes Beispiel dafür, dass man vom Bürgergeld auch wieder wegkommen kann", sagt die 21-Jährige, "und dass man sein Leben trotz den ganzen Hürden und Hindernissen doch irgendwie hinbekommt."