Die Stadtwerke Tübingen wollten durch aufwendige Street Art-Motive illegales Graffiti an ihren Gebäuden und Stromkästen vermeiden. Aber in den letzten Monaten wurden die Kunstwerke oft gezielt zerstört. Mit Schriftzügen wie "Fuck Street Art" positionieren sich Graffiti-Sprayer gegen kommerzielle Straßenkunst.
Auftrags-Street Art als Graffiti-Prävention
Straßenkunst und Graffiti prägen unseren öffentlichen Raum. Doch illegal angebrachte Tags und Schriftzüge sorgen in Städten und Gemeinden oft für Unmut. Auch Oberbürgermeister Boris Palmer (parteilos) hatte sich in der Vergangenheit oft gegen Graffiti ausgesprochen und dieses scharf verfolgt. Die Stadtwerke Tübingen hatten dafür eigentlich eine Lösung gefunden: Seit 2017 beauftragen sie Kunstschaffende damit, ihre Anlagen und Gebäude mit aufwendigen Wandbildern zu verschönern. Das spart Geld. Denn illegale Schmierereien müssen so nicht mehr regelmäßig entfernt werden. Und auch das Stadtbild wird optisch aufgewertet.
"Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht”, sagt Johannes Fritsche, Leiter des Bereichs Marketing bei den Stadtwerken Tübingen. Er hat das Street Art-Projekt initiiert. Fritsche beruft sich dabei auf ein ungeschriebenes Gesetz in der Graffiti-Szene: Gute und aufwendige Werke werden nicht einfach mit schlecht gemachten Schriftzügen übersprüht.
Eigentlich unüblich: Aufwendige Straßenkunst übersprüht
Dieses Konzept hat jahrelang gut funktioniert. Doch seit letztem Herbst wurden mindestens dreizehn der Kunstwerke an Trafostationen und Gebäuden zerstört.
Das ärgert mich natürlich. Und traurig macht es mich auch.
Der Künstler Looven hat im Auftrag der Stadtwerke viele dieser Wandbilder gestaltet. Ein großflächiges Fuchs-Motiv an der Steinlach wurde wenige Tage nach der Fertigstellung zerstört. "Es waren ungefähr 35 Stunden Arbeit und das war tatsächlich eines meiner Lieblingsbilder. Es ist natürlich bitter, wenn es dann einfach so kaputt gemacht wird", so der Künstler.
Wer hinter dem Vandalismus steckt, ist unklar. Die Kunst wird mit unterschiedlichen Tags übersprüht, die wie Signaturen der Sprayer funktionieren. Daneben steht oft dieselbe Botschaft. "Fuck Street Art" - kommerzielle Straßenkunst ist unerwünscht. Diese Auftragsarbeiten sind vielen Graffiti-Sprayern nicht politisch genug. Sie fühlen sich dadurch aus dem Stadtbild verdrängt. Und Street Art begünstige Gentrifizierung, sagt ein Tübinger Graffiti-Sprayer. Gentrifizierung bezeichnet die Verdrängung einkommensschwächerer Haushalte durch wohlhabende Schichten in innerstädtischen Quartieren.
Neue Strategie gegen Graffiti muss her
Die Stadtwerke haben das Projekt bis auf Weiteres ausgesetzt. Die Reinigung zerstörter Kunstwerke sei zu teuer und aufwendig, so Fritsche. Auch ein spezieller Überlack mit Abperleffekt hat laut den Stadtwerken nicht wie gewollt funktioniert. Die Stadtwerke wollen ihre bisherige Strategie überdenken, so Johannes Fritsche. "Wir werden bestimmt nicht aufhören, diese Stationen in irgendeiner Art und Weise zu gestalten”, sagt Fritsche.