Der islamistische Attentäter, der mutmaßlich den Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day begangen hat, war nicht nur den Sicherheitsbehörden bekannt, sondern hatte auch erste Vorgespräche bei einem Deradikalisierungsprogramm. In Baden-Württemberg übernimmt diese Arbeit unter anderem das Kompetenzzentrum für Extremismus "konex".
Seit 2024 leitet Bettina Rommelfanger das konex. Im SWR-Interview spricht sie über die Arbeit mit radikalisierten Menschen, welche Gemeinsamkeiten sie haben und warnt vor einem Anstieg queerfeindlicher Straftaten in Baden-Württemberg und in der Region Stuttgart.
SWR Aktuell: Frau Rommelfanger, wie kommen die Menschen überhaupt mit konex in Kontakt?
Bettina Rommelfanger: Dadurch, dass wir als staatliches Ausstiegsprogramm an eine Polizeibehörde angedockt sind, haben wir natürlich sehr viele Fälle, die uns über die Polizei gemeldet werden. Das waren etwa im Jahr 2025 knapp die Hälfte aller 250 Fälle, die wir bearbeitet haben. Und von Jahr zu Jahr haben wir mehr Beratungen und Klienten. Neben den Fällen, die uns von der Polizei gemeldet werden, rufen die Personen auch selbst an. Wir haben eine Hotline, einen WhatsApp-Kanal und eine Website, auf der man uns findet.
SWR Aktuell: Wie arbeitet man mit Menschen, die dabei sind, sich zu radikalisieren oder bereits radikalisiert und bereit für Straftaten sind?
Rommelfanger: Unser Ziel ist natürlich, dass man extremistisches Gedankengut idealerweise vollständig ablegt und sich von der extremistischen Szene distanziert. Bei unseren Beratungen bilden wir ein Tandem aus zwei Beratern. Wir haben Islam-Theologen, Psychologen und Sozialwissenschaftler. Wir kommen auch in Kontakt mit dem Umfeld. Das kann Familie sein, die Radikalisierungstendenzen beobachtet oder sich aber einfach fragt: Wie kann ich jetzt mit jemandem umgehen, der sich radikalisiert?
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Für uns ist das persönliche Gespräch ganz wichtig. Weil unsere Experten sich in den Bereichen auskennen, in der Ideologie, kann man sich auf Augenhöhe unterhalten. Dadurch haben die Klienten das Gefühl: Die verstehen mich, die wissen, was mich bewegt. Da hat man einfach eine Brücke gebaut, über die man sich begegnen kann. Und dann arbeiten wir die Ursachen für die Radikalisierung heraus und versuchen die Klienten gesellschaftlich und emotional zu stärken. Wir gehen zum Beispiel auch zum Jobcenter, helfen bei der Wohnungssuche oder bieten Anti-Aggressionstraining an.
SWR Aktuell: Was sind das denn für Menschen, die zu Ihnen kommen?
Rommelfanger: Was wir beobachten, ist, dass es immer wieder Menschen sind, insbesondere junge Menschen, die auf der Suche nach Halt sind (Anm. d. Red.: Laut dem konex-Jahresbericht 2025 waren 75 Prozent aller Personen in Beratung männlich.) Oftmals sind sie sozial isoliert. Mobbing-Erfahrungen spielen ganz oft eine Rolle, familiäre Vernachlässigung, zum Teil auch Missbrauchserfahrungen und Gewalt. Häufig schließen sich diese Menschen im Internet dann verschiedenen Gruppen an und suchen nach Selbstwirksamkeit. Zudem gibt es immer wieder auch Überhänge zu psychischen Erkrankungen.
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Und im Kontext religiöser Ideologie haben wir auch immer wieder Menschen bei uns, die Fluchterfahrungen gemacht haben, die im eigenen Land entsprechend verfolgt wurden, die verschiedene Traumata auf der Flucht erlebt haben und die sich dann auch in Deutschland schlichtweg nicht gesehen und gehört fühlen. Häufig scheitern diese Menschen bei uns an der Bürokratie, an den vielen Auflagen, die es braucht.
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Queerfeindliche Straftaten gestiegen
SWR Aktuell: Mit Blick auf den tödlichen Anschlag auf den Berliner CSD: Inwiefern ist denn Queerfeindlichkeit ein Phänomen, dass Sie in den Beratungen beobachten können und bei welchen Personen?
Rommelfanger: Queerfeindlichkeit als Straftat ziehen wir aus den statistischen Erfassungen unserer polizeilichen Kriminalstatistik oder auch dem kriminalpolizeilichen Meldedienst. Das sind die Bereiche sexuelle Orientierung und geschlechtsbezogene Diversität. Und hier erleben wir über die letzten Jahre einen gewaltigen Anstieg in Baden-Württemberg.
SWR Aktuell: Der Attentäter von Berlin hatte erste Vorgespräche bei einem Deradikalisierungsprogramm. Laut dem Mitgründer des Programms bestanden Zweifel, ob der Attentäter die Voraussetzungen erfülle, um mit ihm weiter zu arbeiten. Was macht man denn in so einem Fall als Deradikalisierungsstelle?
Rommelfanger: Für uns ist es ganz wichtig, dass wir insbesondere in diesem ersten Gespräch feststellen, ob die Radikalisierung in einem solchen Maß ausgeprägt ist, dass jemand staatsgefährdende Gewalttaten begeht. Das ist für uns die Voraussetzung, dass wir tatsächlich auch zuständig sind und diesen Fall übernehmen.
Und das Zweite ist die Freiwilligkeit. Im Falle des Berliner Attentäters gab es eine Weisung, dass die Person mit einem Deradikalisierungsprogramm sprechen soll. Wir bewerten das oftmals als nicht ganz so zielführend, wie wenn Menschen sich an uns wenden und sagen: Ich brauche eure Unterstützung, helft mir aus der Szene.
Wir können nur dann erfolgreich Distanzierungsarbeit miteinander leisten, wenn jemand das auch von sich aus möchte. Und es gibt unterschiedliche Gründe, warum man dann auch so ein Beratungsverhältnis beendet. Bei uns ist die "Red Flag" ganz klar die Begehung weiterer Straftaten, insbesondere im Bereich politisch motivierter Kriminalität.
SWR Aktuell: Und dann?
Rommelfanger: Dann geben wir das intern in die zuständigen Hände und dann wird von dort bewertet und entschieden, wie engmaschig diese Person weiterhin beobachtet wird oder in den Fokus genommen wird. Wir haben bei uns aber keinen einzigen bekannten Fall, wo jemand nach Abschluss der Beratung polizeilich auffällig geworden ist. Eine hundertprozentige Garantie können wir aber trotzdem nicht geben.