Unter Flutlicht auf dem Fußballplatz in Stetten im Rems-Murr-Kreis steht Gabriel Habmann im Tor. Kreisliga, TV Stetten. Für den 37-Jährigen gehört Fußball seit seiner Kindheit zum Leben. Trotzdem hat er den Sport einmal komplett aufgegeben.
Coming-out im Fußball: Gabriel hat Doppelleben nicht mehr ausgehalten
Gabriel ist schwul, und lange war für ihn klar: Beides zusammen, Männerfußball und offen schwul leben, das funktioniert nicht. Viele Jahre hat er seine Sexualität vor Mitspielern versteckt, homophobe Sprüche wie "schwuler Pass" hat er weggelächelt.
Diese Fassade aufrecht zu erhalten, das war schon enormer Druck, enorme Energie, die ich da habe reinstecken müssen.
Mit Anfang 20 hält er das Doppelleben nicht mehr aus. Zu groß ist seine Angst, dass seine Mitspieler von seiner Homosexualität erfahren könnten und ihn ablehnen. Schließlich zieht er die Reißleine: "Ich möchte mich eigentlich nicht mehr verstellen, ich möchte ich selber sein", sagt er sich. Gabriel hört von heute auf morgen mit dem Fußball auf.
Der Weg zurück auf den Fußballplatz
Zwei Jahre lang ohne Fußball sind hart, erzählt Gabriel. Durch Zufall trifft er dann einen alten Fußballfreund beim Feiern. Sie reden über früher - und irgendwann über die Frage, warum er nicht mehr spielt. Gabriel nimmt all seinen Mut zusammen: "Dann habe ich einfach offen, frei heraus gesagt, hör zu, so ist es, ich bin schwul, und ich glaube, in meiner Welt passt es nicht zusammen."
Die Antwort seines früheren Mitspielers überrascht ihn: "Nee, überhaupt nicht, das passt hervorragend zusammen." Das war die Initialzündung für Gabriel. Er kommt zurück zu seinem Verein, zum TV Stetten. Bevor er aber richtig anfängt, schickt er an Silvester 2013 eine Nachricht in die WhatsApp-Gruppe: "Ich bin schwul. Entweder ihr nehmt mich wie ich bin oder ihr lasst es." Die Reaktionen waren durchweg positiv, erinnert sich Gabriel, "das war sehr befreiend."
Fußball und Homosexualität noch immer Tabuthema
Gabriels öffentliches Coming-out ist noch die Ausnahme. Die Kulturwissenschaftlerin Dr. Tatjana Eggeling forscht seit über 20 Jahren zu Homophobie im Sport und berät auch schwule Fußballer. Sie sagt, Schwulsein und Fußballspielen sei noch immer ein Tabuthema. Auch das Coming-out von Thomas Hitzlsperger habe nicht viel bewirkt.
Im deutschen Profifußball gebe es keinen einzigen Spieler, der öffentlich schwul lebt, so Eggeling. "Es gibt etliche Manager, die raten ihren Spielern davon ab, wenn sie es denn wissen und sagen: Dann kann ich dich ja in bestimmte Länder auch nicht verkaufen. Und auch insgesamt wird wahrscheinlich der Marktwert sinken", erklärt sich Eggeling diesen Zustand.
"Mögen die noch mit mir unter der Dusche stehen?"
Aber auch im Amateurfußball haben viele Spieler Sorge sich zu outen, beschreibt Eggeling: "Bin ich dann noch ein guter Mannschaftskamerad? Werde ich geschützt von meinem Team? Wie findet der Trainer das? Wie finden das vielleicht die Mitspieler, mögen die dann noch mit mir unter der Dusche stehen?" Das alles würde den Spielern durch den Kopf gehen, meint sie.
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Aber warum ist das Thema Homosexualität im Männerfußball noch so ein Tabu? Im Frauenfußball beispielsweise ist das längst Normalität. Ein wichtiger Grund ist für Tatjana Eggeling das traditionelle Bild von Männlichkeit. "Das ist ein sehr altmodisches Bild. Es geht davon aus, die Männer sind kampfstark, durchsetzungsfähig, nicht zimperlich und so weiter. Schwulen hingegen wird unterstellt, sie seien zimperlich und eher weich, vielleicht sogar verweichlicht."
Homophobe Sprache im Fußball
Dass im Training oder auf den Rängen bis heute Begriffe wie "schwuler Pass" fallen, würde dieses Bild verstärken. Gleichzeitig, sagt Eggeling, hätten Verbände und Vereine zwar Regenbogenfahnen an Stadien, bunte Eckfahnen oder Kapitänsbinden eingeführt. Diese Symbole seien wichtig, aber beim Thema Homophobie gebe es noch immer keine konkreten internen Fortbildungen oder klare Strategien.
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Im Profibereich ansetzen, das ist eine Strategie, um Homosexualität im Fußball in die Öffentlichkeit zu bringen. Gabriel Habmann sieht die Richtung aber eher umgekehrt: "Ich finde es schwierig, wenn man vom Profifußball glaubt, damit Normalität für den Amateurfußball zu schaffen." Veränderung müsse unten anfangen. "Wenn es unten an der Basis einfach zur Normalität wird, wird es für einen Profi auch um ein Vielfaches leichter, sich später ebenfalls zu outen."
Auch deshalb macht Gabriel seine Geschichte öffentlich. Sein Appell: "Vertraue dich einfach Menschen an. Da musst du nicht zwei Leben leben, sondern kannst einfach ein komplettes haben mit Fußball und dir selbst."