Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (parteilos) lehnt das Angebot mehrerer Sponsoren ab, die Kosten für die Rampe für die Para-Sportlerin Cary Hailfinger zu übernehmen. Sie nehme zu viel Platz weg, teilte er dem SWR am Donnerstag mit. Die Folge wäre, dass 40 Gäste im Saal weichen müssten. "Das Problem mit nicht finanzierbaren Standards bleibt den Kommunen erhalten, da springt dann kein Sponsor mehr ein, wenn die mediale Aufregung verflogen ist", schrieb Palmer dem SWR.
Mehrere Firmen und Vereine aus der Region um Tübingen hatten der Stadt angeboten, eine Rampe oder einen Hublift für eine Sportlerehrung zu spendieren, damit Hailfinger barrierefrei auf die Bühne kommen kann. Sogar eine aus Bauklötzen gebaute Rampe wurde angeboten.
OB Palmer ist weiterhin gegen die Rampe
Auslöser der Diskussion war die Entscheidung von Palmer, keine Rampe für Hailfinger in einer Halle aufzubauen, in der die Para-Sportlerin geehrt werden soll. Grund dafür sei unter anderem, dass die Sportlerin mit Hilfe ein paar Schritte gehen könne. Die einmalige Nutzung der Rampe sei zudem unverhältnismäßig teuer. Auch Sitzplätze würden verloren gehen. Und das Geld solle lieber dauerhaft Inklusions-Projekten zugutekommen, so der Tübinger OB als Antwort auf Kritik des Allgemeinen Behindertenverbands Deutschland (ABiD).
Scharfe Kritik vom Behindertenverband
Palmers Ablehnung einer Rampe ist für ihn völlig unverständlich, sagte Markus Graubner, Bundesvorsitzender des ABiD. Er verwies auf Gesetze, die Barrierefreiheit garantieren sollten. Behinderte Menschen seien nicht die Lückenbüßer für Haushaltslöcher. Der Fall Cary Hailfinger ist für Graubner, der selbst im Rollstuhl sitzt, auch symbolisch. Er forderte Palmer dazu auf, seine Entscheidung noch einmal zu überdenken.
Behinderte sind nicht die Lückenbüßer für Haushaltslöcher.
Stadt Tübingen arbeitet an einer nachhaltigen Lösung
Die Tübinger Sozialbürgermeisterin Gundula Schäfer-Vogel (SPD) sieht die Sache nicht so klar wie Palmer. Gemeinsam mit Führungskräften aus den Fachbereichen und Cary Hailfinger arbeite sie an einer nachhaltigen Lösung, teilte sie dem SWR mit. Eine Möglichkeit wäre durchaus, dass ein Sponsor die Kosten für eine Rampe oder einen Hublift übernimmt.
Hailfinger hatte die Stadt zuvor aufgefordert, eine langfristige Lösung zu finden. In der Vergangenheit habe es immer wieder Situationen gegeben, in denen Sportlerinnen und Sportler im Rollstuhl keinen barrierefreien Zugang zur Bühne bekommen hätten. Sie mit oder ohne Rollstuhl auf die Bühne zu tragen sei keine Option, so Hailfinger. Das gehe aus gesundheitlichen und versicherungstechnischen Gründen nicht. Außerdem wollen sie es aus eigener Kraft auf die Bühne schaffen.
Strapazierte Stadtkassen als Begründung
Die Stadt Tübingen hatte ursprünglich argumentiert, die Rampe sei zu teuer. Für den einmaligen Gebrauch würden rund 1.200 Euro anfallen - zu viel für die strapazierte Stadtkasse. Als Alternative hatte Palmer vorgeschlagen, Cary Hailfinger vor der Bühne zu ehren. Auch denkbar sei, dass alle Sportlerinnen und Sportler vor der Bühne ausgezeichnet werden. Auch eine Spende in Höhe von 600 Euro an einen Verein käme infrage.
Wie reagieren Gemeinden in Baden-Württemberg auf die Debatte?
Laut Christopher Heck vom Gemeindetag Baden-Württemberg sind Gemeinden grundsätzlich dazu verpflichtet, öffentliche Räume barrierefrei zu gestalten - allerdings nur in einem "angemessenen" Rahmen. Das hänge auch von der finanziellen Lage der Kommune ab, die vielerorts angespannt sei.
OB Reutlingen: Barriererfreier Zugang überall ist "unrealistisch"
Auch in Reutlingen wäre es unrealistisch, in jeder Veranstaltungshalle einen barrierefreien Zugang zur Bühne zu schaffen, sagt Oberbürgermeister Thomas Keck (SPD). Laut einer Firma für Liftsysteme aus Mössingen hat die Stadt Gerlingen (Landkreis Ludwigsburg) sich vergangenes Jahr einen mobilen Hublift für 15.000 Euro angeschafft, um für solche Fälle vorbereitet zu sein.