Ein unter Wasser liegendes Fahrradparkhaus, eine in einen Kanal umgebaute Autobahn und zehntausende abgeschaffte Parkplätze - in Europa tut sich etwas in Sachen Verkehrswende. Und hier in Freiburg? Die Breisgaumetropole gilt zwar als Fahrradstadt, doch andere Städte in Europa setzen ganz andere Maßstäbe: Paris, Amsterdam, Utrecht oder Kopenhagen.
Um daraus für die Verkehrswende vor Ort zu lernen, hat sich der Freiburger Filmemacher und Politikwissenschaftler Ingwar Perowanowitsch auf den Weg gemacht - auf eine Radreise quer durch Europa. Daraus entstand sein Dokumentarfilm "Cycling Cities".
Paris erlebt eine Fahrradrevolution
Bereits auf seiner ersten größeren Station in Paris zeigt sich: "Wer den öffentlichen Raum gerechter verteilt, schafft lebenswertere Städte", meint Ingwar Perowanowitsch. In der französischen Hauptstadt wurde der Autoverkehr seit 2002 halbiert, der Radverkehr stieg um 300 Prozent und die Luftqualität verbesserte sich um 40 Prozent. In Paris wurden zudem mehr als 100.000 neue Bäume gepflanzt - zehntausende sollen noch folgen. Gleichzeitig wurden zehntausende Parkplätze abgeschafft.
All das setzte Bürgermeisterin Anne Hidalgo politisch durch und kündigte es auch vor ihrer Wahl vor zwölf Jahren als Wahlversprechen an. "Das Tolle ist, dass der Radverkehr in Paris Teil der gesamten ökologischen Transformation der Stadt ist. Dort werden Straßen entsiegelt und autofreie Zonen geschaffen, kleine Stadtwälder entstehen sogar vor dem Rathaus", erklärt Perowanowitsch.
Riesige Fahrradparkhäuser als Erfolgsmodell
Auch die Radinfrastruktur spielt bei der Verkehrswende eine zentrale Rolle, meint der Politikwissenschaftler aus Freiburg. In Amsterdam etwa gibt es direkt am Hauptbahnhof ein unter Wasser liegendes, unterirdisches Fahrradparkhaus mit 7.500 Stellplätzen. "Das zeigt, wie sehr der Radverkehr dort wertgeschätzt wird. Es erleichtert es den Menschen, klimafreundlich zu pendeln und vom Auto auf Fahrrad und Zug umzusteigen."
Noch beeindruckender sei Utrecht: Mit 12.500 Rad-Stellplätzen im größten Fahrradparkhaus der Welt. Dort fahren täglich 125.000 Menschen mit dem Rad. Die fahrradfreundliche Stadt wurde von der Copenhagenize Design Company als schönste Fahrradstadt der Welt ausgezeichnet. Perowanowitsch, der seine Eindrücke in dem Dokumentarfilm "Cycling Cities" festhielt, beschreibt, dass hier nicht nur sehr breite Radwege und wunderschöne Brücken gebaut wurden, sondern dass tatsächlich eine sechsspurige Autobahn wieder in einen Kanal zurückgebaut wurde, an dem man entlangradeln kann - eine Rückkehr zur historischen, umweltfreundlicheren Stadtausgestaltung, die das Radfahren zu einem völlig neuen Erlebnis mache.
Das Auto versperrt den Weg zu einer lebenswerten Stadt!
Parkraumbewirtschaftung als Hebel
Ein weiterer entscheidender Faktor für eine funktionierende Verkehrswende sei der Umgang mit Parkplätzen. "In Utrecht können Anwohner ihr Auto im Parkhaus außerhalb der Stadt günstiger abstellen als vor der eigenen Haustüre." Denn für einen Anwohner-Parkausweis zahle man schließlich 640 Euro im Jahr, erklärt Perowanowitsch. Im Vergleich: in Stuttgart zahlt man nur rund 30 Euro, in Freiburg derzeit 200 Euro.
Sicherheit und Infrastruktur
Freiburg habe aber auch noch im Hinblick auf die Sicherheit der Radfahrenden viel Potential nach oben, meint Perowanowitsch weiter. Für Radfahrende sei das ein zentraler Punkt. "Einfache Maßnahmen wie Hochbordradwege oder Poller könnten den Fahrradverkehr besser vor dem Auto schützen und für wenig Geld einen großen Nutzen bringen", sagt der Politikwissernschaftler.
Alle, die wirklich wollen, sollten sich sicher mit dem Fahrrad fortbewegen können.
Was bremst die Verkehrswende?
Doch all das erfordert offenbar politischen Mut. Für die Erhöhung der Anwohnerparkausweise in Freiburg zum Beispiel erhielten die Entscheidungsträger im Rathaus und im Gemeinderat heftigen Gegenwind, sagt Baubürgermeister Martin Haag. Er betont: "Das Auto wird auch in Zukunft einen Platz in der Stadt haben, aber wir müssen das Auto zurückdrängen und mehr Fläche für Radfahrer, Fußgänger und Bäume schaffen." Gleichzeitig hält er aber nichts von einer Anti-Auto-Diskussion.
Wir brauchen grün, grün, grün!
Psychologe: "Menschen sind Gewohnheitstiere!"
Auch psychologisch betrachtet gibt es in der Verkehrswende bremsende Faktoren. "Menschen sind Gewohnheitstiere. Wir haben uns oft auf ein Verkehrsmittel eingeschossen", sagt Verkehrspsychologe Rul von Stülpnagel von der Universität Freiburg. Viele Menschen scheuen den Umstieg aufs Rad oder den ÖPNV, weil Wege unbekannt und unkalkulierbar wirken. Er empfiehlt, mutig in Vorleistung zu gehen und attraktive Infrastruktur sichtbar zu machen, zugleich aber die Kosten für die Autonutzung zu erhöhen. "Man muss erst eine große Masse an Radfahrenden aufbauen, damit die Option greifbarer wird", erklärt Stülpnagel.
Langwierige Baustellen nerven Radler
Im Tal liegend, hat Freiburg zudem ein Platzproblem. Akzeptanz für die Verkehrswende in der Bevölkerung zu schaffen, sei auch wegen der langwierigen Baustellen schwierig. "Das nervt natürlich", sagt von Stülpnagel. Die Zahlen zeigen: Freiburg hat auch in diesem Jahr wieder rund 300 Baustellen. Noch mehr Baustellen wären Autofahrern wohl kaum zu vermitteln.
Radverkehr in Freiburg auf Rekordniveau
Trotz dieser bremsenden Faktoren zeigt Freiburgs Fahrradbilanz 2025, dass der Ausbau von Radwegen vorankommt. An den Hauptfahrradwegen stieg der Radverkehr in den letzten zehn Jahren um mehr als 20 Prozent. "Besonders eindrucksvoll zeigt sich die Wirkung des Ausbaus am FR2: Hier hat sich die Nutzung in zehn Jahren mehr als verdoppelt - ein Plus von 142 Prozent", heißt es aus dem Rathaus.
"Die Daten ermöglichen, den Erfolg von Projekten wie dem FR2 oder zukünftig dem Radschnellweg RS6 zu evaluieren. Deshalb gibt es seit Ende 2025 eine neue Zählstelle am Abzweig Wildtalstraße Richtung Gundelfingen". Baubürgermeister Martin Haag kündigte weitere Maßnahmen an - darunter breitere und sicherere Radwege und vor allem mehr "grün, grün, grün!"
Paris, Amsterdam, Utrecht und Kopenhagen: Europäische Fahrradstädte als Vorbilder
Städte wie Utrecht, Amsterdam und Paris zeigen: Mutige, fahrradfreundliche Politik für eine gerechtere Verteilung des öffentlichen Raums kann auch Wahlen gewinnen. In Paris zum Beispiel wurde am Sonntag (22.03.26) bei der Kommunalwahl der 48-jährige Sozialist Emmanuel Grégoire zum Bürgermeister gewählt. Er gilt als jemand, der die radikale Verkehrswende seiner Vorgängerin Anne Hidalgo fortsetzen möchte.
Zwei Monate, fünf Länder und 2.000 Kilometer: Die großen Lektionen seiner Radreise quer durch Europa sind für Ingwar Perowanowitsch klar. "Mehr Platz für Radfahrende und mehr für Grünflächen. Weniger Platz für Autos, stehend oder fahrend. Dann wird Radfahren deutlich attraktiver und die Stadt viel lebenswerter!"