Erfolgreicher Dirigent und NSDAP-Mitglied

Nazi oder nicht? Diskussion um Herbert-von-Karajan-Büste im Theater Ulm neu entfacht

Er gilt als einer der erfolgreichsten Dirigenten, war aber auch NSDAP-Mitglied: Herbert von Karajan. In Ulm gibt es aktuell eine Diskussion um sein Gedenken in der Stadt.

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Von Autor/in Dennis Bechtold

Herbert von Karajan war ein äußerst erfolgreicher Dirigent im 20. Jahrhundert, startete seine Karriere am Theater Ulm. Karajan war aber auch Mitglied der NSDAP. Über seine Rolle im Nationalsozialismus schreiben seit Jahren verschiedene Historiker mit teils unterschiedlichen Annahmen. Ein weiteres Buch über Karajan hat jetzt die Diskussion um sein Gedenken neu entfacht, auch in Ulm.

Karajan-Büste im Theater Ulm

Der 1. Stock im Theater Ulm: Zahlreiche Tische und Stühle laden die Gäste im Foyer zum Verweilen an. Getränke gibt es an der Bar. Die Besucher tauschen ihre Erwartungen aus, bevor sie ins sogenannte Große Haus gehen, dem Herzstück des Theaters. Alles unter einem fast schon strengen Blick Herbert von Karajans, der die Theaterbesucher zu beobachten scheint. Genauer gesagt, eine Büste von ihm, die auf einem Sockel platziert ist.

Die Büste von Herbert von Karajan im Foyer des Theaters Ulm ist an einer Säule befestigt.
Die Büste von Herbert von Karajan im Foyer des Theaters Ulm.

Diskussionen um die Büste gibt es schon seit mehreren Jahren, spätestens als das Theater Aachen 2023 sein Karajan-Bildnis aus dem Foyer entfernen ließ. Die Zukunft der Büste in Ulm ist aber noch offen, erklärt Kay Metzger. "Ich persönlich finde es nicht gut, wenn man Vergangenheit ausradiert", so der Intendant des Theaters Ulm. "Denn dann verliert man auch das Bewusstsein dafür."

Kontext statt Canceln?

Metzger könne sich eher vorstellen, an dem Sockel der Büste eine erklärende Hinweistafel zu befestigen, "dass man einfach diese Büste auch als Reflexionsmöglichkeit wahrnimmt". Karajan habe das deutsche Musikleben über Jahrzehnte geprägt, aber man müsse ihn durchaus auch mal "kritisch reflektieren".

Nahaufnahme von dem unteren Teil der Büste, die Karajan darstellt mit einem Schriftzug. Die Büste steht im Theater Ulm auf einem Sockel, an dem ein Hinweisschild platziert werden könnte.
Am Sockel, auf dem die Büste steht, kann sich Intendant Kay Metzger ein Hinweisschild vorstellen. So könnten sich die Besucher des Theaters Ulm über die Vergangenheit von Herbert von Karajan vor Ort informieren.

Dieser Aufgabe haben sich schon mehrere Autoren angenommen, mit teils unterschiedlichen Ansichten. Für die jüngsten Diskussionen sorgt ein Werk des deutsch-jüdischen Historikers Michael Wolffsohn, der Karajan in seinem Buch und auch in einem Interview mit dem NDR von einigen Vorwürfen freispricht.

Seiner Auffassung nach ist Karajan kein "Gesinnungs-Nazi", sondern ein "Formal-Nazi" gewesen. Heißt: Er war zwar Mitglied der NSDAP, das sei aber eine Voraussetzung für seine Anstellung als Generalmusikdirektor in Aachen gewesen. Die Gesinnung der NSDAP habe er nach seinen Recherchen allerdings nicht geteilt.

Bekommt das Theater eine neue Adresse?

Auf die Veröffentlichung von Wolffsohns Buch hat auch eine Arbeitsgruppe der Stadt gewartet, die sich um die Umbenennung von Straßen kümmert. Der Herbert-von-Karajan-Platz 1, die Adresse des Theaters Ulm, ist schon länger im Fokus, erklärt Kulturbürgermeisterin Iris Mann.

Eine Stele mit der Adresse "Herbert-von-Karajan-Platz 1" vor dem Bühneneingang des Theaters Ulm als Zeichen des Gedenkens an Karajan.
Auch in der Adresse des Theaters Ulm spielt das Gedenken an Herbert von Karajan eine Rolle.

Allerdings sei der Fall Karajan "diffiziler." Nach ihrem Kenntnisstand habe sich der Dirigent "nicht persönlich irgendwelcher Menschheitsverbrechen schuldig gemacht". Er habe aber von den "grauenhaften Nebenwirkungen des Systems, was Vertreibungen von Künstlern und Künstlerinnen angeht" profitiert und so seine Karriere fortgesetzt. Hier gebe es kein "schwarz und weiß".

Die Arbeitsgruppe hangelt sich an verschiedenen Kriterien entlang und hat am Ende drei Möglichkeiten: Umbenennung des Platzes, keine Änderung oder Hinweisschilder, wie die Stadt es bereits in der Mohrengasse gemacht hat. Eine Entscheidung darüber soll es laut Iris Mann aber vermutlich erst im Herbst geben.

Herbert von Karajan - ein Nazi oder ein Karrierist?

Bis dahin ist bereits das nächste Buch über Herbert von Karajan angekündigt, geschrieben vom deutschen Musikwissenschaftler Wolfgang Rathert. Vielleicht bringt dieses Werk eine neue Diskussionsgrundlage, ob Karajan wirklich nur ein Karrierist oder doch mehr in der NS-Zeit war.

Intendant des Theaters Ulm, Kay Metzger steht neben dem Plakat des neuen Stücks "Mephisto" dass durchaus Parallelen zur Geschichte von Herbert von Karajan hat.
Kay Metzger am Tag der Premiere des neuen Stücks: Mit einer Bühnenfassung basierend auf dem Roman "Mephisto" zeigt das Theater Ulm seit Donnerstagabend eine ähnliche Geschichte wie die des Herbert von Karajan.

Ein Karriere-Aufstieg eines Künstlers in Zeiten des Nationalsozialismus - das ist auch Thema in dem Werk "Mephisto" des Autors Klaus Mann. Wie es der Zufall so will, feierte ein Stück basierend auf dem Roman am Donnerstagabend Premiere im Theater Ulm. Die Büste von Herbert von Karajan wird in den kommenden Wochen das Publikum zunächst weiter beobachten. Dann vielleicht mit einer einordnenden Hinweistafel.

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Autor/in
Dennis Bechtold
SWR-Aktuell Redakteur Dennis Bechtold

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