Noch bis zum 7. März findet in Stuttgart wieder die Vesperkirche statt. Täglich werden rund 800 Essen für kleines Geld ausgegeben. Jeder kann kommen, ob reich oder arm. Die meisten Gäste müssen ihr Geld aber zusammenhalten. Einer von ihnen ist Jonathan Knodel. Alles was er noch besitzt, passt in eine mittelgroße, schwarze Reisetasche.
Obdachlos: Morgens schauen, wo es etwas zu essen gibt
Jonathan Knodel schläft in der Nähe des Stuttgarter Flughafens. Zähneputzen, Rasieren, Waschen - das erledigt der 53-Jährige jeden Morgen auf einer öffentlichen Toilette. Dann bricht er auf in den Tag und geht zur Stadtbahn: "Erst mal gucken, wo es was zu essen gibt. Dann fahr ich runter nach Stuttgart und schau, wo es was gibt. Das ist mein erster Weg, damit man einfach was im Magen hat."
In diesen Tagen hat Jonathan Knodel eine feste Anlaufstelle: die Vesperkirche in der Leonhardskirche. Hier gibt es für 1,50 Euro jeden Tag ein warmes Mittagessen, die Getränke sind kostenlos. An die 900 Ehrenamtliche helfen in den sieben Wochen Vesperkirche mit. Morgens gibt es schon Kaffee und Hefezopf, nachmittags noch Vespertüten zum Mitnehmen. Außerdem kommt beispielsweise jeden Tag ein Arzt, Vesperkirchen-Gäste können sich die Haare schneiden oder die Füße pflegen lassen.
Die Vesperkirche hier bedeutet mir sehr viel, dadurch hat der Tag Struktur. Es hilft mir auch, über manches hinweg zu kommen.
Irgendwann war die Abfindung weg und die Armut da
Bis vergangenes Jahr hat Jonathan Knodel als Testfahrer in der Automobilbranche gearbeitet. "Die Automobilindustrie ist ja gerade in der Krise, und da hat es mich auch erwischt", erzählt Jonathan Knodel. "Im April 2025 hab ich die Kündigung bekommen und eine gute Abfindung." Der 53-Jährige machte sich in der Immobilienbranche selbstständig, scheiterte aber. Hinzu kam noch die Trennung von seiner Frau, dadurch verlor er seine Wohnung.
Er zog in ein günstiges Hotel - doch irgendwann war auch die gute Abfindung dann weg. Seit November 2025 lebt er auf der Straße. Wegen seiner Selbstständigkeit hat er zunächst keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld. "Die größte Schwierigkeit in meiner aktuellen Situation ist es, positiv zu denken. Also man muss sich wirklich immer wieder sagen, der Tag beginnt und sich nicht runterziehen lassen."
Vesperkirche Stuttgart kostet jährlich 500.000 Euro
Die Vesperkirche in Stuttgart ist ein Anker. Seit mehr als 30 Jahren ist die Essensausgabe in der Leonhardskirche eine Institution. Für die Leiterin der Vesperkirche, Diakoniepfarrerin Gabriele Ehrmann, ist es nach vielen Jahren das letzte Mal. Eine der Herausforderungen, die bleibt, ist das Finanzielle, sagt sie. "Eine Vesperkirchensaison kostet eine halbe Million Euro." 400.000 Euro davon werden über Spenden gedeckt, 100.000 Euro hat die Kirche obendrauf gelegt.
Man sieht, es kann jeden an irgendeiner Stelle im Leben treffen und ihn rauskicken. Und dann ist es gut, wenn es solch einen Ort gibt, wo man Hilfe und Gemeinschaft erfahren kann.
Bald nicht mehr obdachlos? Jonathan Knodel hofft
Jonathan Knodel hofft und glaubt daran, dass es für ihn bald wieder aufwärts geht. Bald endet seine Sperre bei der Agentur für Arbeit und dann bekommt er Arbeitslosengeld. Auch bei der Suche nach einer Wohnung will die Behörde helfen. Sobald er wieder ein Dach über dem Kopf hat, will Jonathan Knodel mithilfe der Arbeitsagentur einen Job suchen. Vor Langzeitarbeitslosigkeit habe er keine Angst, als gelernter Lkw-Fahrer finde er bestimmt etwas.
Am Ende seines Mittagessens in der Vesperkirche packt Jonathan Knodel wieder seine schwarze Reisetasche, geht zurück in seine provisorische Unterkunft. Das Essen in der Kirche war lecker, sagt er, "und dass man bedient wird, das hat mich am meisten berührt, diese Wertschätzung. Jeder hier ist drauf aus, dass es einem gut geht. Also Menschlichkeit pur."