"Wir haben jetzt erstmal besprochen, dass die Kinder nicht krank werden dürfen." Was wie ein schlechter Witz klingt, ist für Karin Stritt aus Leonberg (Kreis Böblingen) bitterer Alltag. Seit die Kinderarztpraxis in ihrer Nähe geschlossen hat, sucht die dreifache Mutter verzweifelt einen neuen Arzt - ohne Erfolg.
Ärztemangel bedeutet dauerhafte Unsicherheit für Familien
In der ganzen Stadt gibt es nur noch eine Praxis und die nimmt keine neuen Patienten mehr auf. Wenn dann doch ein Kind krank wird, bleibt oft nur die Hotline vom ärztlichen Bereitschaftsdienst mit langen Wartezeiten. Für Familie Stritt bedeutet der Ärztemangel dauerhafte Unsicherheit, lange Wege und im Zweifel der Gang in die Notaufnahme.
Die Kinder dürfen nicht krank werden.
Ort sucht seit vier Jahren neuen Hausarzt
In Tennenbronn im Schwarzwald (Kreis Rottweil) gibt es seit über vier Jahren keinen Hausarzt mehr im Ort. Seitdem sucht Ortsvorsteher Manfred Moosmann einen Nachfolger.
Sowohl mit Online-Anzeigen als auch mit einem Plakat am Ortseingang-Schild hat er es versucht. "Ich habe jeden aufgefordert, er soll bitte auch in seine sozialen Netzwerke und überall, wo er hinkommt, schreiben, dass wir einen Arzt brauchen. Leider hat es nicht geklappt."
Ein Dorf spielt Taxi zum Hausarzt
3.300 Menschen müssen in Nachbarorte ausweichen. Die nächste Praxis ist zehn Kilometer entfernt. Für viele ältere Menschen ist das ein echtes Problem. Denn Busse fahren nur selten. Die Dorfgemeinschaft hat daher jetzt einen ehrenamtlichen Fahrdienst organisiert.
Nach Bedarf fährt zum Beispiel Heidi Moosmann andere Menschen aus dem Dorf nach Schramberg zum Arzt. Sie ärgert es, dass ihr Einsatz überhaupt nötig ist. "Man fühlt sich schon ein bisschen vergessen. So hinterm Wald, hinterm Mond sind wir ja auch nicht, dass jetzt niemand da kommen wollte. Das wundert einen schon ein bisschen", sagt Moosmann.
Designierte Landesregierung will Kinderarztquote einführen
Ob in Tennenbronn oder in Leonberg: Noch ist keine Besserung in Sicht. Die entstehende Landesregierung aus Grünen und CDU hat das Problem aber erkannt. Zumindest auf dem Papier. Bei den Sondierungen hat man sich darauf geeinigt, neben der bereits bestehenden Landarztquote auch eine Kinderarztquote einzuführen.
Der gesundheitspolitische Sprecher der CDU, Michael Preusch, glaubt an eine schnelle Umsetzung und konkrete Pläne noch in diesem Jahr. "Wir haben einzelne Fachbereiche, die nicht mehr adäquat versorgt sind. Das sind die Kinderärzte und die Hausärzte. Ich glaube, da kommen wir relativ schnell in die Umsetzung", sagt Preusch.
Die AfD kritisiert den Vorschlag. Auf SWR-Anfrage heißt es, man brauche echte Reformen statt regionalem Umverteilen. Trotz Landarztquote seien die Versorgungsengpässe noch erheblich. Eine Kinderarztquote könne daher den Mangel, der vor allem durch Strukturen im Bund entstehe, nicht lösen.
Bundespolitikerin Weiß verspricht "Frischzellenkur" für das Gesundheitssystem
In der SWR-Sendung "Zur Sache Baden-Württemberg" versprach die CDU-Bundestagsabgeordnete Maria-Lena Weiß: "Wir unternehmen in Berlin momentan alles, was möglich ist." Sie sitzt im Gesundheitsausschuss des Bundestags. Zunächst müsse man aber die Krankenversicherung bezahlbar halten und Beiträge stabilisieren. Erst im zweiten Schritt könne man sich Strukturreformen zuwenden: "Wir brauchen ein Update, eine Frischzellenkur."
Bis man sich im Stuttgarter Landtag und in Berlin auf das weitere Vorgehen geeinigt hat, bleibt der Ärztemangel Alltag für betroffene Patienten wie Familie Stritt. Ihnen bleibt nur eins übrig: Durchhalten. "Wir versuchen Notlösungen zu ziehen im Alltag. Also entweder spontan jemanden finden oder ins Krankenhaus", sagt Karin Stritt. Solange sich am Ärztemangel nichts ändert, können sie und ihre drei Kinder nur weiterhin darauf hoffen, dass alle gesund bleiben.